Corona hat das Übergabethema in Unternehmen ­verschärft. Viele Familien wollten ihr Unternehmen im Vorjahr übergeben oder ­verkaufen. Wir fragten nach, worauf es ankommt.
Autor: Klaus Schobesberger, 20.12.2021 um 06:00 Uhr

All diese Zahlen sind beeindruckend: 90 Prozent der Betriebe in Österreich sind Familienunternehmen (EU-Definition im weiteren Sinn). Sie beschäftigen 71 Prozent aller Erwerbstätigen und erwirtschaften 61 Prozent aller ­Umsätze. Aber hinter manch vermeintlich harmonischer Familienfassade bröckelt es. Die Nachfolgefrage ist oft ungelöst oder wurde zu spät angegangen, zwischen den Generationen herrscht ­Funkstille und der Schritt ins digitale Zeitalter wurde schlicht verschlafen. Corona wirkte hier noch einmal wie ein Brandbeschleuniger. Das bestätigt auch Sandra Thaler. Die Wirtschaftsmediatorin, Juristin und Businesscoachin begleitet seit Jahren Unternehmen beim Übergabe- oder Verkaufsprozess. Ihre Erfahrungen hat sie im Buch „Erfolgreiche Unternehmensnachfolge“ zusammengefasst. „Die Pandemie war eine Zäsur und hat uns vor große Herausforderungen gestellt. Viele Familien wollten ihr Unternehmen im Vorjahr übergeben oder verkaufen“, sagt Thaler im Gespräch mit ­CHEFINFO. Die Nachfolge- und M&A-Projekte seien auch in ihrem Beratungsunternehmen sprunghaft angestiegen. „Ich habe heuer bis Ende Mai so viele Nachfolgeverhandlungen geleitet wie sonst im gesamten Jahr. Es ist eine unglaubliche Dynamik im Markt“, sagt die Expertin.

Firmen als Anlageobjekte

Mittlerweile wenden sich auch Käufer an Thaler, weil ­Familienunternehmen zu einem begehrten Anlageobjekt geworden sind. Es ist sehr viel Kapital im Markt und Investoren suchen nach Firmen mit guter Bonität. Sein Unternehmen schnell zu verkaufen, davon rät Thaler dringend ab: „Es ist das Schlechteste, was man tun kann. Das ist ähnlich wie bei einer Immobilie.“ Die Wirtschaftsmediatorin wird auch von Familienunternehmen beauftragt, sie beim Verkaufsprozess zu begleiten – mit dabei sind auch eingespielte Partner wie Steuerberater und Notare. Ziel ist es immer, einen fairen Kaufpreis auszuhandeln. „Familienunternehmen, die eine ­Chance haben, weitergeführt zu werden, sollten diese Chance auch nützen“, sagt Thaler. Dass die junge Generation sich nicht mehr zur Übernahme verpflichten lässt, bestätigt Thaler. „Wobei wir auch hier ganz genau hinsehen müssen. In vielen Familien wird nicht Tacheles geredet. Einer der häufigsten Stolpersteine ist die fehlende Kommunikation.“ Wie hoch sollen die Gewinnausschüttungen sein? Wie soll die Leistung des Seniors abgegolten werden? Fragen, die oft ungeklärt bleiben. Thaler erwähnt auch einen jungen Steuerberater, der seinem Vater zuliebe alle Prüfungen absolviert hat, um die Kanzlei zu übernehmen, aber in Wahrheit Schauspieler werden wollte.

Maßgeschneiderte Lösungen

Offene Kommunikation und gute Vorbereitung sind wichtig, bestätigt auch der Ennser Notar Bernd Alber. Firmenübergaben gehören zum Geschäft und als erfahrener Berater spielt der Notar in diesem Bereich eine wesentliche ­Rolle: Der Notar gestaltet maßgeschneiderte Lösungen sowohl für den Unternehmens­nachfolger als auch für jene Familienmitglieder, die keine Unternehmensanteile übernehmen. Stichwort „Erb- und Pflichtteilsrecht“: „Der Unternehmensnachfolger sollte bestmöglich abgesichert in die Selbstständigkeit starten können und somit sollten Auszahlungen an Geschwister des Übernehmers bereits im Vorfeld geregelt werden“, sagt Alber. Pflichtteilsverzichte der weichenden Kinder bzw. des Ehepartners sind notariatsaktspflichtig. Im Zuge der Übergabe berät der Notar die Parteien auch hinsichtlich der richtigen Rechtsform für ihr Unternehmen, vom Einzelunternehmen über Personengesellschaften bis zur GmbH und AG. Entscheidend ist auch die Aufklärung durch den Notar über das jeweilige Haftungsrisiko des Unternehmers/Geschäftsführers. „Eine immer größere Rolle in meiner Beratung spielt bei Familienunternehmen das Thema ‚Persönliche Vorsorge‘: Vorsorgevollmachten und Testamente. Mit diesen Instrumenten will der Unternehmer sicherstellen, dass sein Unternehmen auch dann weitergeführt werden kann, wenn er dazu nicht mehr selbst in der Lage ist“, erläutert Alber.

Es geht um Vertrauenskultur

Was machen Familienunternehmen richtig, die bereits mehrere Generationen bestehen? Thaler nennt die Gebrüder Weiss mit Hauptsitz in Vorarlberg als Beispiel. Das 1823 gegründete Transportunternehmen hat früher Monarchen kutschiert und ist heute immer noch eine der führenden Speditionen. „Das Geheimnis dieser Firmen ist: Sie haben sich immer nach dem Bedarf des Marktes orientiert und ihre Unternehmen an Veränderungen rasch angepasst. Diese Firmen sind nicht produktverliebt, sondern immer bereit, das Alte zu verwerfen, wenn es notwendig ist.“ Auch heute ist die Zukunftsfähigkeit des Familienunternehmens entscheidend. Aber auch flache Hierarchien und die Art der Führung sind wichtig. „Die Macht in einer Hand ist nicht mehr zeitgemäß. Es geht mehr denn je um Vertrauenskultur, die aufgebaut werden muss. In einer vernetzten, schnelllebigen globalisierten Welt muss sich einer auf den anderen verlassen können.“ Daher gehören die Stakeholder – Mitarbeiter und Kunden – verstärkt eingebunden. „Wir müssen die Menschen bei Veränderungen mitnehmen und gleichzeitig begeistern und motivieren“, sagt Thaler.