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Ein blauer Wecker, ein Glas Wasser und Medikamente.
Melatonin ist ein Neurohormon, das im Gehirn gebildet wird.
Melatonin ist ein Neurohormon, das im Gehirn gebildet wird.
iStock.com/Liudmila Chernetska

Melatonin-Boom: Wie gefährlich ist das Schlafhormon?

22.02.2026 um 12:50, Simone Reitmeier
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Viele Menschen greifen vor dem Schlafengehen zu Melatonin. Doch wie sinnvoll ist das Hormon wirklich? Eine neue Studie wirft Fragen zur Herzgesundheit auf.

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Bevor es ins Bett geht, noch schnell eine Melatoninpille für besseres Ein- und Durchschlafen. Für viele gehört das zum Abendritual wie das Zähneputzen. Schließlich produziert der Körper das sogenannte „Schlafhormon“ auch selbst. Warum also nicht ein wenig nachhelfen, um schneller ins Traumland zu gelangen? Doch ganz so simpel ist es nicht. „Melatonin ist nicht als Therapie der ersten Wahl bei Ein- und Durchschlafstörungen empfohlen“, erklärt Oberärztin Ambra Stefani vom Zentrum für Schlafmedizin an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck. Einer US-Studie zufolge könnte das Hormon sogar schwerwiegende Auswirkungen auf die Herzgesundheit haben.

Auswirkungen aufs Herz

Mediziner der American Heart Association (AHS) werteten rund 130.000 Datensätze von Patienten mit Schlaflosigkeit aus. Ersten präsentierten Ergebnissen zufolge zeigten Personen, die über ein Jahr regelmäßig Melatonin einnahmen, ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzschwäche. Auch Hospitalisierungen und Sterblichkeit lagen höher als bei jenen, die das Hormon nicht verwendeten.

(Noch) Keine Beweise

Laut Stefani sei bei der Interpretation jedoch Vorsicht geboten. Es handle sich um eine retrospektive Analyse ohne Angaben zu Begleiterkrankungen oder zur genauen Indikation. Ähnliche publizierte Ergebnisse gibt es nicht. „Derzeit liegen keine Hinweise auf negative Effekte von Melatonin auf das Herz vor“, stellt die Medizinerin klar. Einzelne Untersuchungen an Menschen und Ratten deuten sogar auf mögliche positive Effekte bei Herzinsuffizienz hin. Als bestätigte Nebenwirkungen von Melatoninpräparaten gelten Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und Schwindel – aber keine schwerwiegenderen Folgen.

Schnelle Lösung

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das von der Zirbeldrüse im Gehirn hergestellt wird. Es reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus und wird ausgeschüttet, wenn es dunkel wird, um dem Körper zu signalisieren, dass es Zeit zum Schlafen ist. In der modernen Lebensrealität gerät dieses natürliche Signal zunehmend unter Druck. Spätes Arbeiten, permanentes Bildschirmlicht und wenig Frischluft sorgen dafür, dass der Körper oft nicht mehr von selbst zur Ruhe kommt. Anstatt diese Störfaktoren zu reduzieren, setzen viele Menschen auf die schnelle Lösung. Eine Tablette, ein Spray oder ein Gummibärchen erscheint einfacher, als feste Einschlafrituale einzuführen.

Begrenzte Wirkung

Das „Schlafhormon“ ist dabei besonders beliebt, nicht zuletzt weil es weitgehend frei im Handel erhältlich ist. Allerdings haben die Präparate ihre Grenzen. „Melatonin fördert die Schlafbereitschaft und kann die Einschlafzeit verkürzen. Dieser Effekt ist jedoch insgesamt gering und hat nur begrenzten Einfluss auf die Schlafdauer oder nächtliche Wachphasen“, erläutert Stefani. Zudem sei zu beachten, dass bei frei verkäuflichen Pillen oder Sprays die tatsächliche Dosierung nicht immer mit den Angaben auf der Verpackung übereinstimme. „Grundsätzlich sollte eine langfristige tägliche Einnahme von Melatonin nur nach ärztlicher Beratung erfolgen, auch wenn bislang keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse bekannt sind“, so die Expertin.

Kein Wundermittel

Fazit: Nach aktuellem Forschungsstand ist Melatonin weder Wundermittel noch verteufeltes Hormon. Entscheidend sind der Grund der Einnahme, die richtige Dosierung und ärztliche Begleitung. Wer dauerhaft schlecht schläft, sollte nicht einfach nur zur Tablette greifen, sondern den Ursachen auf den Grund gehen. Oft hilft eine gezielte Verhaltenstherapie für Insomnie nachhaltiger als jedes Präparat, weil sie Schlafgewohnheiten langfristig verbessert, statt nur kurzfristig nachzuhelfen.

Unterschied zu verschreibungspflichtigen Medikamenten

Als Nahrungsergänzungsmittel (Pillen, Kapseln, Sprays oder Gummies) sind Melatoninpräparate frei in Apotheken, Drogerien und im Onlinehandel erhältlich. Im Gegensatz zu verschreibungspflichtigen Arzneimitteln durchlaufen sie kein behördliches Zulassungsverfahren mit klinischen Studien zur Wirksamkeit. Sie unterliegen primär dem Lebensmittelrecht, nicht dem Arzneimittelrecht.

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