Warum Luxusyachten trotz Krise boomen

Russische Oligarchen und eine obszöne CO2-Bilanz sorgen für schlechte Presse. Dennoch sind die Auftragsbücher der Yachtwerften voll wie nie.
Autor: Klaus Schobesberger, 29.09.2022 um 14:50 Uhr

Krise, welche Krise? Diese Frage stellen sich Besucher der aktuell stattfindenden Monaco Yacht Show. Im kleinen Fürstentum an der französischen Mittelmeerküste ist Protzen Alltagskultur. Nirgendwo ist die Dichte an geparkten Ferraris und vor Anker liegenden Luxusyachten größer. Das Prunkstück der Show ist die 115 Meter lange Superyacht "Ahpo", die im November 2021 beim deutschen Schiffsbauer Lürssen in Bremen vom Stapel lief und ihre Jungfernfahrt in der Karibik absolvierte. Das rund 300 Millionen Euro teure Schinakel gehört dem Vernehmen nach dem kanadisch-jamaikanischen Milliardär und Investor Michael Lee-Chin. Ein "Stammkunde" bei Lürssen, wie es heißt.

Man geht davon aus, dass fast zehn Prozent der größten Yachten der Welt Russen gehören.

Welche waren die ersten Superyachten?

Luxusschiffe sind ein antizyklisches Geschäft. Sie sind krisensicher und stehen wie kaum andere Objekte für Reichtum. Aber sie sind kein neues Phänomen. Dampfschiffe waren die ersten mobilen Paläste am Wasser. Jener von Eisenbahnmagnat Cornelius Vanderbilt (1794-1877) bot Raum für 50 Gäste. Die deutsche Stahldynastie Krupp ließ sich 1908 die Segelyacht "Germania" bauen – die erste von insgesamt sechs Schiffen. Den Beginn der Superyacht-Ära markierte jedoch die "Christina O" des schillernden griechischen Reeders Aristoteles Onassis (1906-1975). Die luxuriös umgebaute Fregatte der kanadischen Marine mit ihren 18 Kabinen, ihren Pools, Bars und Renoirs regte die Fantasie der Klatschblätter an und zog den Jetset weltweit in ihren Bann. Erstmals diente ein Schiff zum Geschäftemachen und Netzwerken. Zu Gast bei Onassis waren Größen wie Winston Churchill, John F. Kennedy, der jugoslawische Präsident Tito, Maria Callas, Frank Sinatra, Richard Burton mit Elizabeth Taylor, Greta Garbo, John Wayne, König Faruk von Ägypten, Aga Khan, Marilyn Monroe, John D. Rockefeller und J. Paul Getty.

 

Abramowitsch-Yacht "Eclipse"

Wer hat die größte Yacht?

Fast 120 Jahre lang war die EI Mahrousa, die in den 1860er Jahren vom osmanischen Vizekönig von Ägypten bei einer Londoner Werft in Auftrag gegeben wurde, die größte Privatyacht der Welt. Übertroffen wurde sie erst 1984 von der "Prince Abdulaziz", die bis 2018 im Besitz der saudischen Königsfamilie war. Seither rittern Ölscheichs, russische Oligarchen und Tech-Milliardäre um den Spitzenplatz. Um die Jahrtausendwende machte Microsoft-Mitgründer Paul Allen mit der 126 Meter langen Tiefseeforschungs-Yacht "Octopus" auf sich aufmerksam. Übertroffen wurde sie von der "Rising Sun" von Oracle-Gründer Larry Ellison. Das derzeit größte Milliardärsspielzeug ist die 180 Meter lange "Azzam", die für die königliche Familie von Abu Dhabi gebaut wurde. Doch nicht mehr lange: In der Tradition von Paul Allen baute der norwegische Milliardär Kjell Inge Røkke das Yacht-Forschungsschiff REV Ocean (Research Expedition Vessel Ocean), der sich die Wiederherstellung der Gesundheit der Meere zum Ziel gesetzt hat. Mit 183 Metern wird sie die "Azzam" übertreffen. Alles für den guten Zweck. Last but not least:  Die größte Segelyacht der Welt baut Jeff Bezos in Rotterdam. Kostenpunkt des 127 Meter langen Dreimasters: 500 Millionen Dollar.

Onassis-Yacht Christina

Was zeichnet Superyachten aus?

Superyachten beginnen bei einer Länge von 30 Meter – und sie werden immer größer. In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Länge der durchschnittlichen Luxusyacht um ein Drittel auf rund 50 Meter gestiegen. Die Preise beginnen bei etwa zehn Millionen US-Dollar. Wer die fast 100 Meter lange "Faith" chartern möchte, muss für eine Woche etwa 1,5 Millionen Dollar berappen. Besitzer der Yacht ist Lawrence Stroll, Miteigentümer des Formel 1 Rennstalls Aston Martin. Im Unterschied zu Immobilien oder Kunst sind Boote der obersten Kategorie horrende Verlustbringer. Allein der Unterhalt (Besatzung, Tankkosten, Versicherung, Liegeplatz) beläuft sich auf zehn Prozent der Baukosten jährlich, besagt eine Faustregel. Für die oben erwähnte Superyacht "Ahpo" wären das 30 Millionen Euro pro Jahr. Trotz der enormen Kosten ist die Beliebtheit der schwimmenden Statussymbole ungebrochen. Inzwischen gibt es etwa 10.000 Superyachten weltweit. Allein im Vorjahr wurden weltweit 887 von dieser Klasse verkauft – ein Rekord. 2022 dürfte diesen Wert noch einmal toppen: 1024 Superjachten wurden heuer global beauftragt. Der Reiz für Besitzer ist offensichtlich: Den Winter verbringen sie in der Karibik, den Sommer im Mittelmeer und genießen dabei Luxus und Stil. Längst wird auf Yachten nicht mehr nur geurlaubt, sondern gelebt und gearbeitet. Boote garantieren einerseits ein Höchstmaß an Privatsphäre und sind gleichzeitig unübersehbare Statussymbole. Die meisten bieten erstaunlich wenig Platz für Gäste: Yachten sind nach dem Seerecht in der Regel nur für zwölf Passagiere zugelassen und werden nicht selten von der Zahl der Besatzung übertroffen.

 

Luxusyacht Faith

Neigt sich die Ära der Superyachten dem Ende zu?

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine glänzt die Welt der Yachten jedenfalls nicht mehr ganz so hell. Insbesondere für russische Oligarchen wird der Seegang immer rauer. Die Sanktionen haben zu einer Reihe von Beschlagnahmungen von Yachten geführt. Aktuell machen deutsche Steuerbehörden Jagd auf Putin-Gefolgsmann Alischer Burchanowitsch Usmanow (69), dessen 156 Meter lange Megayacht "Dilbar" in Bremen vor Anker liegt. Man geht davon aus, dass fast zehn Prozent der größten Yachten der Welt Russen gehören. Der bekannteste Yachtbesitzer ist Ex-Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch. Seine "Eclipse" ist mit 163 Metern die viertlängste Megayacht der Welt. Auch der enorme CO2-Fußabdruck der Schiffe sorgt zunehmend für Kritik. Eine durchschnittliche Superyacht stößt pro Jahr etwa 7.000 Tonnen Co2 aus, 1.500-mal mehr als ein gewöhnliches Familienauto. Dennoch dürften die Auftragsbücher der Bootsbauer und Luxusyacht-Werften auch in Zukunft voll bleiben. Laut Forbes gab es 1990 weltweit 271 Dollar-Milliardäre; heute sind es fast 2.800. Die Zahl der Superreichen, also Menschen mit einem Vermögen jenseits von 50 Millionen Dollar, vergrößert sich pro Jahr um gut 25.000. Und das überschüssige Geld muss ja irgendwo hin.