Warnung: Dieser Gletscher könnte bald Geschichte sein
Noch vor wenigen Jahren leuchtete der Gosaugletscher am Dachstein weithin sichtbar weiß und hellblau. Heute bestimmen vor allem Braun- und Grautöne das Bild. Der Grund: Das Eis schmilzt immer stärker ab, alte Staub-, Sand- und Gesteinsschichten kommen zum Vorschein. Gletscherforscherin Andrea Fischer warnt gegenüber dem ORF nun vor einer dramatischen Entwicklung. Wenn weitere Sommer ähnlich heiß verlaufen, könnte der Große Gosaugletscher, der oberste Teil des Hallstätter Gletschers, in weniger als zehn Jahren verschwunden sein.
Gosaugletscher könnte in zehn Jahren verschwinden
Der Große Gosaugletscher auf der Westseite des Dachsteins hat in den vergangenen Jahren massiv an Fläche und Dicke verloren. Besonders auffällig ist mittlerweile seine dunkle Oberfläche. Dort liegen Saharastaub, Pollen, Gesteinsstaub und Sand, die teilweise seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden im Eis eingeschlossen waren.
Laut Gletscherforscherin Andrea Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist nur noch eine dünne Gletscherzunge vorhanden. Im Gegensatz zum benachbarten Hallstätter Gletscher reicht das Eis dort zudem nicht besonders tief in den Untergrund.
Fischer hält deshalb ein vollständiges Verschwinden innerhalb weniger Jahre für möglich. Sollten weitere Sommer ähnlich heiß wie 2026 ausfallen, könnte vom Gosaugletscher bereits in weniger als einem Jahrzehnt kaum noch etwas übrig sein.
3.500 Jahre alte Eisschichten schmelzen
Besonders bemerkenswert ist, welche Schichten derzeit an die Oberfläche kommen. Laut Fischer schmelzen mittlerweile Eismassen ab, die bis zu 3.500 Jahre alt sind.
Damit werden Spuren aus längst vergangenen Zeiten sichtbar. Staub- und Sandpartikel, die vor Jahrtausenden durch Lawinen, Wind oder Steinschlag auf den Gletscher gelangten, treten nun konzentriert hervor.
Die dunkle Oberfläche beschleunigt den Prozess zusätzlich. Sie nimmt mehr Sonnenenergie auf als helles Eis oder Schnee und verstärkt dadurch die Schmelze.
Bergsteigen am Dachstein wird gefährlicher
Der Eisverlust hat nicht nur Folgen für das Landschaftsbild. Auch die Sicherheit von Bergsteigern verändert sich deutlich. Besonders auf der Normalroute über den Hallstätter Gletscher fehlen mittlerweile vielerorts schützende Firn- und Schneeschichten.
Dadurch werden Gletscherspalten gefährlicher. Bei einem Sturz auf Blankeis kann sich ein Seil am Spaltenrand deutlich schlechter bremsen als bei einer dicken Schneedecke. Fischer empfiehlt deshalb teilweise Sicherungstechniken, wie sie sonst beim Eisklettern eingesetzt werden.
Auch der Einstieg zum beliebten Klettersteig über die Dachsteinschulter wird schwieriger. Die Randkluft wird breiter, Schneebrücken können wegbrechen und Übergänge vom Eis zum Fels verändern sich laufend.
Bergführer Günter Karnutsch empfiehlt deshalb, zusätzlich zu klassischem Sicherungsmaterial auch ein bis zwei Eisschrauben mitzunehmen. Damit können beim Überqueren problematischer Stellen sichere Fixpunkte geschaffen werden.
Auch Hallstätter Gletscher schrumpft massiv
Auch beim größeren Hallstätter Gletscher ist die Entwicklung dramatisch. Seit Beginn des Messprogramms im Jahr 2006 hat er rund die Hälfte seines Eisvolumens verloren. Aus etwa 150 Millionen Kubikmetern wurden innerhalb von 20 Jahren rund 76 Millionen Kubikmeter.
Nach Einschätzung Fischers dürfte der Gletscher in den kommenden Jahren zunehmend in mehrere kleinere Teile zerfallen. Komplett verschwinden könnte er ungefähr bis zur Mitte des Jahrhunderts.