„Esse keinen Fisch mehr“: Ostsee wird zur " tickenden Zeitbombe"
Rund 1,6 Millionen Tonnen verrottende Weltkriegsmunition liegen am Boden der deutschen Nord- und Ostsee – allein in der Ostsee schätzen Experten die Menge auf etwa 300.000 Tonnen. Zur Bündelung der Kräfte hat Umweltminister Carsten Schneider (SPD) auf dem Ocean Technology Campus in Rostock das neue „Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung“ (BK Meer) ins Leben gerufen. Doch während die Politik das Projekt als Durchbruch feiert, sorgt die Gründung unter praktischen Spezialtauchern für massiven Unmut.
Krebserregende Gifte in der Nahrungskette und marode Altlasten
Die jahrzehntelang im Meer versenkten Bomben, Minen und Granaten stellen eine wachsende Umweltgefahr dar. Nach rund 80 Jahren unter Wasser durchrosten die Hüllen zusehends. Krebserregende chemische Verbindungen wie TNT sowie gelber Phosphor treten kontinuierlich aus und treten in das marine Ökosystem über. Bei Fischen und Muscheln in der Nähe der Versenkungsgebiete wurden bereits Lebertumore festgestellt.
Robert Mollitor, Chef des Munitionsbergungsdienstes Mecklenburg-Vorpommern, warnt vor den Folgen für den Menschen: Das Gift gelange unweigerlich über die Nahrungskette auf die Teller der Verbraucher. Zudem erschwert der Zustand der Altlasten die Räumung extrem: Bei Pilotprojekten wie vor Boltenhagen zeigt sich, dass viele Granaten bei Berührung zerbröseln oder mit dem Sediment zu festen Klumpen zusammengebacken sind.
Kritik aus der Praxis: Bürokratie statt schneller Bergung
Für Erregung in der Branche sorgt der zögerliche Fortgang der tatsächlichen Räumung. Spezialtaucher Dirk Schoenen, eine erfahrene Kraft in der Munitionsbergung, übt am Rande der Eröffnung des BK Meer deutliche Kritik an den politischen Ankündigungen. Aus seiner Sicht fehlen nicht das Wissen oder die Technik, sondern der konkrete Wille zur Umsetzung. Gegenüber dem Nordkurier erklärt er „Ein Kompetenzzentrum brauchen wir nicht. Wir haben alles, was nötig ist, um die Munition hochzuholen. Das Wissen, das Equipment, es gibt ja längst Unterwasser-Buggys. Die Bergung könnte längst im Gange sein. Es braucht das Geld, den Auftrag, und fertig!“
Anstatt die bestehende Expertise freier Bergungstaucher zu nutzen, würden Steuermillionen in langwierige Verwaltungsstrukturen investiert. Derzeit werde Munition bei Bauarbeiten für Offshore-Windparks oder Kabeltrassen meist nur um einige hundert Meter zur Seite geräumt, statt sie endgültig an Land zu holen.
Technologische Zukunftspläne und das Nadelöhr der Entsorgung
Die deutsche Bundesregierung setzt zur Lösung des Problems auf Automatisierung und Industriebranchen. Ein von der Rostocker Firma Baltic Diver entwickelter, KI-gesteuerter Unterwasserroboter soll künftig Bomben am Meeresgrund analysieren und greifen. Geplant ist zudem der Bau einer weltweit ersten schwimmenden Entsorgungsplattform, mit deren Inbetriebnahme derzeit für Ende 2028 gerechnet wird.
Neben der reinen Bergung gilt jedoch die spätere Vernichtung der Kampfstoffe als kritischer Engpass. Die Kapazitäten von Spezialanlagen wie der GEKA im niedersächsischen Munster sind begrenzt. Da bei der gezielten Verbrennung der Munition große Mengen Treibhausgase freigesetzt werden, drohen Konflikte mit strengen CO2-Budgets und Vorgaben der Europäischen Union.
FAQ: Altmunition in Nord- und Ostsee
Wie viel Munition liegt in den deutschen Meeren?
In der Nordsee liegen geschätzt 1,3 Millionen Tonnen, in der Ostsee rund 300.000 Tonnen Altmunition aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Welche Gefahren gehen von der Altmunition aus?
Durch Korrosion austretendes TNT und Phosphor gelangen ins Meerwasser. Bei Fischen wurden bereits Tumore festgestellt; die krebserregenden Gifte drohen über Speisefische in die menschliche Nahrungskette zu gelangen.
Was ist das Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung (BK Meer)?
Das in Rostock angesiedelte Zentrum soll die bundesweiten Kompetenzen und Forschungsansätze bündeln, um die industrielle Großbergung von Weltkriegsmunition voranzutreiben.
Wann beginnt die großflächige Bergung mit Entsorgungsplattformen?
Die Inbetriebnahme der ersten schwimmenden Verbrennungs- und Bergungsplattform ist derzeit für Ende 2028 vorgesehen.