Öffi-Ärger: Krise ums Klimaticket

Lange wurde zwischen Boden- und Neusiedlersee darüber diskutiert. Jetzt ist es bald fix in den Börserln vieler Österreicher zu finden, die vom Auto auf die Öffis umsteigen wollen – zumindest im Westen. Der von der Bundesregierung zu ihrem Antritt versprochene 1-2-3-Fahrschein wird am kommenden Nationalfeiertag in der Stufe 3 als „Klimaticket Now“ eingeführt: Gültig auf dem Bundesgebiet, allerdings außerhalb der bevölkerungsreichen und verkehrsgeplagten Ostregion. Aber zu einem billigeren Preis als den ursprünglich angedachten drei Euro pro Tag.

Ab 26. Oktober fix mit an Bord sind die sechs Bundesländer Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Kärnten, Steiermark und Oberösterreich, die ÖBB (auch mit den S-Bahnen in Wien), die Westbahn und Regiojet, wie Verkehrsministerin Leonore Gewessler ihr Herzensprojekt bei einem Pressetermin in Linz ankündigte. Verhandlungsbedarf nach bereits 40 Runden besteht allerdings noch mit den regionalen Öffi-Partnern im Verkehrsverbund Ostregion (VOR).

Bitte warten?

Die Ministerin bleibt zuversichtlich, dass das neue Tarifmodell zeitgleich auch für alle, die in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland unterwegs sind, anrollen kann. Sollte es zu weiteren Verzögerungen kommen, gilt das Ticket in den drei östlichen Bundesländern in den Bussen und bei den Wiener Linien, sobald die letzten Stolpersteine aus dem Weg geräumt sein werden.

VOR fordert größeren Finanzierungsbeitrag

Der Verkehrsverbund Ost-Region (VOR) und seine Eigentümer Wien, Niederösterreich und Burgenland stehen zwar grundsätzlich hinter der Einführung des Klimatickets, wie es dazu in einer Aussendung heißt, doch reiche der „für die Ostregion vorgesehene Finanzierungsbetrag bei Weitem nicht aus.“ Weiters sei zum jetzigen Zeitpunkt weder eine kundengerechte Abwicklung des Vertriebs sichergestellt, noch für Wien-Pendler aus dem Burgenland eine lebensnahe Lösung erreicht. Zudem strebe der VOR „eine Lösung aus einem Guss an“ – also die gleichzeitige Umsetzung aller drei ursprünglich geplanten Ticketvarianten: Diese versprach ein Bundeslandticket um einen Euro pro Tag, die zwei-Euro-Variante für zwei benachbarte Bundesländer und das nun kurz vor der Realisierung stehende, bundesweit gültige Drei-Euro-Ticket, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Peter Kraus: „Koalition der Blockierer“

Während die im Westen angesiedelten Parteikollegen von Bundesministerin Gewessler über das Ticket jubeln, herrscht bei der grünen Schwester in Wien dicke Luft. Mit Bedauern stellt Klimastadtrat Peter Kraus per Pressestatement fest, dass sich Wien mit der Ostregion lieber der Koalition der Blockierer und Verhinderer anschließe. Wien sei mit der 365-Euro-Jahreskarte lange Zeit Vorreiter gewesen und drohe nun zum Schlusslicht zu werden, befindet er kritisch. „Ich fordere Bürgermeister Ludwig und die Wiener Stadtregierung auf, umzukehren und jetzt noch Teil des Österreichischen Klimatickets zu werden.“

Die Grünen in Niederösterreich wollen indes Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner in Sachen Öffi-Offensive in die Pflicht nehmen. Die Klimakatastrophe stehe vor der Türe, doch der Landesrat propagiere lieber Straßen, anstatt sich anständig um eine klimafreundliche Mobilität einzusetzen, ärgert sich Helga Krismer. Ihr Apell: „Erkennt die Zeichen der Zeit. Jetzt ist Schluss mit den Schönwetterreden im Klimaschutz und in der Verkehrspolitik.“

Helga Krismer: „Untätigen Landesrat zurückpfeifen“

In dieser Situation erwartet sich die Frontfrau der NÖ-Grünen von der Landeschefin „ein Zurückpfeifen ihres untätigen Landesrates und die Übernahme der Verhandlungen“. Nur so könne es im Herbst zu einer Lösung in der Ostregion kommen und das Klimaticket österreichweit für alle Öffis verfügbar sein.

Verbilligte Jahreskarte – und wo man sie bekommt

Der Vorverkauf für das Klimaticket startet mit oder ohne finale Lösung jedenfalls am 1. Oktober. Das Ticket für ein Jahr gibt es zum Start zu einem ermäßigten Preis von 949 Euro (statt der früher kolportierten drei mal 365 also 1.095 Euro). Laut Gewessler mit diesem Rabatt auch in Wien, sollte es bis zum 26. Oktober noch zu einer Einigung kommen.

Jung und Alt fahren noch günstiger

Alle unter 26 Jahren sowie Senioren müssen nur 821 Euro zahlen. Durch die gewährte Ermäßigung sind es zum Kick-Off nur 699 Euro. Die Tickets können an den ÖBB- und Westbahnschaltern, über die beteiligten Verbände und im Online-Shop erworben werden.

Die Finanzierung übernimmt der Bund. Für das laufenden Kalenderjahr sind für das Projekt 96 Millionen veranschlagt, für 2022 rund 150 Millionen Euro budgetiert.

Autor: Rudolf Grüner, 18.08.2021