Körperkunst Tattoo

Hautbilder. Ein mit Farbe in die Haut eingestochenes Motiv erzählt fast immer eine Geschichte. Ob persönliche Erinnerung, ästhetische Dekoration oder kulturell motiviert: Tätowierungen begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden und erleben in den vergangenen Jahren einen großen Aufschwung.
Autor: Magdalena M. Fuchs, 08.03.2022 um 17:30 Uhr

Bereits Ötzi, die Gletschermumie, die 1991 in Südtirol gefunden wurde, war tätowiert. Auf seiner Haut wurden zahlreiche Strichmuster gefunden. Man vermutet also, dass Tätowierungen als Körperkunst und Kulturakt so alt sind wie die Menschheit selbst. In Ägypten zeigen Wandmalereien Menschen mit Körperbemalungen, und auf anderen Kontinenten weiß man von Menschen, die sich meist aus kulturellen oder rituellen Gründen tätowieren ließen. Das Wort „Tätowierung“ kommt aus dem polynesischen Sprachraum und bedeutet übersetzt „Muster in die Haut einschlagen“. In Französisch-Polynesien gelten Tätowierungen als Kulturgut.

Adel und Klerus.

Im Mittelalter ließen sich Pilger tätowieren, es war sozusagen ein Souvenir und diente der Erinnerung an die Pilgerreise. Sogar die Mitglieder des Franziskanerordens ließen sich seit dem 13. Jahrhundert tätowieren. Durch die Reisen europäischer Seefahrer etwa nach Neuseeland wurden die Körperbemalungen indigener Völker an Europas Höfen zur beliebten Hautkunst. Georg V., Zar Nikolaus II., Königin Victoria und sogar Sissi: Sie alle waren tätowiert. Doch durch den einseitigen Bericht des Arztes Cesare Lombroso im 19. Jahrhundert verbreitete sich das Vorurteil, dass Kriminalität und Tätowierungen in Zusammenhang stehen. Dieses Klischee hielt sich lange. In Europa signalisierten Tätowierungen jahrzehntelang Gangzugehörigkeiten und Gefängnisaufenthalte. Erst in den vergangenen 20 Jahren trugen Social Media, tätowierte Stars und damit eine Aufwertung der Körperkunst zu einem Revival bei, und Tattoos sind mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert.

Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sissi)

Außerhalb Europas.

Deutlich weniger Tätowierungen als in Europa gibt es in Japan. Etwa 99 Prozent der Japaner lehnen die Körperkunst ab, das hängt auch mit kriminellen Organisationen und der Mafia zusammen, wo Tätowierungen oft als Erkennungsmerkmal dienen. Doch die Körperkunst hat in der Insel im Pazifik eine lange Tradition: In Farbholzdrucken des japanischen Künstlers Utagawa Kuniyoshi, der im 19. Jahrhundert für seine japanischen Farbholzschnitte bekannt war, sind Männer mit Ganzkörperbemalungen zu sehen. In der Szene ist der japanische Tätowierstil hoch angesehen. Im gesellschaftlichen Leben hingegen werden Tattoos in Japan bis heute abgelehnt und es gibt nur wenige offizielle Tattoo-Studios, ganz im Gegensatz zu Europa und den USA.

Werdegang Tätowierer.

Was man zur Ausbildung zum Tattoo Artist mitbringen sollte, sind auf jeden Fall eine ruhige Hand, große Kunstfertigkeit, Konzentration und Kreativität. Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis und eine genaue Arbeitsweise sind gefragt. Und eine Prise Geduld und Sitzfleisch schaden auf keinen Fall – denn Sitzungen für großflächige Tattoos können Stunden dauern! Die Ausbildung in Österreich ist gesetzlich geregelt und nach einem Lehrgang und dem Abschluss einer Prüfung kann man als Tätowierer arbeiten, wobei viele sich selbstständig machen. Ob mit Stift und Papier oder am Tablet, jeder Tattoo-Künstler arbeitet individuell, denn viele Tätowierer sind kreative Künstler und begnadete Zeichner. Bevor man auf die menschliche Haut sticht, übt man auf Kunsthaut, Tierhaut und später auf freiwilligen Bekannten und Freunden.

Hard Facts zum Thema Tattoo

Gesetzesänderung Farben.

Seit Anfang Jänner 2022 sind einige Chemikalien, die Bestandteil vieler Tattoofarben waren, laut eines neuen EUGesetzes nicht mehr zulässig. Diese REACH-Verordnung verbietet die Verwendung vieler Farben in der Europäischen Union. Davor waren hunderte Tattoofarben auf dem Markt; die Inhaltsstoffe vieler Tinten bestanden aus Chemikalien, die zum Teil auf die Haut, aber nicht unter die Haut sollen. Zum Teil enthielten die Farben Metalle wie Zink oder Nickel und manche Inhaltsstoffe stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Allerdings müssen wissenschaftliche Daten erhoben werden, um derart drastische Einschränkungen für eine Branche, wie es die neue Regelung bedeutet, zu rechtfertigen. Die Gesundheit der Kunden liegt 80 moments 2/2022 schließlich nicht nur dem Staat, sondern auch den Tätowierern am Herzen. Wie die Tattoofarben im Körper langfristig aufgenommen und abgebaut werden, wird derzeit noch wissenschaftlich untersucht. Manche Tätowierer arbeiten bereits mit veganen Alternativen – welche Lösungen für die Branche und die Gesundheit praxistauglich sind, wird sich noch zeigen.

Die Qual der Wahl.

Nicht nur das Motiv soll mit Bedacht gewählt werden. Auch das Studio, der Tätowierer und die Hygiene-Regelungen sollten genauestens unter die Lupe genommen werden. In Zeiten von Social Media zählt auf jeden Fall der erste (Online-)Eindruck. Professionelle Tätowierer haben sich auf bestimmte Motive spezialisiert – etwa Lettering oder geometrische Tattoos – und zeigen ihre Arbeit meist online. Auf jeden Fall sollte der künstlerische Stil des Tätowierers mit dem Geschmack des zu Tätowierenden harmonieren. So schroff manche Tätowierer auf den ersten Blick wirken, im Studio sollte auf Desinfek tion und steriles Werkzeug geachtet werden. Um Infektionen vorzubeugen, ist die Vorsorge mindestens so wichtig wie die Nachsorge. Ein Tätowierer hat schlussendlich die Verantwortung eines Künstlers und Arztes zugleich.

Tattoo-ABC

Ein Versuch.

Wir denken oft an das Davor und das Danach: Wir sehen die tätowierte Haut, das fertige Motiv oder denken an den Prozess der Motivfindung. Das Tätowieren selbst beansprucht oft Stunden, manchmal Tage. Das reicht vom Erstgespräch mit dem richtigen Tätowierer bis zur Zeichnung, von der Blaupause bis hin zur eigentlichen Nadel unter der Haut. Besonders feine Nadeln lassen keine Fehler zu, es gibt einen Versuch, nichts kann ausgebessert werden. Dickere Nadeln und weniger feine Motive erlauben da mehr Spielraum. Manche Körperstellen sind bekannt dafür, besonders schmerzhaft zu sein – etwa der Rippenbogen oder der Hals. Die Schmerzempfindlichkeit ist aber immer ein persönliches Empfinden.

Aus Gangkultur wird Popkultur.

Zu den meisttätowierten Berufsgruppen zählen neben den Tätowierern selbst mit Sicherheit die Fußballspieler. Bei jeder Weltmeisterschaft sieht man sofort, wer sich zur langfristigen Körperbemalung bekennt. Auch unter Schauspielern und Sängern ist das Tätowieren ein beliebter Trend geworden. Lady Gagas linken Oberarm ziert ein Zitat des österreichischen Lyrikers Rainer Maria Rilke, und Angelina Jolie trägt die geografischen Koordinaten der Geburtsorte ihrer Kinder am Arm.

Kunsthandwerk.

Das Medium der Haut ermöglicht Kunstwerke auf bewegten Objekten: dem Menschen selbst. Tattoos stiften Individualität und Identität, damals oft sichtbares Zeichen einer sozialen Zugehörigkeit, heute Ausdruck von Geschmack, Hobbys oder Beruf. Motiv und Motivation für ein Hautbild haben sich über die Jahrtausende nicht geändert: Erinnerung und Identität stehen im Mittelpunkt. Ob Körperkult, Brandmarkung, Modetrend oder Kulturgut: Tattoos gehören seit jeher zur Kultur geschichte des Menschen und sind heute gefragter denn je.

Plastische Chirurgin Dr. Andrea Oßberger

Im Gespräch mit der Fachärztin für Plastische Chirurgie Dr. Andrea Oßberger

Wie funktioniert die Lasertechnik eigentlich? Der Laser zerkleinert das Farbpigment der Tattoos, man kann sich das so vorstellen, dass diese Pigmente durch die übertragene Energie des Lasers regelrecht zerschmettert werden. Es gibt Unterschiede bei den Größen, der Körper sammelt dann die zerkleinerten Pigmente und transportiert diese ab. Es kommt bei diesem „Ab transport“ darauf an, wie viel Farbe eingebracht wurde, an welcher Stelle das Tattoo ist und wie tief die Farbe sitzt.

Wie lange dauert eine Tattoo-Entfernung? Es wäre unseriös zu sagen, dass nach drei Sitzungen alles vorbei ist. Man muss sehen, wie gut die Haut anspricht. Es kommt auch auf die Größe der Tätowierung an, aber es ist ein Prozess, der sich individuell ge staltet. Bei einer Probe sitzung kann all das besprochen werden.

Ist mit einer Narbe zu rechnen? Manche Tattoos können ohne Narbe nicht verschwinden, da bereits die Tätowierung eine Narbe gebildet hat. Es ist sehr individuell, wie jeder reagiert, sowohl auf Farbe als auch auf Laser. Manche Menschen sind allergisch gegen Farben. Die Größe spielt gar keine so große Rolle, ob man eine Narbe bekommt oder nicht. Es geht darum, was es für eine Farbe ist, wie man den Laser verträgt und vor allem, wie der Patient für die Wunde sorgt – Nach sorge ist sehr wichtig.

Zeiten ändern sich - Geschmäcke auch!

Worauf sollte bei der Nachsorge geachtet werden? Sie sollten die Sonne für auf jeden Fall drei bis vier Wochen meiden, um so eine Pigmentierung zu vermeiden. Die Stelle sollte im Sommer entweder abgedeckt werden und am besten wird das Bräunen ganz vermieden. Denn sonst entstehen Farbflecken. Deshalb wird Lasern grundsätzlich im Herbst und Winter empfohlen.

Mit welchen Lasern arbeiten Sie? Ich arbeite mit mehreren Lasern, der Rubinlaser kann zum Beispiel die Teile nicht so stark zerkleinern wie der Pico- Sure-Laser – aber das hängt auch von der Farbe ab. Also eine allgemeingültige Regel für den „besten“ Laser gibt es da nicht. Man sollte beachten: Gerade bei Entfernungen von Permanent-Make-up kann es zu Farbumschlägen kommen. Bei farbigen Tätowierungen sollte das also bedacht werden. Bei den Schattierungen sollte einem bewusst sein, mit welchen Farben man sich tätowieren lässt – Weiß zum Beispiel kann man nicht entfernen.

Warum lässt man sich eigentlich ein Tattoo entfernen? Meistens kommen Menschen aller Altersgruppen mit Tätowierungen, die unbedacht gemacht wurden. Die Körperstelle spielt da oft eine Rolle. Viele dieser Tätowierungen sind nicht so schön gelungen wie gewünscht, früher wurde oft weniger fein gestochen, wie das heute möglich ist. Und natürlich kann sich auch der Geschmack im Laufe der Jahre ändern.

Laseretfernung