Arbeitskräftemangel bedrohlicher als Energiekrise

Die Zuversicht, dass 2023 ein Durchschnittsjahr werden könnte, ist deutlich gestiegen. Beim Thema Arbeitskräftemangel braucht es rasche Lösungen und die Energiepolitik benötigt mehr Realismus, sagen Vertreter der Industrie.
Autor: Klaus Schobesberger, 20.01.2023 um 13:23 Uhr

Die Welt ist 2023 keine einfachere, die Dramatik der Ereignisse des Vorjahres ist aber vorbei, sagt Stefan Pierer, seines Zeichens Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ). Der nicht gerade für Zweckoptimismus bekannte Chef und Mehrheitseigentümer der global tätigen Pierer Mobility AG zeigt sich im traditionellen Jahresauftakt-Pressegespräch der Interessensvertretung betont zuversichtlich. Es sei eine realistische und zugleich positive Einschätzung, sagt der Unternehmer. Denn man könne Stimmung und Wirtschaft nicht trennen – 50 Prozent seien bekanntlich Psychologie. So gesehen, ist das Glas halb voll: Globale Lieferketten kommen wieder in Fahrt, Energiepreise – obwohl in Europa immer noch um rund 50 Prozent höher als in Nordamerika und Asien – haben sich in Richtung eines normalen Niveaus eingependelt. Die wirtschaftliche Lage in den USA sei besser, als erwartet und die Covid-Öffnung in China werde der heimischen Wirtschaft im zweiten Halbjahr einen Schub verleihen. „Die Zuversicht, dass 2023 ein Durchschnittsjahr werden könnte und keine tiefe Rezession folgt, ist deutlich gestiegen, die Anspannung bleibt jedoch hoch“, fasst es Pierer zusammen.

Wenig hilfreiche „Überschriften aus Brüssel“

Letztlich erweise sich die Krise auch als ein Motor des Fortschritts, weil erzwungene Innovation besser funktioniere als freiwillige. Der produzierende Sektor hat sich in dieser Beziehung als anpassungsfähig erwiesen. „Die oberösterreichische Industrie zeigt, dass sie unter den schwierigsten Umständen erfolgreich sein kann“, sagt Pierer – nicht ohne die Gefahren zu erwähnen: Die schleichende Deindustrialisierung in Europa sei aufgrund der exorbitant hohen Energiekosten nicht vom Tisch. Mit Kritik an der EU wird dabei nicht gespart: Den beim Weltwirtschaftsforum in Davos von EU-Präsidentin Ursula von der Leyen präsentierten Industrie-Subventionsplan hält Pierer für „eine weitere Überschrift aus Brüssel, mit der die Industrie nichts anfangen kann“. Bereits während der Energie- und Strompreisexplosion warf der Industriechef den EU-Behörden Versagen vor. Auch die Inflation sei noch nicht gebannt, sie werde mit sechs bis sieben Prozent heuer hoch bleiben: „Der Zweitrundeneffekt der Teuerung ist noch nicht durch. Die Gehaltserhöhungen der letzten Lohnrunden werden sich in Dienstleistungsbereichen wie der Gastronomie gnadenlos durchsetzen.“ Kritisch stuft Pierer den harten Kurs der kommunistischen Partei Chinas gegen das Unternehmertum im eigenen Land ein; das plötzliche Verschwinden des milliardenschweren Gründers von Alibaba, Jack Ma, wurde von Investoren aus dem Westen mit Sorge beobachtet. Auf der Suche nach alternativen Produktionsstandorten werden andere Schwellenländer wie Indien profitieren, ist Pierer überzeugt.

Ich gehe nicht davon aus, dass die Grünen dafür verantwortlich gemacht werden wollen, wenn es zu weiteren Leistungseinschränkungen in der Medizin, der Pflege, in den Schulen, in Hotellerie und Gastronomie oder zu weiteren Verlagerungen der Industrie ins Ausland kommt.

Arbeitskräftemangel: Kein Verständnis für „grüne Bedenkenträger“

Deutlich wird der Industrielle beim Arbeitskräftemangel, „der 2023 das dominierende Thema bleibt“. Enttäuschend sei, dass die im Vorjahr von der IV präsentierten steuerpolitischen Anreize unter dem Titel „Leistung muss sich wieder lohnen“ bei der Regierungsklausur im Jänner nicht aufgegriffen wurden. Arbeit im Regelpensionsalter muss attraktiver werden, auch bei Überstunden muss mehr im Geldbörserl bleiben. „Die Argumente der grünen Bedenkenträger sind völlig aus der Zeit gefallen. Weder nehmen Alte den Jungen Jobs weg noch führen mehr Überstunden zu mehr Arbeitslosigkeit“, sagt Pierer. 220.000 offene Stellen zählt man derzeit in Österreich. In den kommenden zwölf Jahren werden aufgrund der demografischen Entwicklung rund 540.000 Jobs unbesetzt bleiben. Das betrifft nicht nur die Industrie, sondern das Gesundheits- und Bildungssystem bis hin zu Dienstleistungen. Es brauche einen nationalen Schulterschluss, um alle Potenziale am Arbeitsmarkt zu heben. „Ich gehe nicht davon aus, dass die Grünen dafür verantwortlich gemacht werden wollen, wenn es zu weiteren Leistungseinschränkungen in der Medizin, der Pflege, in den Schulen, in Hotellerie und Gastronomie oder zu weiteren Verlagerungen der Industrie ins Ausland kommt.“ Wohlstand lasse sich angesichts des anstehenden demographischen Wandels nur durch Mehrleistung der heimischen Bevölkerung und durch qualifizierte Zuwanderung erhalten, sagt Pierer, der die Zusammenarbeit mit der oberösterreichischen Politik lobt. Insbesondere die neue Linzer Digital-Uni ISDA (Institute of Digital Sciences Austria) für die gerade ein Rektor gesucht wird, sei „eine Jahrhundertchance“ für Oberösterreich. Mehr Hochschul-Absolventen aus technischen Disziplinen für den Standort zu generieren, ist eine der zehn Punkte aus dem „Masterplan Spitzenregion OÖ 2030: Vom Krisenmodus in den Zukunftsmodus“. 

Joachim Haindl-Grutsch, GF IV OÖ

Deutschland und Österreich: Crashkurs in Sachen Energiekompetenz

Für mehr Realismus in der Energiepolitik plädiert der Geschäftsführer der IV OÖ, Joachim Haindl-Grutsch. „Das Jahr 2022 war für manche ein unerwarteter Crashkurs in Sachen Energiekompetenz“, sagt Haindl-Grutsch und verweist auf die Reisen zuständiger Minister aus Deutschland und Österreich, die kurzfristig nach Katar geflogen sind, um dort Gas einzukaufen. Vor der Krise wäre so etwas undenkbar gewesen. Beide Länder hatten gedacht, sie seien Vorreiter der Energiewende, die Energiekrise zeigte nur auf, dass sie in der falschen Richtung unterwegs waren. Deutschland habe gedacht, es könne gleichzeitig aus den Grundlastkraftwerken Atom und Kohle aussteigen. „Das funktioniert nicht, wie man aktuell gerade sieht. Solange es keine großtechnischen Speicher gibt, die Sonnen- und Windenergie für die Zeiten der Flaute speichern, solange brauchen wir grundlastfähige Energieträger wie Atom- und Wasserkraftanlagen, Gas- und Kohlekraftwerke, die das ganze Jahr produzieren können“, sagt Haindl-Grutsch. In Österreich wurde seit Hainburg jedes Wasserkraftprojekt bekämpft, der Bau von Stromleitungen wurde jahrzehntelang behindert. „Wir kaufen lieber Fracking-Gas aus den USA, das via LNG zu uns kommt und mit enormen Energieaufwand verflüssigt, transportiert und dann wieder vergast wird. Anstatt selbst zu schauen, welche Ressourcen wir in Österreich haben. Mehr Doppelmoral geht nicht.“ Pro Kopf gemessen, geht in allen Ländern der Welt der CO2 Ausstoß zurück. Das sei die positive Nachricht. „Wir sind dabei, global das CO2-Problem zu lösen, aber es braucht seine Zeit.“

Solange es keine großtechnischen Speicher gibt, die Sonnen- und Windenergie für die Zeiten der Flaute speichern, solange brauchen wir grundlastfähige Energieträger wie Atom- und Wasserkraftanlagen, Gas- und Kohlekraftwerke, die das ganze Jahr produzieren können.