Senta Berger über Liebe, Verlust und Vertrauen
Sie haben viele unterschiedliche Frauen gespielt – starke, verletzliche, widersprüchliche. Interessieren Sie heute andere Seiten an einer Figur als früher?
Senta Berger: Jeder Mensch ist widersprüchlich. Das zu zeigen, interessiert mich. Das Unbewusste, das unter einem Wort, unter einem Satz liegt, sichtbar zu machen, ist hochinteressant. Denken und Denken sichtbar machen – das ist so ein Leitspruch für mich. Ich war sehr jung, als ich begonnen habe, Filme zu machen. Die Drehbücher waren damals oft eindimensional, und natürlich war auch ich eine Schauspielerin, die brav den Text sagte, obwohl ich wusste: Da stimmt etwas nicht, so denken und sprechen Menschen nicht.
Später hatte ich Begegnungen im Film und am Theater, die mich ermutigt haben. Als ich mit Rudolf Noelte am Burgtheater arbeitete, war ich 38 und hatte gerade meinen zweiten Sohn bekommen. In dieser wunderbaren, aber chaotischen Zeit begannen die Proben zu „Tartuffe“. Ich spielte Elmire, Klaus Maria Brandauer den Tartuffe. Noelte stellte mir Fragen, die mich bis heute interessieren: Was sagt Elmire? Was will sie sagen? Was verschweigt sie? Ich habe damals viel gelernt.
Auch im Film gab es solche Begegnungen. Bei einem englischen Dreh mit Alec Guinness und Max von Sydow ließ ich mich sogar dann ins Studio fahren, wenn ich selbst nicht drehte – nur, um den beiden zuzuschauen. Sie machten fast nichts. Aber genau darin lag ihre große Kunst: Sie vertrauten der Nähe der Kamera und machten Denken sichtbar.
Ihr neuer Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ entstand unter der Regie Ihres Sohnes Simon Verhoeven. Was hat Sie an dieser Geschichte besonders berührt?
Senta Berger: Das Buch von Joachim Meyerhoff ist das Fundament unseres Films. Ich habe es vor Jahren allen geschenkt, die irgendwie mit unserem Metier verbunden sind. Auch Simon war begeistert davon. Umso schöner war es, als ihm die Regie angeboten wurde. Er hat auch das Drehbuch geschrieben – ein sehr gutes Drehbuch, das man wie eine Partitur spielen konnte, ohne ein Wort zu ändern.
In Meyerhoffs Geschichte geht es um die „Lücke“, die der Tod hinterlässt, um Traurigkeit, mit der wir leben lernen müssen, und um einen Anfang, wenn ein neues Lebenskapitel beginnt. Nur die Liebe bleibt bestehen. Die Liebe zwischen den Großeltern und ihrem jungen Enkel, der Schauspieler werden möchte, ist sehr berührend – und auch komisch.
Wie ist das am Set, wenn der eigene Sohn Regie führt?
Senta Berger: Natürlich bleibe ich Simons Mutter. Immer. Aber innerhalb eines Teams weist einem die Arbeit den richtigen Platz zu: Simon ist Regisseur, ich bin Schauspielerin. Ein guter Regisseur verordnet nicht, er hört zu, wählt aus, schlägt vor und nimmt Vorschläge seiner Mitarbeiter an.
Wir alle bieten unsere Arbeit an – Kamerafrau/-mann, Ausstattung, Schauspieler:innen. Darüber kann man diskutieren, und das tun wir auch, aber immer innerhalb unserer beruflichen Positionen. Nie als Mutter und Sohn. Es war eine besonders harmonische Drehzeit – nicht nur für mich, für uns alle. Ich habe mich auf jeden Drehtag gefreut.
Sie waren mit Michael Verhoeven, dem großen Regisseur an Ihrer Seite, mehr als sechs Jahrzehnte verbunden – privat wie künstlerisch. Was hat diese Verbindung über so viele Jahre getragen?
Senta Berger: Darf ich antworten: Es war Liebe. Michael und ich waren sehr verliebt ineinander. Immer. Und immer aufs Neue. Wir haben umeinander geworben, uns auch auseinandergesetzt und in beruflichen Dingen kritisiert. Aber immer war er mir ein wunderbares Gegenüber.
Unsere beruflichen Interessen waren eine große Klammer, und wir waren Familienmenschen. Ich bin es ja immer noch – auch wenn ich mir jetzt schon sehr verlassen und allein vorkomme. Die Verhoeven-Familie meiner Generation schmilzt. Und die Verhoeven-Kinder und deren Kinder leben ihr eigenes Leben. So soll es auch sein.
In Gmunden lesen Sie mit Friedrich von Thun „Loriot: Szenen einer Ehe“. Was braucht es zwischen zwei Menschen auf der Bühne, damit Loriots besonderer Ton wirkt?
Senta Berger: Vicco von Bülow hat alles vorgegeben – den feinen Humor, die Absurdität, den Rhythmus. Es macht solchen Spaß, Loriots Texte zu lesen! Wir freuen uns jedes Mal darauf! Friedrich von Thun und ich haben Vicco von Bülow gut gekannt und seinen Ton auch noch im Ohr. Ich glaube, er wäre zufrieden mit unserer Interpretation.
Mit Friedrich von Thun verbindet Sie eine lange gemeinsame Geschichte – vor der Kamera und auf der Bühne. Was macht das Zusammenspiel besonders?
Senta Berger: Wir vertrauen uns völlig.