Selenskyi: Nur Realtitätsverlust oder schon Größenwahn?

Tagsüber empfängt der ukrainische Präsident Besuch aus Hollywood, nachts ruft er sein Volk zur Spionage auf.
Autor: Andrea Schröder, 11.08.2022 um 12:05 Uhr

Die nächtlichen Ansprachen des Wolodomir Selenskyi dürften für Historiker einmal interessante Studienobjekte darstellen. Dass er darin die Einheit der ukrainischen Bevölkerung beschwört und dem russischen Feind die Pest an den Hals wünscht: geschenkt. Doch jetzt schlägt er finsterere Töne an.

In seiner  jüngsten Ansprache rief Selenskyi die Bewohner der von Russland besetzten Gebiete zum Widerstand auf. Konkret: Die Ukrainer sollen den ukrainischen Streitkräften über "sichere Kanäle" Informationen zum Feind oder über Kollaborateure übermitteln.

Zur Denunziation gedrängt

Dieser Aufruf zur Spionage gefährdet die Bevölkerung, fürchten Beobachter. Und der Aufruf, (vermeintliche) Verräter in den eigenen Reihen zu melden, öffnet der Denunziation von Nachbarn oder Kollegen beim Geheimdienst Tür und Tor. Darüber hinaus schießt sich Selenskyi auf die Rückeroberung annektierter Gebiete ein: Die Russen sollen nicht nur an der weiteren Besetzung der Ukraine gehindert werden, sondern Donezk, Krim usw. wieder abtreten.

Selenskyj schürte in der Ansprache die Erwartung, dass die russischen Besatzer bald die Flucht ergreifen würden.

Sie haben bereits das Gefühl, dass die Zeit gekommen ist (...) zu fliehen. 

Auf Twitter mehren sich die Stimmen, die sich fragen, ob Selenskyi an Realitätsverlust leide oder in den Größenwahn abgleite.

"Verluste erhöhen"

In  Kopenhagen, wo derzeit eine Ukraine-Konferenz stattfindet, erhöhte der Staatschef den Druck auf die teilnehmenden Länder, Waffen zu liefern und forderte, die Zahl der Opfer unter den Russen müsse höher werden. "Je höher die Verluste der Okkupanten sind, desto schneller können wir unser Land befreien", und desto eher könnten die Ukraine und Europa wieder in Frieden leben. 

Aktiven Krieg beenden

Wie lange wird der Krieg noch dauern? Die Kämpfe müssten dringend noch vor der Heizperiode beendet werden, sagt  Selenskyis rechte Hand, Andrij Jermak . Sonst bestehe das Risiko, dass Russland die Infrastruktur für Wärme und Energie zerstöre. "Das ist einer der Gründe, warum wir versuchen (..) den aktiven Teil des Kriegs bis Ende Herbst zu beenden." Ob sein Chef selbst ernsthaft an ein Kriegsende vor dem Winter glaubt - man weiß es nicht.