Krieg im Kopf: So verarbeitet das Hirn schlechte Nachrichten

Ukraine-Konflikt, Pandemie und Inflation – die schlechten Nachrichten gehen nicht aus. Das schürt bei vielen Menschen Ängste. Wie ist damit umzugehen?
Autor: Simone Reitmeier, 11.03.2022 um 09:30 Uhr

Dramatische Bilder aus der Ukraine flimmern über die TV-Geräte, die Corona-Pandemie will kein Ende nehmen und dann steigen auch noch Energiekosten & Co. – nach Jahrzehnten des Friedens und Wohlstands beschäftigen uns derzeit schlechte Nachrichten wie am Fließband. Das setzt vielen Menschen zu: Die Angst vor einem Weltkrieg, vor Krankheiten und Armut wird stärker, genauso das Mitgefühl für das Leid anderer Menschen. „Horrorbilder aktivieren die Alarmanlage in unserem Kopf“, erklärt Neurobiologe Dr. Marcus Täuber. „Verbunden mit dem Gefühl fehlender Kontrolle, kippt unser Gehirn in einen Modus, wo der Gedanke ans nackte Überleben in den Vordergrund gerät. Die Folge: Bei ängstlichen Menschen verstärkt sich der Leidensdruck." Was ist zu tun? Der Neurobiologe rät: Der Angst Raum zu geben, ist der erste Schritt zu einem besseren Umgang mit Stress.

Die Angst akzeptieren

„Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“, das wusste bereits der Philosoph Friedrich Nietzsche. „Wissenschaftlich betrachtet ist hier etwas Wahres dran. Zumindest unter bestimmten Voraussetzungen“, erklärt Täuber. Laut einer mit 2.400 Probanden durchgeführten Studie könne das Meistern einer schwierigen Lebenssituation die psychische Widerstandsfähigkeit und sogar das Wohlbefinden erhöhen. Das traf angeblich nicht nur auf Studienteilnehmer zu, die sehr viele Schicksalsschläge hinnehmen mussten, sondern auch auf jene, die keinen derartigen Belastungen ausgesetzt waren. Im Extremfall führe ein schwerer Schicksalsschlag zu post-traumatischem Wachstum – das erfordere aber hohe Selbstreflexion.

Angst akzeptieren | Credit: iStock.com/ fizkes

Keine „Bad News“ vor dem Schlafengehen

Beim Einschlafen ist das Gehirn in einer Art Trance, einem Zustand ähnlich der Hypnose. Botschaften, die zeitlich kurz zurückliegen, werden bevorzugt verarbeitet und in den Schlaf – insbesondere auch in die Träume – mitgenommen. Daher sind Nachrichten- und Diskussionssendungen, in denen über Folgen negativer Ereignisse informiert und spekuliert wird, harte Kost für das Gehirn. Auf derartige „Bad News“ sollte in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen verzichtet werden. Am besten lässt man den Tag mit Dankbarkeit und schönen Eindrücken Revue passieren.

Keine schlechten Nachrichten vor dem Schlafengehen | Credit: iStock.com/AlessandroPhoto

Stress ein Ventil geben

Ist das Hirn Dauerstress ausgesetzt, braucht es Bewegung und sinnvolle Handlungen – so gibt man Stress ein Ventil durch Arme und Beine. Möglichkeiten dafür gibt es viele. Das kann durch Sport und Zeit an der frischen Luft erfolgen oder in Form von sozialem Engagement. Laut Täuber haben Demonstrationen für den Frieden und Spendenaktionen einen doppelten Nutzen: für andere Menschen und für einen selbst. Man fühle sich danach besser. Mit etwas Übung könne man zudem wirksam steuern, welche Inhalte welchen Platz im Kopf bekommen. Das nennt der Neurobiologe in seinem Buch „Falsch gedacht!“ die mentale Intelligenz des Menschen.

Im Gehirn für Entspannung sorgen

Das Gehirn ist zwar zur Bewältigung von Krisen gemacht, allerdings braucht es Erholungsphasen – also Entspannung.  Meditationstechniken, Entspannungsübungen wie langes Ausatmen oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson sind hierfür genau richtig.

Meditation kann helfen | Credit: iStock.com/MangoStar_Studio

Hightech gegen Stress

Wem das nicht genügt, der kann die Software Brain Changer ausprobieren. Darin suchen sich Anwender entspannende Bilder und Slogans aus, die zufällig immer wieder am PC eingeblendet werden und als Motivationskicks Gewohnheiten im Denken verändern sollen. Entwickler Marcus Täuber erklärt das anhand eines Beispiels: Man sucht sich das Bild eines Waldes, durch den Sonnenstrahlen blinzeln und wählt die Affirmation „Ich atme Wald“. Das freundliche Grün mit Licht vermittelt dem Gehirn Schutz sowie Nahrung und erzeugt damit ein Gefühl von Sicherheit. Die Botschaft „Ich atme Wald“ führt dazu, dass wir reflexartig tiefer atmen. So trainieren wir unbewusst die „Bauchatmung“, die bei Meditation und Yoga eine große Rolle spielt.