Diese Sportler kämpf(t)en mit Depressionen

Stark, selbstbewusst, unverwundbar. Siegreiche Spitzensportler verbindet man mit strahlenden Gesichtern. Wer Erfolg hat, muss schließlich glücklich sein. Oder? Die Realität sieht allzu oft anders aus. Unbemerkt von der Öffentlichkeit zerbrechen viele Athleten am (selbst) auferlegten Druck und kämpfen mit inneren Dämonen und Ängsten. Spätestens seit dem Suizid des deutschen Fußballprofis Robert Enke 2009 ist klar, dass Depressionen auch im Spitzensport keine Ausnahme sind. In den vergangenen Jahren äußerten sich mehrere Topsportler zu dem einstigen Tabuthema, erzählten von psychischen Problemen und machen so Mut, sich in ähnlichen Situationen helfen zu lassen.

Lindsey Vonn

2021 sprach der Ski-Superstar öffentlich an, seit ihrem 17. Lebensjahr mit Depressionen zu kämpfen und Antidepressiva einzunehmen. „Alles an meinem Leben erscheint allen anderen so perfekt, aber ich muss kämpfen wie jeder andere auch", sagte Vonn damals in einem Interview mit dem „People“-Magazin. 2008 habe es eine Phase gegeben, in der sie nicht mehr aus dem Bett kam. „Ich fühlte mich hoffnungslos, leer, wie ein Zombie. Ich konnte nicht einmal mehr heulen." Aus diesem mentalen Tief half ihr vor allem eine Gesprächstherapie. Ihr Leiden machte sie nach eigenen Angaben öffentlich, um anderen Menschen Mut zu machen, zu ihrer Krankheit zu stehen und sich Hilfe zu suchen.

Naomi Osaka

Die Japanerin zählt aktuell zu den besten und populärsten Tennisspielerinnen der Welt. Umso größer war das mediale Echo, als die Nummer 2 der Weltrangliste Ende Mai 2021 die French Open vorzeitig verließ und sich öffentlich zu ihren Depressionen äußerte. Seit 2018 leidet sie nach eigenen Angaben an psychischen Problemen. Bei den Olympischen Spielen kehrte sie vor wenigen Wochen erstmals wieder auf den Platz zurück, scheiterte jedoch früh. „Ich war noch nie bei Olympia und ich habe gespürt, dass hier eine Menge Druck auf mir lastete“, erklärte Osaka den sportlichen Rückschlag. „Ich habe nicht gewusst, wie ich mit all den Erwartungen, natürlich auch meinen eigenen, umgehen soll“.

Michael Phelps

Der erfolgreichste Olympia-Starter aller Zeiten hatte in seiner beispiellosen Schwimm-Karriere früh mit Depressionen zu kämpfen. Doch erst mit 30 Jahren habe er gelernt, endlich über seine Probleme zu reden. Später sprach Phelps offen an, zwischenzeitlich sogar Suizid-Gedanken gehegt zu haben. Bis heute setzt er sich mit Vorträgen und in Interviews für „Mental Health“ ein. „Ich möchte mehr Menschen dazu ermutigen, darüber zu sprechen, was sie durchmachen. Ich gebe es zu: Das hat mir das Leben gerettet“, so Phelps.

Simone Biles

Die Ausnahmeturnerin zog sich während der Olympischen Spiele in Tokio zurück, sagte gleich mehrere Wettkämpfe ab. Die Begründung: psychische Probleme und der Kampf gegen „Dämonen im Kopf“. Biles äußerte sich dazu auch öffentlich: „Am Ende des Tages ist es das nicht wert. Meine mentale und physische Gesundheit steht über jeder Medaille, die ich je gewinnen könnte.“ Zum Schwebebalkenfinale kehrte die 24-Jährige schließlich zurück in die Turnhalle und holte Bronze.

Martin Hinteregger

Der österreichische Teamspieler schreibt in seinem kürzlich erschienen Buch „Innensicht“ über die Schattenseiten des Erfolgs und seine Depression. Monatelang habe er keine Nacht länger als zwei, drei Stunden geschlafen, sich schließlich dem Vereinsarzt und einer Psychologin anvertraut. „Diese Gespräche waren sehr wichtig, sonst wäre es wohl schlimm ausgegangen“, spricht der Kärntner offen an.

Sven Hannawald

Essstörung, Burn-out, Depression. Der Höhenflug des Skisprunghelden endete privat mit einem tiefen Fall. Über Jahre kämpfte Sven Hannawald mit Schlafstörungen, Ängsten und anderen körperlichen Symptomen. Schließlich ließ er sich in einer Spezialklinik acht Wochen lang behandeln. Sein ungebremster Perfektionismus, der Leistungsdruck und das Streben nach (noch mehr) Erfolg trieben den einstigen Teenie-Schwarm nach eigenen Angaben in die Depression. Am Höhepunkt seines sportlichen Ruhms beschloss er schließlich auszusteigen und die Karriere zu beenden. „Ich bin froh, dass ich damals den Weg – auch in die Klinik – gegangen bin“, so der heutige TV-Experte.

 

Sebastian Deisler

„Basti Fantasti“ galt als Fußball-Wunderkind – er selbst wollte aber weder im Rampenlicht noch mit dem auferlegten Druck leben. Auf körperliche Verletzungen folgten schwere psychische Probleme. Sebastian Deisler begab sich schließlich  in ärztliche Behandlung, sprach öffentlich über seine Krankheit und zog sich mit nur 27 Jahren aus dem Fußballzirkus zurück. Auf der Pressekonferenz sagte er damals: „Ich habe die Freude und den Spaß verloren. Es war zuletzt für mich eine Qual. Ich kann nicht mehr.“

Kajsa Kling

2017 nahm sich die schwedische Skirennläuferin auf Anraten von Psychologen und Ärzten eine Auszeit vom Skiweltcup, ein Jahr später beendete sie mit 29 Jahren ihre aktive Laufbahn. In einem öffentlichen Brief schrieb sie unter anderem: „Als Weltcup-Rennläuferin muss man so nah wie möglich am Maximum bleiben, aber die Grenze von dem, was maximal ist und was zu viel ist, ist schwer zu finden.“

Alex Pointner

Als Trainer des österreichischen Superadler-Teams rund um Schlierenzauer und Morgenstern feierte der Tiroler unzählige Erfolge. Privat hingegen musste Alex Poitner den tragischen Tod seiner Tochter verkraften, die nach Monaten im Wachkoma an den Folgen ihres Selbstmordversuchs starb. In seinem Buch „Mut zur Klarheit“ spricht er offen über die dunklen Stunden seines Lebens und den Kampf gegen seine Depression. "Viele glauben, die Krankheit kann man nicht heilen. Viele verstecken sich auch, glauben, eine "Schwachen" nimmt ja keiner. Das gehört entstigmatisiert. Man muss über diese Krankheit reden. Wenn sich einer den Fuß bricht, versteckt er das ja auch nicht. Professionelle Hilfe kann so eine große Hilfe sein. Man ist nicht verloren, wenn man an Depression erkrankt. Man kann sich in dieser Zeit sogar weiterentwickeln und reifen – und gestärkt aus dieser Situation hervorgehen“, so Alex Pointner in einem Interview.

Autor: Sandra Eder, 02.09.2021