Wohnen: rural oder urban?

Unverhofft kommt oft. Die Corona-Krise hat uns alle kalt erwischt. Keine Branche, auf die sie sich nicht in der einen oder anderen Weise ausgewirkt hätte. Auch unsere Lebensgewohnheiten und unseren Fokus hat sie beeinflusst. So haben sich beispielsweise unsere Wohnwünsche im Laufe des vergangenen Jahres merkbar verändert.

Trendumkehr.

Die letzten Jahre waren geprägt von einem deutlichen Trend in Richtung größere Städte und Ballungszentren. In Österreich war unter anderem Wien ein Magnet für Immobilienkäufer. Doch die Krise hat diese Bewegung infrage gestellt. Durch das „Eingesperrtsein“ in den eigenen vier Wänden wird plötzlich der wahre Wert eines Balkons, einer Terrasse oder eines Gartens wiederentdeckt. Doch nicht jeder kann sich solche Assets im innerstädtischen Bereich leisten und selbst wenn, ist die Nachfrage häufig größer als das Angebot.

Leerwies Hof

Radikal Lokal.

In der Beliebtheitsskala enorm gestiegen sind zuletzt stadtnahe Objekte – Stichwort „Speckgürtel“. Aber auch kleinere Städte erfreuen sich steigender Beliebtheit. Nicht überall, aber man ist durchaus bereit, bis zu 45 Minuten „Pendelzeit“ vom Wohnzum Arbeitsort in Kauf zu nehmen. Und nicht immer muss gependelt werden! Die Krise hat das Homeoffice salonfähig gemacht. Sogenannte „Digital Nomads“ können es sich sogar leisten, von überall auf der Welt aus zu arbeiten, solange sie eine gute Internetverbindung haben. Sie wohnen dann zum Beispiel auf Bali, den Schreibtisch mit Blick aufs Meer. Aber bleiben wir in Mitteleuropa. Hier meinte der deutsche Transformationsforscher Tilman Santarius im „Zeit“-Interview vom 4. April 2021: „Wenn es uns gelänge, unser Leben auch künftig radikal lokal zu gestalten, dann wäre für Umwelt und Gesellschaft sehr viel gewonnen.“

Thomas Zitta von Boss Immobilien:

In einer mittelgroßen Stadt wie Traun beispielsweise liegt alles nahe beisammen: Nahversorger, Rathaus, Schulen, Gastronomie, Kultur und Ärzte. All das ist von unseren Projekten in Traun aus – etwa „Wolke 7“ in der Dr.-Knechtl-Straße einerseits und das neu geplante Graumann- Viertel andererseits – in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Das ist ein klarer Vorteil. Mit den Erholungsgebieten Traun-Auen oder Oedter See gleich nebenan hat man hier eine Top-Lage für Generationen! Außerdem profitiert ein Ort wie Traun natürlich von der erstklassigen Anbindung ans Linzer Stadtzentrum mittels Straßenbahn. Letztlich ist es die Mischung, die einen Ort attraktiv macht, eine Kombination aus Wohnen, Arbeiten und Infrastruktur. Moderne Stadtplanung setzt auf eine gemischte Nutzung – das bringt langfristig die höchsten Wertsteigerungen.

Graumann-Viertel

Rural vs. urban.

Solche Tendenzen nennt man Ruralisierung, als Gegenbewegung zur Urbanisierung. Sie sind ganz und gar kein neues Phänomen. Es gab sie schon zu Zeiten der Römer und zwar immer dann, wenn das Leben in der Stadt unattraktiv wurde, zum Beispiel aufgrund von massivem Zuzug oder eben durch Seuchen und Epidemien. Wenn die Vorteile des Stadtlebens – beispielsweise die Zerstreuung in Form von Kultur, Veranstaltungen, Restaurants oder Einkaufen – temporär eingeschränkt sind, wird diese Lebensform schnell infrage gestellt und, wenn möglich, durch eine passendere ersetzt.

Brunner Bau

(R)urban.

Aktuell zeichnet sich so etwas wie eine „Rurbanisierung“ (rural + urban) ab. Man möchte die Vorzüge von beiden Varianten, also die des ländlichen und die des urbanen Wohnens, miteinander verbinden. Eine Schlüsselrolle könnte dabei den kleineren Städten zukommen, wenn hier in puncto Stadtentwicklung klug vorgegangen wird. Denn eine kleine Stadt mit dorfähnlichem Charakter und einer guten Infrastruktur hat vor allem in Krisenzeiten eine besonders hohe Lebensqualität zu bieten. Natürlich dürfen in diesem Zusammenhang Faktoren wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit nicht übersehen werden: Stundenlanges Pendeln mit dem Auto, Staus und verstopfte Stadteinfahrten sind kein reizvolles Zukunftsszenario. Aus diesem Grund ist eine gute öffentliche Anbindung an die Ballungszentren für diese Ortschaften von großer Bedeutung. Ideal wäre es natürlich, wenn überhaupt kein Pendeln notwendig ist, weil der Ort selbst genügend Arbeitsplätze bietet oder weil zumindest ein Teil der Arbeitsleistung im Homeoffice erledigt werden kann und weil eine gute Infrastruktur zur Verfügung steht. Dazu gehören in erster Linie Schulen und Kindergärten, aber auch medizinische Versorgung, Geschäfte, Gastronomie und Dienstleister.

Christian Haidinger von der GSA Wohnbau:

Wir bauen in wirtschaftlich attraktiven Regionen. Der kurze – und hoffentlich staufreie Weg – in die Arbeit ist trotz der vergangenen „Homeoffice-Monate“ ein zentrales Kriterium. Es darf aber auch der Freizeitwert nicht zu kurz kommen. Als Mindestanforderung nennen unsere Kunden einen großzügigen und gut nutzbaren Außenbereich, im Idealfall ist aber auch die Natur quasi vor der Haustür. Gerade unsere Bauvorhaben im Salzkammergut (Laakirchen, Pinsdorf und Seewalchen) erfüllen die Anforderungen der Menschen.

Wohnhaus Hanuschstraße

Wiederbelebung.

Einige innovative Bauträger, wie Maximilianhof Immobilien, beschäftigen sich mit diesen Themen. Sie setzen in erster Linie auf sogenannte Nachverdichtung – anstatt die Flächen rund um die Ortszentren zuzubauen und zu versiegeln, werden in den Ortszentren Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt: Alte Gebäude werden saniert und optimiert, Freiflächen werden möglichst hoch verbaut, um den zur Verfügung stehenden Raum gut zu nützen.

Siegfried Spiessberger von Maximilianhof Immobilien:

Dass immer mehr Menschen die Vorzüge des entschleunigten Lebens am Land höher bewerten, ist ein Trend, der schon lange existiert – Corona hat ihn nur verstärkt. Die Entwicklung setzte aber schon viel früher ein, wie das Beispiel Cocooning (der Rückzug ins häusliche Privatleben) zeigt. Oder der Retro-Trend als Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“: Man sucht ein bisschen den Ausweg aus der Informationsflut und hat wieder mehr Respekt vor dem Leben.

St. Julien Appartements

(Gar nicht) peripher.

Gerade in einem kleinteiligen Land wie Österreich bietet die Peripherie viele Vorteile. Keine Sorge, die großen Städte werden auch in Zukunft nicht aussterben. Unsere Großstädte haben ausgesprochen viel zu bieten und die Krise wird vorbeigehen – aber sie wird ihre Spuren hinterlassen und viele Menschen zum Nachdenken bringen.

Autor: Sarah Estermann, 30.04.2021