Neues Insolvenzrecht: Die zweite Chance

Es ist die Ruhe vor dem Sturm, so könnte man die Insolvenz-Situation derzeit ansehen. Thomas Berghuber, Geschäftsführer der Schuldnerberatung Oberösterreich stellt sich – trotz 25% weniger Insolvenzen im Jahr 2020 – auf raue Zeiten ein. „Vieles ist liegengeblieben, die Gerichte hatten zu, es gab Stundungen. Spätestens wenn diese auslaufen, werden die Insolvenzen stark ansteigen.“ Das neue Insolvenzrecht kommt daher wie gerufen, zumindest für die Schuldnerberatungen. „Die Gläubigerschützer sind dagegen, weil es die Entschuldungsdauer auf drei Jahre verkürzt, ursprünglich nur für Unternehmen, es ist aber auch für Private geplant.“ Bis 1995 gab es keinerlei Lösung für Privatschuldner in Österreich. Sie konnten lebenslänglich gepfändet werden. „Da war es auch nicht verwunderlich, wenn viele gesagt haben, da höre ich ganz zu arbeiten auf, oder gehe schwarzarbeiten, weil mir alles weggenommen wird.“

Aktuell rutschen viele unverschuldet in die Insolvenz

Bis 2017 wurden Privatinsolvenzen auf sieben Jahre ausgelegt. Sie konnten auf zehn Jahre verlängert werden. Nun folgt die Verkürzung auf drei. Freibrief für eine weitere Schuldenkarriere ist das aber keine. „Nehmen wir an, es will einer ein Jahr in Saus und Braus leben. Er least sich ein Auto, kauft teure Elektrogeräte auf Kredit und fährt in den Urlaub auf Pump. Nach einem Jahr ist er finanziell tot und es kommt zur Insolvenz. Dann muss er drei Jahre zurückzahlen, wird auf das Existenzminimum gepfändet, das Auto und die Geräte sind weg, und nach den drei Jahren bekommt er keinen Handyvertrag mehr, und kann keinen Cent seines Kontos mehr überziehen.“ Berghuber kämpft gegen die Stigmatisierung von Schuldnern. „Gerade jetzt werden viele völlig unverschuldet in die Insolvenz rutschen, durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit.“

Nur durch Zinseszinsen von 190.000 Euro Schulden auf 1,3 Millionen

Berghuber sieht die Verlockungen kritisch: „Überall wird mit Nullzins-Konsumkrediten geworben. Jeder bekommt sofort einen Überziehungsrahmen – oder wie man heute sagt eine „Bargeldreserve“ – die Menschen gewöhnen sich daran und leben vermehrt auf Pump.“ Der durchschnittliche Privatinsolvente hat Schulden in Höhe von 70.000 Euro. „Wenn man da Exekutions-, Mahnungs-, Eintreibungs-, Gerichtskosten und Zinsen einberechnet, zahlt man alleine für die schon 20% pro Jahr. Sie zahlen als 14.000 Euro zurück und ihr Schuldenstand ist blieb unverändert.“ Berghuber bringt ein weiteres krasses Beispiel: In einem Fall stieg alleine durch den Zinseszinseffekt der Schuldenstand eines Klienten von 190.000 Euro auf 1,3 Millionen. „Daher ist eine saubere Entschuldung oft unumgänglich. Das verborgte Kapital, also die eigentliche Kreditsumme wird übrigens von vielen Gläubigern ohnehin zurückbezahlt, nur die Zinslast können sie nicht mehr stemmen.“

Wann sollten Sie spätestens die Schuldnerberatung aufsuchen? Thomas Berghuber gibt Antworten:

  • Wenn Ihr Banker sagt: „Wir müssen reden“ und die Bank nervös wird.
  • Wenn Sie in Versuchung geraten online einzukaufen, weil das Konto leer ist.
  • Wenn Sie anfangen sich selbst zu belügen.
  • Wenn Sie Rechnungen „auf Reserve“ bezahlen, sprich, wenn Sie entscheiden müssen, ob Sie Miete, Autoversicherung oder Alimente zahlen. Vorsicht: Unterhaltspflichten nicht zu bezahlen, ist strafbar.

Warum sollten Sie eher früher als später die Schuldnerberatung aufsuchen?

  • Der Gang zu Schuldnerberatung ist kostenlos.
  • Wir haben eine absolute Verschwiegenheitspflicht.
  • Wir haben keine Eigentümerinteressen. Wir wollen und müssen unseren Klienten nichts verkaufen.
  • Wir haben auch eine Budgetberatung als Präventivmaßnahme. Wenn Sie etwa ein Haus kaufen wollen, und sich überlegen ob sich das ausgehen kann, rechnen wir Ihnen das hochprofessionell durch, bevor Sie in die Schuldenfalle geraten.

 

 

Autor: Jürgen Philipp, 26.02.2021