Betten Reiter: Kuschel-Faktor

CHEFINFO: Sie stecken 4,5 Millionen Euro in die Neugestaltung Ihrer Geschäfte. Investieren als das Gebot der Stunde?

Peter Hildebrand: Corona konnte uns davon nicht abhalten. Wir sind liquiditätsmäßig gut aufgestellt und können die Investitionspläne gut umsetzen. Heimtextilien und Einrichtung zählten im letzten Jahr zu den Gewinnern. Viele nutzten die Zeit, ihr Zuhause zu verschönern. Auch das kam uns zugute.

CHEFINFO: Betten Reiter wurde 1953 gegründet. Wie wichtig ist dem Kunden öster-reichische Unternehmenstradition?

Hildebrand: Tradition ist das Sahne­häubchen, das den Kaffee noch schmackhafter macht. Aber wenn der Rest des Angebots nicht passt, spielt sie keine Rolle. Dennoch ist zu bemerken: Der Prozentsatz der Kunden, die bewusst bei österreichischen Unternehmen kaufen, ist deutlich gestiegen. Dafür sind wir sehr dankbar.

CHEFINFO: Worin unterscheidet sich Ihr Unternehmen vom Mitbewerb?

Hildebrand: Mit dem Auftreten von Corona war auch unser Positionierungsprozess abgeschlossen. Als ob wir es geahnt hätten. Wir haben seit vielen Jahren unsere Verhaltensweise in Richtung Nachhaltigkeit getrimmt. Wir erzeugen im Unterschied zu anderen selbst Decken und Kopfpolster hier in der Zentrale in Leonding. Vor zwei Jahren wurde eine selbst erzeugte vegane Linie aufgelegt, die sehr gut nachgefragt wird. Wir sind stark in der Beratung. Wir finanzieren uns aus dem Cashflow und verschulden uns nicht. Betten Reiter hat „nur“ 18 Filialen, aber die sind gesund. Auch das ist eine Art Nachhaltigkeit. Das hilft einem in der Krise.

Zitat Peter Hildebrand, Geschäftsführer Betten Reiter

CHEFINFO: Sie sind seit 1989 im Unternehmen und halten seit 2005 die Mehrheit über die Cornelia Hildebrand Privatstiftung. Zuvor waren Sie Topmanager in einem internationalen Konzern. Was hat Sie am Einzelhandel gereizt?

Hildebrand: Ich war zwölf Jahre in der Erdölindustrie tätig und hatte in neun Ländern einen Wohnsitz, danach hatte ich genug. Meine Frau erfuhr vom Neubau hier in Leonding und dass ein Geschäftsleiter gesucht wurde und sie fragte mich: „Traust du dich?“ Ich sagte: „Natürlich.“ Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung von Heimtextilien, aber ich habe rasch gelernt. Ich habe gut beobachtet und mich um Sachen gekümmert, die niemand sonst gemacht hat.

CHEFINFO: Ist Hemdsärmeligkeit Teil des Erfolgs?

Hildebrand: Wir sind sehr flach in der Hierarchie. Ich helfe auf allen Ebenen mit: bei Eröffnungen mit dem Handhubwagen und als Bauleiter (lacht …). Es gibt in unseren Filialen keine Steckdose, die ich nicht mitgeplant habe.

CHEFINFO: Wie bleibt man im Einzelhandel ganz oben?

Hildebrand: Du musst dich schnell verändern und viele richtige Entscheidungen treffen. Wir sind konservativ, sehr kunden- und mitarbeiterorientiert und gleichzeitig sehr modern. Zum Beispiel in der EDV-Technik. Wir haben bereits vor sechs Jahren die elektronische Preisauszeichnung eingeführt. Wir haben ein – vom Auftragseingang über die Maschinensteuerung in der Schneiderei bis zur automatischen SMS an den Kunden – vollelektronisches Vorhangverkaufsprogramm entwickelt, das uns zum Marktführer in diesem Segment gemacht hat.

Autor: Klaus Schobesberger, 30.06.2021