Tech-Blog-Test: Xiaomi Mi 11 - Heißes Flaggschiff

Die chinesische Marke Xiaomi gilt als das Apple aus Asien. Die Marke steht für moderne Technik, Lifestyle und leistbare Produkte. In Asien ist die Fanbase gigantisch, in Indien ist man Marktführer. Und in Europa nutzt Xiaomi die Schwäche des einstigen China-Platzhirschen Huawei gnadenlos aus und drängt auf den Markt. Bereits letztes Jahr wurde mit dem Mi 10 und dem Mi 10 Pro hervorragende Flaggschiffe gelauncht. Aber wie sieht es heuer aus? Da ist man zumindest Champion, was den neuen Top-Prozessor angeht. Das Mi 11 ist das erste Gerät mit dem am Papier superleistungsstarken Snapdragon 888. Leider ist bei diesem Prozessor aber nicht alles Gold, was glänzt und das wirkt sich auch auf das Mi 11 aus.

Hardware - High-End, aber zu hitzig!

Zuerst die Facts: Im sehr schön designten Mi 11 steckt ein 5G-fähiger Snapdragon 888, flankiert von 8GB RAM und 128 GB Speicher (UFS 3.1). Das Display ist 6.8-Zoll groß und löst in UHD auf. Außerdem bietet es eine Bildwiederholrate von 120 Hz, 10-Bit Farbtiefe und es wird sehr sehr hell. Der Akku ist mit 4.600 mAh dimensioniert und lädt am Kabel mit bis zu 55 Watt (Ladegerät und Kabel sind im Lieferumfang). Wireless lädt das Gerät mit bis zu 50 Watt. Die Stereo-Lautsprecher sind in Zusammenarbeit mit Harman/Kardon designt und das Kamerasetup bietet bis auf die fehlende Periskop-Linse (optischer Zoom) große Vielfältigkeit. Das Gerät ist zwar nicht nach IP-zertifiziert und somit nicht offiziell wasserdicht. Laut ersten Teardowns ist aber ein gewisser Schutz vorhanden, sodass es zumindest Spritzer einigermaßen überstehen dürfte. Der Fingerabdrucksensor ist im Display integriert und reagierte stets zuverlässig, wenn auch nicht ultraschnell.

Klingt hervorragend? Ist es auch! Das Gerät macht Spaß, ist schön schlank und leicht (196g) und ein wahrer Handschmeichler. Auch das Design der Kamera gefällt mir gut. Die abgeflachten Displayränder sind kein Problem, sie machen das Gerät einerseits schlanker und mittlerweile kommt es de facto zu keinen Fehleingaben mehr. Der Schutz für das Gerät ist mit Gorilla Glass Victus auch am letzten Stand. 

Jetzt kommt aber das ABER. Leider lässt sich die Situation 2021 bei den Android-Prozessoren nicht schönreden. Sie werden einfach zu warm! Schon das Samsung Galaxy S21+ wärmte mir an kalten Wintertagen hervorragend die Hand (vor allem bei Spielen) und das tut auch das Mi 11. Im normalen Betrieb wird es höchstens lauwarm, spiele ich dann aber ein grafikintensiveres Spiel wird es richtiggehend heiß und ist fast unangenehm zu halten. Auch bei Benchmarks (Leistungstests, die normalerweise nicht ständig durchgeführt werden) wird das Gerät fast unhaltbar warm. Und auch beim sehr schnellen Laden (40 min von 0 auf 100%) erwärmt sich das Gerät merklich. Und das wohlgemerkt im Winter bei kälteren Temperaturen. Im Sommer bei 40-Grad möchte ich mir das nicht vorstellen.

Wer jetzt meint, das ist nicht so schlimm dem gebe ich nur teilweise recht. Denn diese Situation wirkt sich auf die Akkulaufzeit aus und hat auch Auswirkungen auf die Lebensdauer der Geräte. Eine Stunde mit einem grafikintensiven Spiel hat mir beim Mi 11 rund 30 Prozent Akku gekostet. Der ist zwar mit 55 Watt schnell wieder voll, aber auch da wird das Gerät warm. Und ständige Wärme ist für die Komponenten gar nicht gut. Beim Mi 11 ist die Haupterwärmung rund um die Kamera zu finden.

Wer jetzt denkt, das könnte ein Einzelproblem sein irrt. Das Internet ist voll mit denselben Beobachtungen. Es liegt aber in dem Fall nicht an Xiaomi, denn laut Teardown-Video von meinem Lieblings-Youtuber JerryRigEverything hat das Gerät eine gute Kühllösung. Da derselbe Prozessor auch in den USA-Varianten des Samsung Galaxy S21 mit Drosselung und Wärme zu kämpfen hat kann man vorerst nur zum Schluss kommen: Der Snapdragon 888 ist sehr leistungsstark, aber dies geht zu Lasten der Temperaturen und damit auch des Akkus und der Innereien der Smartphones. Keine besonders befriedigende Situation.

Mi 11
Xiaomi Mi 11 Kameramodul. Bild: (c) Weekend/Steinberger-Weiß

 

Software und Kamera - viele Möglichkeiten

Fangen wir mit der Kamera an. Die bietet einen 108-Megapixel Hauptsensor, eine 13-Megapixel Ultraweitwinkelkamera und einen 5-Megapixel Makrosensor. Bis auf den fehlenden Telezoom ist das ein sehr gutes Setup und sorgt für tolle Fotos bei gutem Licht. Auch der Nachtmodus ist gelungen und sorgt für scharfe Fotos. Besonderes Augenmerk legt Xiaomi auf die Videofunktionen. Hier stehen mehrere AI-Erweiterungen zur Auswahl. Ein von mir erstelltes Video (ohne AI-Erweiterung) war sehr gelungen, vor allem die Audioqualität ist positiv hervorzuheben. Obwohl sich das Mi 11 nicht als DER Kamerachampion sieht hat man, bis auf den fehlenden Zoom, stets ein sehr gutes Kamerasetup in der Hosentasche.

Die Software ist Xiaomi-typisch stark angepasst und nennt sich MIUI (Testzeitpunkt Version 12.0.3, Global Stable). Diesen Flavor muss man mögen, orientiert sich der Skin doch stark an Apples iOS, obwohl unter der Haube Android 11 rennt. Ich kam stets recht gut mit MIUI zurecht. Eine Ausnahme bildet das aggressive Stromsparverhalten. Apps die benötigt werden (wie die App für die Smartwatch) müssen manuell ausgenommen werden, sonst verliert z.B. die Uhr ständig die Verbindung, weil die App beendet wird. Das gilt auch für andere essentielle Apps. Hier bedarf es einiger Vorarbeit um das Smartphone so hinzubekommen wie man möchte. Das funktioniert bei anderen Marken etwas einfacher und intuitiver. Ansonsten bietet die Software fast alles an Einstellungsmöglichkeiten was man braucht (oder auch nicht). Ein größeres Update auf MIUI 12.5 ist in Planung und soll demnächst kommen. Sicherheitsupdates waren auf meinem Gerät sehr aktuell und es kam auch während des Tests ein Update.

Mi 11 back
Hübscher Rücken. Bild: (c) Weekend/Steinberger-Weiß

 

Fazit - Heiße Aktie!

Bis auf die oben beschriebene und nicht an Xiaomi liegende Hitzeproblematik ist das Mi 11 ein absolutes Topgerät. Es bietet den derzeit modernsten Prozessor (Android-Welt), ein hervorragendes Display, echte Stereolautsprecher (Harman/Kardon), ein gutes Kamerasetup und eine lange Akkulaufzeit. Dabei bleibt es, trotz großem Display, schlank und leicht. Und das alles zu einem Preis von 799 Euro (8GB RAM/128 GB Speicher). Die Variante mit 256 GB Speicher kostet allerdings 899 Euro. Und, das ist leider 2021 erwähnenswert: In Europa liefert Xiaomi ein 55 Watt Ladegerät mit! In China wurde es weggelassen und das sorgte nicht unbedingt für Freude in der Fanbase. Generell ist der Lieferumfang hervorragend, auch ein Silikon-Case ist mit dabei. Einzig die fehlende IP-Zertifizierung (also Wasserbeständigkeit) ist in dieser Preisklasse eigentlich fast nicht entschuldbar.

Das Mi 11 bekommt von mir 8 von 10 Bewertungspunkten und ist eine hervorragende Alternative zu Apple, Samsung und Co. Es ist das erste Gerät mit Snapdragon 888 bei uns und damit zumindest am Papier das derzeit stärkste Android-Gerät. Wer es außerdem nicht zu stark fordert und wenig damit spielt, wird auch von der Hitze des Geräts nicht viel mitbekommen. Es wird interessant zu sehen ob sich die Situation bei weiteren Geräten mit Snapdragon 888 ähnlich darstellt - bei uns in Europa fehlen noch aussagekräftige Vergleichswerte.  

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Hinweis: Das Testgerät wurde mir von Xiaomi für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt. Der Testbericht entsteht unabhängig und wird vor Veröffentlichung nicht an Xiaomi zur Freigabe gesendet.

Weekend-Redakteur Lukas Steinberger-Weiß ist ein Technik-Freak sondergleichen. Wobei ihn die Bezeichnung „Nerd“ nicht beleidigt, sondern ehrt. Er saugt alle Neuheiten in sich auf und ist immer am neuesten Stand, liebt Computerspiele, beschäftigt sich ausführlich mit den neuesten Smartphones und den dazugehörigen Gadgets und ist ein Experte für Unterhaltungselektronik. In seinem Blog testet er Spiele, Konsolen, Smartphones, Gadgets und vieles mehr und lässt die Leser an seiner Faszination für die spannende Technik-Welt teilhaben.

Autor: Lukas Steinberger-Weiß, 01.03.2021