Unterweger-Vertraute Wagner: "Da war sofort ein Kribbeln"

In den 70ern wird Jack Unterweger wegen Mordes an einer 18-Jährigen Deutschen zu lebenslanger Haft verurteilt. Während seiner Zeit im Gefängnis avanciert er zum Paradebeispiel für Resozialisierung. Er veröffentlicht Romane, schreibt für den ORF, dichtet Liedtexte. Der Häf’n-Poet ist geboren. 1990 entlassen, erschüttert wenige Monate nach seinem Freigang eine Mordserie das Land. Elf Prostituierte werden stranguliert aufgefunden. Unterweger steht abermals vor Gericht.

Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, warum ich ausgerechnet so einen wie den Jack will.

Frau Wagner, wann haben Sie sich entschieden, zu Jack Unterweger Kontakt aufzunehmen?
Astrid Wagner: Ich habe schon vorher ein Buch von ihm gelesen, er war ja bereits als Autor und Literat bekannt. Der konkrete Anlass war sein Selbstmordversuch. Ich habe relativ spontan entschieden ihm zu schreiben: „Halten Sie durch, es haben Sie noch nicht alle vorverurteilt
."

Auf den ersten Kontakt folgen weitere Briefe. Bald schreiben sich Wagner und Unterweger regelmäßig.

weekend: Wie wurde aus der Brieffreundschaft ein intimeres Verhältnis?
Astrid Wagner: Als wir uns das erste Mal gesehen haben, war sofort ein Kribbeln da. Er hatte damals noch eine Freundin, die er dann relativ schnell verlassen hat. Über die ganzen zwei Jahre unseres Kontaktes waren unsere Gefühle wie Wasser, das kocht, aber nicht übergeht. Wir haben gewusst, dass wir möglicherweise keine Zukunft miteinander haben. Die Gefühle sind erst am Ende aufgebrochen … Aber das Kribbeln und die Faszination, die Schmetterlinge im Bauchen waren sofort da. Er hat ja auch sofort zu flirten angefangen – schon beim allerersten Besuch.

weekend: Sie hatten also auf Anhieb diese gewisse Chemie miteinander?
Astrid Wagner: Es war schicksalhaft, das sage ich nach wie vor. Die Begegnung hat mein ganzes Leben, meinen ganzen Werdegang geprägt.

Die geborene Steirerin schließt ihr Jus-Studium 1990 ab. Ihre Dissertation verfasst sie im Bereich Strafrecht. In den folgenden Jahren ist sie bei der Mietervereinigung Steiermark tätig, 1993 übernimmt sie den Landesvorsitz.

weekend: Was wäre ohne sie anders gewesen?
Wagner: Das ist sehr hypothetisch, aber ich hätte wohl meinen damaligen Freund geheiratet. Über kurz oder lang hätte ich Kinder bekommen und wäre in Graz geblieben. Ob ich wirklich mein Leben lang bei der Mietervereinigung geblieben wäre, bezweifle ich. Früher oder später wäre ich definitiv wieder im Strafrecht gelandet.


weekend: Sie haben Ihren damaligen Freund also im Zuge der Begegnung mit Jack Unterweger verlassen?
Wagner
: Ja, so war das. Wir hatten gerade eine problematische Phase in unserer Beziehung. Wir waren schon neun oder zehn Jahre zusammen, er hatte gerade seinen Job verloren, es gab viel Streit. Hätte ich Jack nicht kennengelernt, hätten wir uns sicher wieder versöhnt.

weekend: Beim Thema hypothetisch: Hätten Sie sich denn ein alternatives Ende für ihre Beziehung zu Unterweger vorstellen können?
Wagner:
Ein Sprichwort sagt: Es gibt Frauen, die weinen, weil sie ihren Traumprinzen nicht bekommen haben. Und manche Frauen weinen, weil sie ihren Traumprinzen bekommen haben. Für uns wäre wohl das zweite realistisch gewesen. Ich glaube, das hätte nicht funktioniert, weil er ein sehr verletzter Mensch war. Ich glaube nicht, dass er für eine richtige Beziehung geeignet gewesen wäre – ich selbst war auch noch sehr jung und habe danach noch etliche Phasen durchlaufen.

Er wäre kein Hausmann gewesen, wäre nicht 'domestizierbar' gewesen.

weekend: Was hätte das für die Beziehungsseite bedeutet?
Wagner:
Es wäre sicher keine stabile Beziehung gewesen. Ich habe mich noch stark verändert, bin in die Anwaltei gegangen. Da braucht man einen starken, reifen Partner. Ich selbst war auch noch sehr jung – das hat schon zusammengepasst: Jack war nicht stabil und ich nicht fertig entwickelt. Von seiner Seite war er letztlich wohl viel zu verletzt, viel zu verstört. Das ist ja auch kein Wunder, bei dem Leben, das er geführt hat. Drogen, die Jahre im Gefängnis, eine furchtbare Kindheit: schwierig für eine Beziehung und Familie. Ganz jung – da hätte ich noch Kinder gewollt. Und das hätte mit ihm nicht funktioniert. Er wäre kein Hausmann gewesen. Er wäre nicht „domestizierbar“ gewesen.

Als Wagner nähere Bekanntschaft mit Unterweger schließt, ist sie bereits in leitender Position bei der Mietervereinigung tätig, ihr Name ist in Graz ein Begriff. Umstände, die ihr das Leben gehörig erschwerten.  Als bekannt wird, dass Wagners Ausbildungsrichter den Unterweger-Prozess leiten sollte, gehen die Wogen medial hoch. Der Richter wird wegen möglicher Befangenheit abgesetzt, Wagner ins Rampenlicht gezerrt.

Ein Portrait von Strafverteidigerin Astrid Wagner

weekend: Wie haben Sie das damals erlebt?
Wagner:
Es war eine schreckliche Zeit. Ohne, dass ich es wollte, bin ich in den Medien gelandet. Ich wurde zum Beispiel ohne mein Wissen fotografiert. Die Sache mit dem Richter – ich hatte dauernd das Gefühl, dass es meine Schuld wäre, wenn es schlecht ausgehen sollte. Neben den Schuldgefühlen hat es anderseits viele Menschen gegeben, die zu mir gestanden haben – das war schön zu erleben. Natürlich hat es auch einige gegeben, die mich verurteilt haben. 

weekend: Es ist sicher nicht einfach, sich dauernd rechtfertigen zu müssen. Wie sind Sie für sich damit umgegangen?
Wagner:
Mein Vorteil war und ist, dass ich schon als Kind als bockig und trotzig bekannt war. Ich habe einen sehr starken Widerspruchsgeist und liebe die Herausforderung. Ich stehe zu dem, was ich mache und gehe meinen Weg. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, warum ich ausgerechnet so einen wie den Jack will. Ich stamme aus anständigen, bürgerlichen Verhältnissen. Wir waren eine große lustige Familie, die viel in der Weltgeschichte herumgezogen ist – eine heile, liebvolle Familie. Trotzdem: Die bösen Jungs haben mich immer irgendwie angezogen. Das war sicher eine Faszination – und zudem habe ich auch eine sehr ausgeprägte soziale Ader.

Und, haben Sie eine Antwort gefunden? Warum so einer wie Jack?
Wagner:
Er hat mir wahnsinnig leid getan. Da war der Mechanismus: „Er hat keine Mutter gehabt, er ist so arm. Ich bin diejenige, die ihn da herausholen wird, ich bin die Auserwählte, die den rechten Weg weisen wird. Durch mich hat er endlich einen Ausweg und eine Heimat.“ Viele Frauen, die mit Kriminellen zu tun haben, denken so. Man nennt das auch Helfer- oder Krankenschwestersyndrom. Ich verurteile das nicht, das kann eine sehr schöne Aufgabe sein. Viele dieser Frauen, und davon kenn ich auch einige, sind glücklich und gehen in dieser Rolle auf. Das finde ich nicht einmal schlecht. Jeder hat so seinen Typen. Andere haben einen reichen Typen und werden gerne verwöhnt, andere wollen helfen und haben diesen Typen –  jeder hat so seine Neigungen. Ich habe halt diese.

Der Knastpoet Jack Unterweger posiert für einen Fototermin vor einer Schreibmaschine.

weekend: Ist das nicht eine Neigung, die gefährlich werden könnte?
Wagner:
Das könnte natürlich sein, aber da muss ich sagen: Angetan – das weiß ich einfach – hätte mir Jack nie etwas. Ich habe mich sehr viel mit Biografien von Mördern beschäftigt: Der klassische Serienkiller tötet nie den Lebenspartner oder Nahestehende, immer ein anonymes Opfer. Die meisten Tötungsdelikte sind Einzelmorde, ohne Wiederholungsgefahr. Das sind typische Beziehungstaten, bei denen ein Streit eskaliert, oder die Eifersucht übernimmt. Ich habe sicher schon 30 solcher Männer und drei Frauen verteidigt, die ihre Partner umgebracht haben. Jack war aber kein Beziehungstäter. Er hat immer wieder mehrere Frauen gehabt. Er wäre keiner gewesen, der aus Eifersucht seine Partnerin ermordet. Angst hätte ich nicht gehabt, im Gefängnis sowieso nicht, aber auch wenn er draußen gewesen wäre, hätte er mir kein Haar gekrümmt. Wahrscheinlich hätte er mich verlassen – oder ich ihn.

weekend: So wie Sie das schildern klingt das ja fast, als wäre eine Beziehung mit einem Nicht-Serienkiller fast gefährlicher als mit einem Serienmörder.
Wagner: Wenn man es sehr überspitzt sagt, ja. Das ist oft wie ein Unfall. Das ist etwas ganz anderes als bei Serienmördern, die sind oft Narzissten. Jack war ganz anders. Ja, er war schon ein Narzisst. Er hat sich schon sehr geliebt und andererseits war er wieder sehr unsicher.

weekend: Unterweger war zuvor bereits wegen Mordes im Gefängnis. Wie sind Sie persönlich damit umgegangen? Haben Sie am Ende des zweiten Prozesses noch an seine Unschuld geglaubt?
Wagner:
Ich habe das absolut verdrängt. Der Prozess war sicher nicht fair, das sage ich nach wie vor. Beispielsweise gab es keine Spuren von ihm, bei elf Frauen! Da muss es doch irgendwann mal eine Täterspur geben, das sagt schon das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Es wurde im Prozess immer wieder gesagt, dass bei den Morden derselbe Knoten im Spiel war. Nach seinem Selbstmord ist der Knoten, mit dem er sich aufgehängt hat, nicht untersucht worden, weil das Verfahren schon abgeschlossen war. Und auch nach seinem Tod gab es noch ermordete Prostituierte. Es gibt bis heute sehr viele Lücken. Ich bin nach wie vor nicht überzeugt, dass er nicht unbedingt der Täter war. Letztlich spielt es aber keine Rolle und damals, hätte ich sicher zu ihm gestanden.

Zu Unterwegers Anklage führte das Haar einer der getöteten Prostituierten, das in seinem Auto gefunden wurde. Alle Frauen wurden nach ähnlichem Muster umgebracht, stranguliert mit ihrer Unterwäsche. Die Morde liegen geografisch weit auseinander: Prag, Graz, Bregenz, Wien und Los Angels. Unterweger befindet sich zum Tatzeitpunkt jeweils in der Region – und kann kein Alibi vorweisen. Für die mediale Öffentlichkeit steht seine Schuld bereits vor Prozess fest. 1994 wird Unterweger wegen neunfachen Mordes zum zweiten Mal zu lebenslanger Haft verurteilt. Wenige Stunden später erhängt er sich in seiner Zelle.

weekend: Und heute?
Wagner:
Und auch heute würde ich sagen, wenn er das wirklich war, dann war er schwerkrank. Man kann ja nur froh sein, dass man selbst nicht so geboren ist. Jeder Mensch ist facettenreich. Jack hatte sicher mehrere Gesichter, so wie jeder Mensch. Ich habe mit vielen Frauen gesprochen, die mit ihm intim waren. Die meisten haben ihn als sehr zärtlich und liebevoll erlebt. Es gibt aber auch Berichte von einer, die er nicht haben wollte und die hat dann auch geschildert, dass er sie geschlagen habe.

20 Jahre nach seinem Tod geht Wagner in ihrem Buch „Verblendet: Die wahre Geschichte der Anwältin, die sich in den Mörder Jack Unterweger verliebte“ (2014) ihren Gefühlen und Unterwegers Wirkung auf Frauen noch einmal auf den Grund.

Angeklagter Jack Unterweger in Begleitung eines Polizisten am Weg zum Prozess.

weekend: Für Sie war das ganz klar, dass Sie die Facetten mitakzeptieren?
Wagner:
Da war zum Beispiel eine Künstlerin aus Wien, die berichtet hat, dass sie so einen zärtlichen Mann überhaupt noch nie gehabt hätte. Eine Domina, die er in der Reizbar kennengelernt hat, hat gesagt, dass es mit ihm einfach „leiwand“ war. Diese Frauen haben ihn zärtlich erlebt, wie auch seine damalige Freundin. Kurz davor hatte er eine Freundin, die ihn fasziniert hat. Sie war gut 15 Jahre älter als er, verheiratet und er der heimliche Geliebte. Er hat sich dann aber eine 18-Jährige genommen, was sie als Affront verstand. Sie hat dann vor Gericht schlecht ausgesagt. Von Seiten der Anklage hat man verzweifelt versucht, Frauen zu finden, die ihn als Gewalttäter und Vergewaltiger hinstellen – man hat aber sonst niemanden gefunden.

weekend: Und der Mord davor?
Wagner:
Das war ein junges Mädchen, auch erst 18. Er stand unter Drogen –  aber es war ein brutaler Mord. Jack war mit einer Freundin bei den Eltern des Mädchens einbrechen, die Freundin kannte die Familie sogar. Das Mädchen hat sie erwischt, sich aber überreden lassen mit ihnen mitzukommen. Sie sind ins Auto gestiegen und losgefahren. Sie haben getrunken und Tabletten genommen. Im Wald hat er sie dann rausgelockt – und erschlagen. Zur Freundin hat er angeblich gesagt: „Die wird uns jetzt nicht mehr verraten.“ Das war brutal. (Pause) Er war schwer kaputt. Er hatte eine Kindheit, das kann man sich gar nicht vorstellen: als Säugling wegegeben und bei einem Menschen aufgewachsen, der regelmäßig prügelt. Mit sechs Jahren war er bei einer Pflegefamilie, dann im Heim – und das alles in den 50ern. Man kann man sich schon vorstellen, was da alles aus ihm herausgeprügelt wurde. Aber er hatte Empathie. Jeder der sagt, er war gefühlskalt – das stimmt nicht. Er war krank, er war gestört, aber er war kein gefühlloses Monster. Natürlich kann man sagen, da ist Verliebtheit dabei, aber mittlerweile habe ich Distanz zu den Gefühlen von damals. Ich könnte mich heute gar nicht mehr in ihn verlieben, er wäre gar nicht mein Typ. Mein Beuteschema waren immer große Männer, und das war ein kurzer Ausreißer. Na gut, ich hatte dann noch einmal einen kleinen Mann, das war auch nicht gut.

weekend: Also Finger weg von kleinen Männern.
Wagner: Ja, wirklich! Das ist ja wohl ein Naturgesetz. Kleine Männer tragen ordentliche Macken davon. Bei Jack … Es war es sicher auch das Bild von ihm als Schriftsteller, dessen Buch ich gelesen habe. Ein bisschen habe ich mich schon auch in die Medienfigur verguckt. Hätte ich ihn in der Straßenbahn gesehen, hätte er mir wahrscheinlich auch nicht gefallen.

weekend: Wenn der geliebte Mensch etwas so Fürchterliches wie einen Mord begeht, muss der Verdrängungsmechanismus schon sehr groß sein. Glauben Sie, dass jeder Mensch zu dieser Form der Verdrängung fähig ist?
Wagner: Ja, natürlich. Der Mensch ist sowieso eine einzige Verdrängung. Der Partner wird immer idealisiert. Das hängt auch davon ab, wie gefühlsbetont man ist. Vielen rational denkenden Frauen, die nicht so romantisch sind, kann das wahrscheinlich eher nicht passieren. Die suchen sich eher einen Mann für den Nestbau.

weekend: Das liegt also an persönlichen Bedürfnissen.
Wagner:
Ja, jeder Mensch ist anders. Ich war nie ein Mensch mit Vorurteilen, aber diese Beziehung hat das sicher noch verstärkt. Mein Verständnis für Menschen, die scheitern, für Frauen, die sich zu solchen Männern hingezogen fühlen – das ist mit ihm sicher noch gewachsen.

Frau Wagner, wir danken für das Gespräch!

Ein roter Bucheinband, darauf Schlagzeilen und der Titel "Sie töteten, die sie liebten". Autorin Astrid Wagner

Seit 2001 leitet Wagner ihre eigene Kanzlei in Wien. Als "enfant terrible" unter den Strafverteidigern bekannt, ist sie auf besonders harte Fälle spezialisiert. Nicht nur als Anwältin, sondern auch als Autorin ist sie mittlerweile einem größeren Publikum bekannt. Stets im Mittelpunkt: Wahre Kriminialfälle und ihre Hintergründe. Vergangenes Jahr erschien ihr vorerst jüngstes Werk "Sie töteten, die sie liebten". Wie schnell aus einem Eifersuchtsdrama eine Beziehungstat werden kann und aus dem geliebten Menschen ein Mörder, weiß sie aus ihrer Praxis nur zu gut.  In ihrem achten Buch beleuchtet sie die Biografien jener, die oft so gar nichts eint – bis Liebe in Hasse umschlägt.

 

Autor: Stefanie Hermann , 06.08.2020