Astrid Wagner: "Das sind alles Loser"

Astrid Wagner zählt zu Österreichs prominentesten Strafverteidigerinnen. Die Wahlwienerin hat sich auf die Strafverteidigung besonders harter Fälle spezialisiert. Im Fall des neunten Frauenmordes dieses Jahres hat sie die Vertretung der Opferfamilie übernommen. Wir haben mit Astrid Wagner über falsch verstandene Männlichkeit, den Fall Bierwirt und Frauen, die man vor sich selbst schützen muss gesprochen.

Warum häufen sich die Frauenmorde in den letzten Jahren? Wird die Gesellschaft enthemmter?
Astrid Wagner:
Es kann nicht sein, dass zufällig mehr Frauen mit Gewalttätern verheiratet sind. Das hat mit gesellschaftlichem Umbruch zu tun. Männer sind zusehends in einer Identitätskrise. Frauen übernehmen immer mehr Schlüssel- und Führungspositionen, verdienen ihr eigenes Geld, sind stärker und selbstständig. Viele Männer haben das noch anders gelernt: Sie müssen stärker, erfolgreicher, größer sein als Frauen. Solche Taten werden nicht von mit sich zufriedenen Männern begangen. Sondern von Losern, die mit ihrem Leben nicht klarkommen.

Ich bin davon überzeugt, dass grundsätzlich jeder einen Mord begehen könnte.

Mord aus Ohnmacht?
Astrid Wagner: Das ist ja kein Zeichen von Stärke! Natürlich ist das in letzter Konsequenz Ohnmacht. Da zeigt er noch seine „Männlichkeit“, weil er körperlich überlegen oder bewaffnet ist. Das ist das Einzige, was er in seiner wütenden Ohnmacht machen kann. Und damit zerstört er sich letztlich auch selbst.

Eine Frau mit dunklen Haaren, Brille, Anwaltstalar und schwarzer Maske (Astrid Wagner) beugt sich zu einer sitzenden Frau (Mandantin), die der Kamera den Rücken kehrt.

Viele führen die Zunahme aber auch auf die Zuwanderung zurück.
Astrid Wagner:
Delikte wie Ehrenmorde gibt es, und nein: Die darf man nicht leugnen, nur weil man Angst hat anzustreifen. Aber man kann nicht so zu tun, als hätten wir das Problem ohne Zuwanderung nicht. Gerade die heurigen Frauenmorde wurden, mit Ausnahme des Mordes durch Verbrennung, von Österreichern begangen.

Gemeinsamkeiten der Frauenmorde

Was haben die Täter dann gemeinsam?
Astrid Wagner:
Es sind schwache Männer. Männer, die teilweise sehr auffällige Biografien haben. Männer, die aus der Lebensbahn geraten sind. Das ist bei jeder Straftat so: Sozial abweichendes Verhalten wird nicht von glücklichen Menschen gesetzt. Das soll es nicht entschuldigen. Als Strafverteidigerin weiß ich aber, dass Kriminalität Ursachen hat. Dieses Verhalten ist nicht angeboren. Ich bin davon überzeugt, dass grundsätzlich jeder einen Mord begehen könnte.

 Solche Taten werden nicht von erfolgreichen, glücklichen Männern begangen.

Ein Mann mit blauem Hemd steht mit dem Rücken zum Betrachter. Sein teilweise sichtbares Halbprofil ist verpixelt. Er spricht mit einer dunkelhaareigen Frau (Astrid Wagner), die eine schwarze Maske trägt.

Gibt es auch zwischen den Opfern Verbindendes?
Astrid Wagner:
Es trifft immer gerade die Frauen, die sehr sozial und fürsorglich sind. In diesem Fall auch wieder. Sie war eine sehr starke Frau, die ihrem Partner regelmäßig aus der Patsche geholfen hat. Sie hat sich für ihn richtig aufgeopfert. Und, es scheint, als wäre es hier auch so gewesen zu sein, dass sie ein Helfersyndrom hatte. Ich will nicht hineininterpretieren, aber das ist in vielen dieser Fälle ein bestimmendes Muster. Das ist fatal. Das Einzige was dem Gegenüber hilft, ist Hilfe zur Selbsthilfe in aller Konsequenz. Irgendwann hat sie dann tatsächlich Schluss gemacht.

Das ist der Punkt, an dem die Gewalt – bis hin zum Mord – eskaliert. Warum?
Astrid Wagner:
Diese Männer haben ganz wenig Selbstbewusstsein, das letzte bisschen definieren sie über die Frau. Das gibt ihnen Halt. Wenn der wegbricht, kippt die Situation. Liebe schlägt in Hass um.

Frauen schützen, Männern helfen

Eine Frau in einem orangen ärmellosen Shirt hält sich den Arm. Am Oberarm ist ein riesiger, abheilender Bluterguss zu sehen.

weekend: Wie kann man Frauen davor schützen?
Astrid Wagner:
Man muss ihnen Mut machen, Interventionsstellen und die Möglichkeit der polizeilichen Wegweisung in Anspruch zu nehmen. Vielfach müsste man sie auch vor sich selbst schützen. Eine Beziehung ist keine Psychotherapie! Warnsignale wie Vorstrafen und Gewalt dürfen nicht ignoriert werden. Gerade die geplante letzte Aussprache ist brandgefährlich. Und: Man muss den Frauen helfen, aber den Männern letztlich auch. Männer sind die Ursache und müssen stärker an die Kandare genommen werden.

Eine Beziehung ist keine Psychotherapie!

Unscharf im Hintergrund sieht man eine Frau sitzen. Sie hat die Hände gefaltet. Im Vordergrund eine geballte Männerfaust.

Was müsste der Staat dafür tun?
Astrid Wagner:
Österreich muss die Prävention bei Männern, die bei Gewaltdelikten auffällig werden, stärker ausbauen. Stalking, Cybermobbing – das glaubt man ja gar nicht, was das für ein schneller Sprung ist! Das hat man auch bei Sigi Maurer gesehen. Da denkt man zuerst: „Naja, das ist ja nur so ein Maulheld.“ Und dann … Nach dem Fall Maurer hätten die Alarmglocken schrillen müssen! Mit verpflichtenden Programmen wie psychologischem Anti-Aggressionstraining und Bewusstseinsbildung kann man viel erreichen.

Bierwirt: Wagner vertritt Opfer-Familie

Sigi Maurer und ihre Anwältin Maria Windhager im Rahmen der Fortsetzung des Prozesses "Bierwirt gegen Sigrid Maurer".

Aktuell ist der besagte Bierwirt in U-Haft. Sie vertreten die Opferfamilie. Was hat sie bewogen den Fall zu übernehmen?
Astrid Wagner:
Das ist für mich schon eine Herausforderung, aber die Familie hat sich an mich gewandt. Wie ich gehört habe, versucht der Verteidiger das als Rauschtat hinzustellen. [Anm.: Strafrahmen bis zu drei Jahre] Da braucht es eine starke Anwältin, damit der nicht mit einer Minimalstrafe nach Hause geht. Es ist nicht so unwahrscheinlich, dass er damit durchkommt. Er hatte angeblich drei Promille. Die Familie des Opfers will, dass Genugtuung geschieht. Dass der Täter nicht billig davon kommt und seine gerechte Strafe erhält, ist für die Trauerarbeit extrem wichtig.

Was können Familien tun, um einzuschreiten bevor es soweit kommt?
Astrid Wagner:
Meiner Erfahrung nach verschweigen das Frauen, die in solchen Beziehungen leben. Man kann nur signalisieren, dass man zu ihnen hält und immer da ist. Das ist ganz schwer als Familie und auch fast nicht zu verhindern. Auch in diesem Fall: hätten sie nur gegen ihn geredet, dann hätte sie das wahrscheinlich noch mehr bestärkt und sie hätte wahrscheinlich noch mehr zu ihm gehalten. Wobei die Familie selbst nicht geglaubt hätte, dass es soweit kommen kann.

Eine dunkelhaarige Frau telefoniert. Sie blickt zu Boden und hat die Hand an die Stirn gelegt.

Das hat ihm niemand zugetraut

Auch die Familie hätte ihm das nicht zugetraut?
Astrid Wagner: Nein, die Familie des Opfers hätte ihm das auch nicht zugetraut. Tatsache ist: Die Familie sind sehr anständige, feine Leute. Sie muss ein toller Mensch gewesen sein. Aber genau die erwischt es immer, das ist halt leider auch meine Erfahrung.

Sie muss ein toller Mensch gewesen sein.

Müssten also wir Frauen im Umgang mit Männern etwas anders machen?
Astrid Wagner
:
Wir sollten diese veralteten Männlichkeitsbilder
endlich überwinden! Möglicherweise muss man in der Erziehung der Buben ansetzen. Anscheinend hat sich das noch zu wenig herumgesprochen, dass ein richtiger Mann seine Frau nicht schlägt. Und dann gibt es ja wirklich noch welche, die glauben, sie müssten eine Frau beschützen. Wer will heute noch einen Beschützer? Es ist auch einfach nicht mehr in: Diese alten, mächtigen Männer. Die Zeiten haben sich geändert.

Ein roter Bucheinband, darauf Schlagzeilen und der Titel "Sie töteten, die sie liebten". Autorin Astrid Wagner

Seit 2001 leitet Wagner ihre eigene Kanzlei in Wien. Als "enfant terrible" unter den Strafverteidigern bekannt, ist sie auf besonders harte Fälle spezialisiert. Nicht nur als Anwältin, sondern auch als Autorin ist sie mittlerweile einem größeren Publikum bekannt. Stets im Mittelpunkt: Wahre Kriminalfälle und ihre Hintergründe. Vergangenes Jahr erschien ihr vorerst jüngstes Werk "Sie töteten, die sie liebten". Wie schnell aus einem Eifersuchtsdrama eine Beziehungstat werden kann und aus dem geliebten Menschen ein Mörder, weiß sie aus ihrer Praxis nur zu gut.  In ihrem achten Buch beleuchtet sie die Biografien jener, die oft so gar nichts eint – bis Liebe in Hass umschlägt.

Autor: Stefanie Hermann, 07.05.2021