Social Media - Fluch und Segen

Es war im Herbst 2020, als die Netflix- Produktion Social Dilemma für Aufsehen sorgte. Regisseur Jeff Orlowski hatte für die Dokumentation einige ehemals zentrale Mitarbeiter von Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter, Pinterest und Instagram vor die Kamera geholt, um mit ihren Worten vor den negativen Auswirkungen der sozialen Medien zu warnen. Über die Qualität des Films lässt sich streiten, ist er doch sehr plakativ, in manchen Momenten kindisch bis platt und inhaltlich wenig ausgewogen. Gleichzeitig besteht kein Zweifel daran, dass wir alle uns mit dem Thema „Social Media“ konsequent auseinandersetzen müssen – ganz besonders dann, wenn wir Kinder haben.

Die dunkle Seite des Internets.

Der Film zeigt deutlich, mit welch perfiden Methoden der User dazu gebracht wird, dranzubleiben, nicht auszuschalten. Die Kommunikation, die auf den Plattformen stattfindet, ist in Wahrheit nur Mittel zum Zweck: Tatsächlich geht es um Werbung und in weiterer Folge um Konsum. Gleichzeitig werden von den großen Konzernen Daten im großen Stil gesammelt. Am Ende wissen diese sehr viel über uns – wir im Gegenzug sehr wenig über sie. Soziale Medien profitieren davon, wenn ihre User extrem reagieren, was wiederum keine gute Grundlage für eine angemessene Diskussionskultur ist. Vormals wurde das Internet gepriesen als Ort der Demokratie und des freien Meinungsaustausches. Jeder könne dort breit gefächerte Informationen finden und seine eigene Meinung kundtun. Heute kennen wir die Kehrseite der Medaille: Fake News finden vor allem über soziale Medien in atemberaubender Geschwindigkeit Verbreitung und sind von echten News kaum mehr zu unterscheiden. Facebook, Insta & Co. scheinen prädestiniert für die Manipulation ihrer User, ja können schlimmstenfalls die Spaltung einer Gesellschaft vorantreiben. Seit dem „Sturm auf das Kapitol“ in Washington ist das Thema „Social Media“ um eine Facette reicher: Twitter sperrte das Konto von Donald Trump und nahm ihm damit sein „Megafon“. Dadurch stellt sich eine höchst brisante Frage: Wer bestimmt über die Diskussionsplattformen, die doch von Milliarden von Menschen genützt werden? Eine Handvoll reicher Männer aus dem Silicon Valley, die plötzlich ihr Gewissen entdeckt haben? Bundeskanzlerin Merkel äußerte sich kritisch über diese Art des Umgangs mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Auch Polen hat auf die jüngsten Ereignisse prompt reagiert. Die Regierung will die Macht von Online-Giganten wie Facebook und Twitter einschränken, indem sie per Gesetz verhindert, dass Einträge gelöscht und Konten gesperrt werden – es sei denn, sie verstoßen gegen geltendes Recht.

Do you like me?

Kinder und Jugendliche haben auf ganz andere Weise mit den Auswirkungen der sozialen Netze zu kämpfen. Während der Prozess der Selbstfindung bei den meisten Erwachsenen weitgehend abgeschlossen ist, befinden sich Kinder und Jugendliche noch in der Orientierungsphase – ein ausbleibendes „Like“ hat bei ihnen ganz andere Auswirkungen als bei Erwachsenen. Auch fällt es ihnen viel schwerer, einmal offline zu sein. Die Angst, etwas verpassen zu können, ist enorm, was bei vielen Kindern und Jugendlich Stress erzeugt. Ich erinnere mich an ein Erlebnis aus meiner Zeit als NMS-Lehrerin: Es war Pause, ich hatte Aufsicht in einer 1. Klasse. Wie aus dem nichts flogen zwischen zwei Elfjährigen die Fäustchen. Nachdem ich die beiden Streithähne voneinander getrennt hatte, versuchte ich herauszufinden, was die Ursache für den Konflikt war. Lucas erzählte mir weinend, der andere, nämlich Aleks, hätte ihm in den vergangenen Nächten immer wieder zu den unchristlichsten Uhrzeiten WhatsApp- Nachrichten geschickt. Nachrichten ohne Inhalt wohlgemerkt, aber er, Lucas, sei davon immer aufgewacht und habe deshalb seit einigen Nächten nicht ordentlich geschlafen. Auf meine Frage, warum er denn das Handy nicht einfach ausschalte in der Nacht, sah er mich an, als wäre das die absurdeste Idee, die er je gehört hatte. Und das alles wegen Nachrichten ohne Inhalt – von den Konflikten, die entstehen durch Nachrichten MIT Inhalt, will ich gar nicht erzählen!

Schutz.

Eine Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kinder und Jugendliche vor den Auswirkungen des Internets und der sozialen Medien zu schützen, ist Saferinternet.at. Ausgebildete Trainerinnen und Trainer bieten Workshops in Schulen und Jugendzentren an und leisten kostenlos Aufklärungsarbeit für Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonal und Eltern. Und wie sich immer wieder zeigt, ist der Aufklärungsbedarf groß, bei den Kindern und Jugendlichen – ebenso wie bei den Erwachsenen.

Autor: Sarah Estermann, 03.02.2021