Unterwegs im Nachtzug: Ein Retreat auf Schienen

Eine Reinigungskraft, mehr nicht. Die Anzahl der Personen am Salzburger Hauptbahnhof ist überschaubar. Wo normalerweise eine Mischung aus klappernden Rollkoffern, Abfahrts-Durchsagen und Familiendiskussionen zu hören ist, herrscht Stille. Um 1:30 Uhr in der Nacht nicht verwunderlich. Die Rollläden der Geschäfte sind unten. Was zum Essen gibt es nicht. Das Studentenfutter und die Laugenstangerl mit einzupacken war die richtige Entscheidung.

Am Bahnsteig ein ähnliches Szenario. Die wartenden Personen kann man an einer Hand abzählen. Obwohl wir zugewiesene Plätze haben, suchen wir uns ein leeres Abteil. Schnell die Vorhänge zu, denken wir uns. In der Hoffnung, dass Leute an uns vorbeigehen. Die Taktik funktioniert. Wir sind die ganze Nacht allein.

Die Fahrt beginnt. Wir plaudern über alles Mögliche. Sind euphorisch, aufgeregt und ein bisschen wie kleine Kinder. Wir schauen aus dem Fenster, gehen auf den Gang, ziehen die Vorhänge auf und zu können es nicht so richtig glauben, dass wir gerade im Nachtzug sind. Wie das erste Mal Fliegen - nur ohne beschlagene Ohren. Für meine Generation, die jahrelang das Flugzeug mit dem „Verreisen“ verbunden hat, eine Offenbarung.

Vier Uhr früh. Der Zug macht Pause. Ein bisschen kühler ist es geworden, aber halb so schlimm. Wir dösen weiter mit unseren Jacken als Decken. Gelegentlich hören wir Personen auf dem Gang herumgehen und sehen deren Schatten auf unseren Vorhängen. Viel tut sich an diesem Montag aber nicht. Die Playlist auf meinem Handy beginnt von vorne. Der Zug rollt weiter.

Unser Schlaf ist unruhig. Wir drehen uns herum, manchmal auf die eine, manchmal auf die andere Seite. Auch wenn unsere Liegefläche kein Boxspringbett ist, lässt es sich aushalten. Die Euphorie ist noch immer da. Besonders als der dunkle Nachthimmel, langsam, aber wunderschön, seine Farben verändert. Zuerst bläulich, dann orange. Klick. Meine Einwegkamera löst aus. Das hätte es gar nicht gebraucht, denk ich mir im Nachhinein. Die ersten Sonnenstrahlen beleuchten das Gesicht meiner schlafenden Freundin. Das Bild hat sich bereits jetzt in meinen Gedanken eingeprägt. Das Gefühl von Entschleunigung hat seinen Höhepunkt erreicht. Eine innere Zufriedenheit setzt ein. Ich fühle mich wohl.

Zehn Minuten bis zur Ankunft. Schnell noch Zähneputzen im engen Zugklo. Nichts für Menschen mit Platzangst. Alles wackelt und rumpelt. Das gekaufte Mineralwasser dient zum Ausspülen. Wir wechseln unsere Outfits: von Jogginghose auf Jeans.

Mittlerweile zeigt die Uhr halb neun. Die Fahrt verging schnell, zu schnell. Am liebsten wären wir weitergefahren. Egal wohin, Hauptsache weiter. Wir reden schon über die nächste (Nacht) Zugreise. Für wann auch immer.

Trotz Müdigkeit sind wir entspannt und gleichzeitig hungrig. Der Cappuccino und das Croissant sind zum Greifen nahe. Nächster Halt: Venezia Santa Lucia. Buongiorno!

Zum Autor

Reisen ist die Leidenschaft von "Passion Author" Pascal Moser. In seinen Beiträgen für www.weekend.at lässt uns der Salzburger an seinen Eindrücken "on tour" teilhaben und verrät dabei den einen oder anderen Tipp.

Autor: Pascal Moser, 14.04.2021