„Chancen jetzt nutzen!“
Herr Präsident, drei Quartale des Jahres liegen fast hinter uns. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz für Kärntens Wirtschaft aus?
Wir erleben weiterhin eine herausfordernde Phase. Viele Betriebe kämpfen mit hohen Kosten, schwacher Nachfrage und Bürokratie. Besonders in der Industrie und im Bau ist die Lage angespannt. Gleichzeitig zeigen unsere Unternehmerinnen und Unternehmer große Widerstandskraft, erschließen neue Märkte und investieren dort, wo sie Perspektiven sehen. Was wir brauchen, sind bessere Rahmenbedingungen und mehr Zuversicht.
Was bewegt die Kärntner Unternehmerinnen und Unternehmer derzeit am meisten?
Ganz klar die Wettbewerbsfähigkeit. Energie, Löhne und Abgaben sind deutlich gestiegen, gleichzeitig nehmen Vorschriften und Dokumentationspflichten zu. Gerade für kleine und mittlere Betriebe ist das eine enorme Belastung. Unternehmerinnen und Unternehmer wollen unternehmen und nicht ihre Zeit mit Bürokratie verbringen. Deshalb brauchen wir Entlastung bei den Kosten, schnellere Verfahren und weniger Regulierung.
Wo sehen Sie trotz der schwierigen Lage die größten Chancen für Kärnten?
Mit der Koralmbahn und der AREA Süd ist ein Wirtschaftsraum mit rund 1,8 Millionen Menschen entstanden. Kärnten liegt damit im Zentrum zwischen Norditalien, Slowenien und der Steiermark. Diese Lage müssen wir für neue Märkte, Investitionen und Kooperationen nutzen. Die Koralmbahn muss mehr sein als eine schnelle Verbindung zwischen Klagenfurt und Graz: Sie muss Wertschöpfung nach Kärnten bringen.
Gleichzeitig stehen in den kommenden Jahren viele Kärntner Betriebe vor einer Übergabe. Wird das angesichts der aktuellen Lage zu einem zusätzlichen Risiko?
Die Betriebsnachfolge ist eine große Zukunftsfrage. In Kärnten haben wir rund 500 Übergaben pro Jahr. Dahinter stehen Arbeitsplätze, Lehrstellen, Kundenbeziehungen und meist jahrzehntelang aufgebautes Know-how. Findet ein wirtschaftlich gesunder Betrieb keine Nachfolgerin oder keinen Nachfolger, geht weit mehr verloren als nur der Betrieb selbst. Gleichzeitig bietet die Übernahme eine attraktive Alternative zur Neugründung. Deshalb müssen wir Übergaben so einfach wie möglich machen.
Wenn wir ein Jahr vorausblicken: Was muss passieren, damit Sie im nächsten September von einer echten wirtschaftlichen Trendwende sprechen können?
Wir müssen wieder Wachstum ermöglichen – mit verlässlichen Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, wettbewerbsfähigen Energiepreisen und Entlastungen für die Betriebe. Gleichzeitig muss Kärnten seine Chancen konsequent nutzen: die AREA Süd, unsere Exportstärke, gut ausgebildete Fachkräfte, innovative Unternehmen und unsere Lage im Alpen-Adria-Raum. Unsere Unternehmerinnen und Unternehmer sind bereit, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Dafür brauchen sie Planungssicherheit und unternehmerische Freiheit.
Zur Person
Jürgen Mandl ist Präsident der Wirtschaftskammer Kärnten und Unternehmer. Er vertritt mehr als 38.000 Betriebe, die knapp 200.000 Arbeitsplätze sichern. Ein zentraler Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Stärkung des Wirtschaftsraums AREA Süd sowie der Abbau von Bürokratie für Unternehmen.
