Dialog mit einem Strandverkäufer

Zwei Stunden sitzen wir zusammen und reden. Mal in Spanisch, mal in Französisch – ein paar Versuche auch in Englisch. Die meiste Zeit können wir uns verständigen. Wenn nicht, zeichnen wir Zahlen mit unseren Fingern in den warmen, gelben Sand. Dann wird spiegelverkehrt gelesen.

Aamama lebt nicht weit von hier, erzählt er uns. „Gleich da hinten!“ Wir kennen den Ort leider nicht. Zusammen mit 18 anderen Menschen teilt er sich eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Zurzeit ist Ramadan, erzählt er uns. Er freut sich nach Sonnenuntergang schon auf Fisch mit Reis, sein Lieblingsessen. Er lacht, eigentlich lacht er immer, egal, worüber wir reden.

Als Kollegen von ihm an uns vorbeigehen, schauen sie zunächst etwas misstrauisch, doch dann wird wieder gelacht. Einer von ihnen bleibt kurz stehen und sucht das Gespräch mit uns. Er ist schon 13 Jahre hier. Sein gutes Spanisch deutet darauf hin. Gelegentlich fährt er zurück in die Heimat. Als der Mann mit blauem Muskelshirt ein kleines, buntes Armband von seiner Halterung nimmt und mir geben möchte, zögere ich reflexartig. Ich merke aber schnell, dass dies kein Verkaufstrick ist, sondern einfach eine nette Geste. Ich komme mir blöd vor, weil ich es nicht angenommen habe. Das Armband ist schön.

Aamama erzählt lachend: „Ich habe zehn Geschwister, von denen arbeiten drei, und der Rest ist verheiratet.“ Im Senegal – das Land, aus dem er kommt – ist die Polygamie weit verbreitet. Die sogenannte „Vielehe“, bei der ein Mann mehrere Frauen heiraten kann, (maximal 4), ist sogar gesetzlich verankert.

Als zwei Freunde von uns dazukommen, beobachte ich Aamama ein wenig. Ganz schüchtern sitzt er mit verwinkelten Beinen im Sand und versucht unserem Gespräch zu folgen. Er fragt uns, wie viel Sprachen wir denn sprechen? Als wir drei und vier antworten sagt er: „You are really smart“ und das, obwohl er selbst zwei Sprachen spricht und gerade dabei ist, Spanisch zu lernen. Seine Muttersprache ist Wolof, die am meisten gesprochene Sprache des Senegals. Eine von 39 des westafrikanischen Landes.

Sein Sortiment wechselt der Strandverkäufer jede Woche. Je nach Nachfrage, was eben besser läuft. Manchmal Sonnenbrillen, manchmal Strandtücher – so wie heute. Wir liegen selbst auf zwei großen Strandtüchern und möchten deswegen keine kaufen. Die Muster gefallen uns dennoch. Wir übergeben eine kleine Spende. Die fünf Euro, die wir ohnehin nicht „fühlen“, spiegeln seinen Anteil eines verkauften Tuchs wider. Den Rest muss er abgeben. An wen, wissen wir nicht.

Der 23-Jährige lebt seit sieben Monaten hier. Mit einem Holzboot überquerte er mit einigen anderen den Atlantik. Sie waren so glücklich, als sie ankamen, erzählt er strahlend. Die lebensgefährliche Überfahrt von der Küste Westafrikas in Richtung Kanarische Inseln kostet viel zu oft Menschenleben. Vor kurzem wurde ein Flüchtlingsboot mit 24 Leichen an Bord gefunden und in den Hafen von Los Christianos (Teneriffa) gebracht. Zwei der verstorbenen Insassen waren minderjährig.

Am Schluss tauschen wir unsere Instagram-Accounts aus. Dann legt er seine vier schön gefalteten Strandtücher über seine Schulter und verabschiedet sich – wie das ganze Gespräch über – mit einem Lachen.

Zum Autor

Reisen ist die Leidenschaft von "Passion Author" Pascal Moser. In seinen Beiträgen für www.weekend.at lässt uns der Salzburger an seinen Eindrücken "on tour" teilhaben und verrät dabei den einen oder anderen Tipp.

Autor: Pascal Moser, 10.05.2021