Michael Stich: Scharfe Kritik an Dominic Thiem!

Mit sieben Pleiten in sieben Spielen war Dominic Thiems Comeback bisher ein totaler Fehlschlag. Nun kritisiert die deutsche Tennis-Legende Michael Stich in seinem "Sky"-Podcast so ziemlich jede Facette von Thiems Zugang ungewohnt scharf.
Autor: Philipp Eitzinger, 11.06.2022 um 13:49 Uhr

"Wenn er im Match nicht in der Lage ist, bei sechs Vorhänden einfach nur in den Court zu spielen, wie er es nach der French-Open-Niederlage gegen Hugo Dellien selbst gesagt hat, heißt das ja: Er ist schon alleine von der Basis überhaupt nicht bereit!" Michael Stich, Deutschlands Tennis-Held der Neunziger, hat eine klare Meinung zum bisher völlig verkorksten Comeback von Dominic Thiem. Anders als sein großer Rivale Boris Becker war Stich immer der besonnene und ruhige, kein mediengeiler Lautsprecher – umso mehr Gewicht haben seine Worte, wenn er sich doch mal äußert.

"Das Signal ist: Jeder kann gegen ihn gewinnen!"

"Ich finde seinen Weg die falsche Entscheidung. Dass er raus will und Lust hat zu spielen, kann ich total nachvollziehen, aber wenn es nicht passt und nicht stimmt, sendet er den Gegnern ja das Signal, dass wirklich jeder gegen ihn gewinnen kann!" Stich selbst hatte im Alter von 27 Jahren eine schwere Bänderverletzung erlitten, dessen Folgen ihn eineinhalb Jahre später zum Karriereende zwangen – er weiß also, wovon er redet. Thiem hat sich seinen Handgeleksbruch ebenfalls im Alter von 27 Jahren zugezogen.

"Die Jungen spielen wie er – nur besser!"

Vor allem kritisiert Stich aber fehlende Selbstreflexion und Änderungsbereitschaft bei Thiem. "Ich hätte mir bei Dominic gewünscht, dass er die Zeit nützt, sein eigenes Spiel mehr zu analysieren und auch der jungen Generation anzupassen, neue Sachen hinzuzufügen. Das fehlt! Er will einfach genau das machen, was er zuvor auch gemacht hat", so Stich. Thiem habe immer von seiner Physis gelebt, seiner Vorhand und seiner Aggressivität: "Das spielen die Jungen, die jetzt nachkommen auch – nur besser, härter und ausdauernder!" Der Wille und die Fähigkeit, das eigene Spiel immer zu hinterfragen, anzupassen, weiter zu entwickeln, würde die Top-Spieler von den sehr guten unterscheiden.

Thiem nimmt sich jetzt eine Zeit lang aus dem Turnierbetrieb raus, verzichtet auf die zwei angedachten Challenger-Turnier in Italien. Das hält Stich für eine gute Idee ("Das Tempo und die Intensität, die Thiem braucht, bekommt er auf Challenger-Level nicht") – er rät Thiem, sich möglichst Top-Spieler oder zumindest Top-Junioren zum Training zu holen und dort auch den mentalen Fokus zu ändern.

Wie groß ist der Wille?

"Du kannst im Training viele Situationen nachspielen. Da geht es gar nicht um die Zuschauer oder um die Emotion, sondern um einen selbst: Wie fokussiert bist du auf dich und auf die Situation? Dafür brauchst du keine Matches, das haben viele Spieler in der Vergangenheit bewiesen, die zurückgekommen sind und sofort erfolgreich waren." Letztlich werde es an Thiems mentaler Einstellung liegen. "Die Frage ist: Wie viel Lust hat er noch, sich zu quälen, diese Tortur über sich ergehen zu lassen", so Stich, "ich will ihm das gar nicht absprechen, aber man weiß es einfach nicht!"

Das ist Michael Stich

Stich hat eine sehr ähnliche Karriere wie Thiem hinter sich: Beide haben je ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, Stich war in drei Finals, Thiem in vier. Stich war Weltranglisten-Zweiter und Thiem Dritter, beide waren im Endspiel der ATP-Finals; Stich hat zwei Titel auf Masters-Level, Thiem einen; der Deutsche hat 18 Turniersiege auf der ATP-Tour, der Österreicher hat 17 Titel.

Der mittlerweile 53-jährige Stich hat sich - anders als sein deutscher Konkurrent Boris Becker - nach dem Karriereende aus der Öffentlichkeit etwas zurückgezogen, wurde Unternehmer im Gesundheitsbereich, gründete eine Stiftung für die HIV-Forschung und agierte als Turnierdirektor des ATP-Events in Hamburg.