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Wolfgang Lehner, Zinkevych / Kollektion / iStock / Getty Images Plus

Ein Coach für alle Fälle

06.03.2026 um 00:00, Jürgen Philipp
min read
Coaching. Eine Branche zwischen Hype, Handwerk und KI. Warum Coaching boomt, wie man den richtigen Coach findet und welche Rolle KI übernehmen wird.

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Sie lachen einem auf ­YouTube, Insta und TikTok entgegen – die Finanz-Coaches, die Anlagen-­Coaches, die Outfit-Coaches oder sogar die Divorce-Coaches. ­Coaching – bloß ein Buzzword? Für scheinbar jede Lebenslage gibt es Coaches und doch gibt es klare und auch rechtlich relevante Unterscheidungen. ­Thomas Turner, Geschäftsführer der MIT GmbH, ist nicht nur selbst Coach und Mediator, sondern ­bildet auch solche aus. Er klärt auf: „Coach und Coaching ist ein freier Begriff, die Tätigkeit allerdings nicht.“ Wer Coaching also professionell betreibt, der muss Auf­lagen erfüllen. Will man privat coachen, braucht man als Grundlage die Qualifikation des Lebens- und Sozialberaters. Eine Ausbildung, die in der Regel sechs Semester dauert. Wer im Business-Kontext coachen möchte, muss das reglementierte Gewerbe „Unternehmensberater“ anmelden, für das man klar definierte Voraussetzungen erfüllen muss. Will man mit professionellem Coaching also Geld verdienen, reicht ein YouTube-Kanal allein nicht – und das ist gut so, wie Turner meint, denn: „Coach kommt vom englischen Kutscher. Der Klient steigt auf die Kutsche, sagt, wohin er will – und wir begleiten ihn ans Ziel.“ Und dafür braucht es neben fachlichen Skills auch jede Menge Empathie, denn es geht nicht um fertige Lösungen. „Ich bin kein Berater“, betont Turner. 
„Ich sage niemandem, was er tun soll. Ich stelle zielführende, manchmal auch irritierende Fragen. Die Lösung liegt immer beim Klienten.“
 

Thomas Turner Geschäftsführer MIT GmbH, Coach und Mediator

Niederschwellig statt elitär

Lösungen, die oft mit dem radikalen Wandel unserer Wirtschaftswelt zu tun haben. Die Arbeitswelt steht unter Dauerspannung. Transformation, Fachkräftemangel, hybride Teams und permanente Unsicherheit prägen die moderne Wirtschaft. Wer heute führt, entscheidet oder Verantwortung trägt, soll resilient, empathisch und gleichzeitig hochperformant sein. Kein Wunder also, dass Coaching boomt. „Coaching ist kein kurzfristiger Hype“, erläutert Gregor Höller von Leaders21 und ergänzt: „Wäre es nur ein Trend, würde er wieder abschwellen. Stattdessen sehen wir einen immer breiteren Markt und neue Zielgruppen.“ Zielgruppen, die man mit dem von Leaders21 entwickelten KI-Tool Milla erreichen möchte. „Wir haben gemerkt, dass Coaching oft elitär ist – ­teuer, exklusiv und schwer zugänglich. Dabei braucht die moderne Arbeitswelt genau das Gegenteil: schnelle Orientierung, Sicherheit und niederschwellige Angebote.“
 

Business Coaching wird nicht selten im Gruppensetting abgehalten. Disharmonien im Team sind einer der „Klassiker“ der Branche.

Coaching zwischen Mentoring und KI

Mit Milla verfolgen Höller und sein Team – darunter auch Serial Entrepreneur und Ex-Runtastic CEO ­Florian ­Gschwandtner – einen hybriden Ansatz. „Wir ­bieten damit eigentlich eine Mischung aus ­Coaching und Mentoring“, erklärt ­Höller. „Manche Menschen wollen nicht nur Fragen gestellt, sondern auch bewusst eine Antwort bekommen.“ Milla steht dabei für „Mentoring, Impuls, Lifelong ­Learning Assistant“. Eine KI-gestützte Begleitung, die rund um die Uhr verfügbar ist – anonym, respektvoll und klar abgegrenzt. „Ein KI-Coach ist besser als gar kein Coach“, sagt Höller offen. „Aber wir ziehen ganz klare Leitplanken. Alles, was in Richtung Therapie oder medizinische Fragen geht, ist ausgeschlossen.“ ­Felder, die bei jeder Form des professionellen Coachings tabu sind. Doch KI wird oft als Therapeut missbraucht und die Technologie überschätzt sich dabei massiv. Milla erkennt hingegen seine Grenzen. Er bietet einen ganz klaren Vorteil: „Die Hemmschwelle ist niedriger“, so Höller. „Gerade junge Menschen sind oft offener, wenn sie nicht sofort mit einem Menschen sprechen müssen.“ Trotzdem betont er: „KI hat keine emotionale Intelligenz. Sie ersetzt den Menschen nicht – sie führt an Coaching heran.“ Technologisch setzen die Entwickler auf Sicherheit und Individualisierung. „Jedes Unternehmen, das ­Milla nutzt, hat seine eigene In­stanz. Milla ist selbstverständlich DSGVO-konform und hat keinen Zugang zum Live-Internet. Damit stellen wir sicher, dass es keinen Datenrückfluss gibt. Die Daten bleiben beim User. Das hat mit öffentlichen LLMs nichts zu tun“, erklärt Höller. Nutzen Unternehmen Milla,
so „geben wir den Sprachmodellen die DNA des Unternehmens mit, sprich die Werte, Sprache und die Kultur“.
 

Leaders21 bieten klassisches Business Coaching an. Gleichzeitig haben sie mit Milla einen KI-Mentor für Führungskräfte geschaffen.

Vom Change zur Chance

Den Impact von KI-Tools wie Milla auf die Branche, schätzt Thomas Turner realistisch ein: „Das Zwischenmenschliche fehlt natürlich, doch es wird auch dafür einen Markt geben. Der Zugang wird von totaler Begeisterung bis zu völliger Ablehnung reichen. Dazwischen liegt die breite Masse.“ Dass es „menscheln“ muss, steht für Turner außer Zweifel. Das beobachtet er auch an seinen Kunden, die er zu künftigen Coaches und Mentoren ausbildet. Viele Personen, die er dabei begleiten darf, sind selbst Führungskräfte. „Habe ich gute Führungskräfte, können sie ihren Job gut machen“, meint er. Coaching sei dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung. Turner selbst war in einigen Führungspositionen tätig: „Ich war in KMU und Konzernen für Change- und Innovationsprozesse zuständig.“ Eine gute Basis, denn eben solche Prozesse stehen oft im Fokus von Coaching-Sessions. Die häufigste Frage im Business Coaching  bleibt aber: „Wie mache ich meinen Job so gut wie möglich?“ Danach folgen Konflikte – im Team, zwischen den Führungsebenen und in Veränderungsprozessen. „Menschen haben kein Problem mit Veränderung. Sie haben ein Problem damit, verändert zu werden.“
 

92  Prozent aller Jugendlichen nutzen bereits KI-Bots als „Freunde“ und damit auch als „Berater“. Im Business will man sich darauf nicht verlassen.

Ehrliches Handwerk statt Voodoo-Zauber

Ob Turner ein Problem damit hat, dass sich der (freie) Begriff „Coaching“ verändert hat und mit Heilsversprechungen jeder Art verwässert wird? Freude hat er damit natürlich keine. „Es ist daher wichtig, dass wir uns abgrenzen. Coaching hat nichts mit ­Esoterik zu tun. Es ist ein hochprofessionelles Handwerk.“ Und Handwerk hat eben nichts mit Pfusch zu tun. Daher können Coachingprozesse auch durchaus länger dauern. Wie lange? „Das entscheidet der Kunde. Er weiß, wann das Ziel erreicht wird. Das liegt in seiner Eigenverantwortung.“ 
In dieser liegt auch, ob sich Klienten für klassisches oder digitales, menschliches oder KI-gestütztes Coaching entscheiden. Fakt ist, dass ­gerade Business Coaching längst mehr als ein Luxusangebot ist. Es wird zu einer Selbstverständlichkeit in einer Wirtschaftswelt, die nach Orientierung verlangt, oder – um das Kutschen-Bildnis von Thomas Turner nochmals zu bemühen: „Wer sich begleiten lässt, kommt weiter.“

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