Warum Frauen im Krieg besonders stark leiden

Der Krieg in der Ukraine bringt Leid für alle Betroffenen. Besonders Frauen sind sehr verletzbar. Neben sexuellen Übergriffen im eigenen Land werden viele auf der Flucht Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel.
Autor: Isabel Folie, 31.03.2022 um 13:37 Uhr

Eine bombardierte Geburtsklinik in Mariupol, Zuhälter, die bereits geifernd an der polnischen Grenze warten – bleiben oder fliehen, für welchen Weg eine Frau in der Ukraine sich derzeit auch entscheidet, überall lauern mannigfaltige Gefahren auf sie. Weltweit reagieren NGOs und machen auf die fatale Sicherheitslage von Frauen im Krieg aufmerksam.

Die Flucht endet nur allzu häufig in der Zwangsprostitution

Ukrainische Flüchtlinge – es sind vor allem Frauen und Kinder – werden derzeit wohlwollend von anderen Staaten aufgenommen. Dabei spielt nicht nur der Umstand ihrer Flucht eine Rolle, sondern auch Zuschreibungen und Stereotype, die vor allem Männer mit ukrainischen Frauen verbinden. Sex spielt dabei leider keine unwesentliche Rolle. Das zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass seit Beginn des Ukrainekonflikts die Suchanfrage „Ukrainian Girls“ auf Pornoportalen sprunghaft angestiegen ist.

In der Tat stellt die Flucht für Frauen eine ernstzunehmende Gefahr dar, Opfer von Menschenhändlern zu werden. Internationale Hilfsorganisationen warnen zunehmend vor diesem Phänomen und geben flüchtenden Frauen über Social-Media-Kanäle sowie direkt vor Ort wertvolle Hilfestellungen, beispielsweise nie den eigenen Pass aus der Hand zu geben.

Diese Hilfestellungen der NGOs sind mehr als nötig, denn die Taktik der Menschenhändler ist zutiefst perfide und lässt viele Frauen in die Falle tappen: Verängstigt und von den Kriegswirren traumatisiert werden die Frauen mit billigen Mitfahrgelegenheiten oder kostenlosen Unterkünften angelockt. Stress, Angst und Panik treiben nur allzu viele dazu, solche dubiosen Angebote schlussendlich anzunehmen. Im schlimmsten Fallen enden die Frauen – ihrer Ausweispapiere beraubt – in der Zwangsprostitution. Viele fühlen sich deswegen schuldig und schämen sich, weswegen nur die wenigsten Fälle angezeigt werden.

Solche Dramen spielen sich vor unser aller Augen ab: Denn laut Zeugenberichten werden flüchtende Frauen nicht nur an der polnischen Grenze, sondern auch an Orten wie dem Berliner Hauptbahnhof immer wieder von zwielichtigen Männern angesprochen, die ihnen alles andere als seriöse Unterkünfte anbieten.

Nicht alle Angebote werden dabei von professionellen Zuhältern oder Menschenhändlern ausgesprochen. Auch einzelne Männer, die mit keiner kriminellen Organisation in Verbindung stehen, bieten den ukrainischen Frauen Unterkünfte an – gegen sexuelle Dienste.

Kriegstraumata erhöht die Gewaltbereitschaft bei Männern

Frauen, die sich dazu entscheiden, in der Ukraine zu bleiben und dort mutig Kinder, Senioren oder kranke Angehörige zu pflegen, sehen sich ebenso mit dem Problem der sexuellen Gewalt konfrontiert. Denn Männer, die im Krieg zu den Waffen greifen müssen, erleiden schwere Kriegstraumata. Man stelle sich nur vor – einige Wochen zuvor machte man sich noch Gedanken über eine mögliche Beförderung im Büro und plötzlich wird man in den Umgang mit einem Maschinengewehr eingewiesen. Dass dies an keinem Mensch spurlos vorübergehen kann, ist klar. Für Frauen stellen Soldaten mit Kriegstraumata eine große Gefahr dar, denn es ist erwiesen, dass die Gewaltbereitschaft bei diesen Männern stark steigt. Neben körperlicher Gewalt nehmen auch sexuelle Übergriffe massiv zu.

Frauen setzen ein Zeichen gegen den Ukraine-Krieg | Credit: KENZO TRIBOUILLARD / AFP / picturedesk.com

Leihmütter – Geburt im Bombenhagel

Das Geschäft mit der Leihmutterschaft boomt. Allein in der Ukraine werden jährlich an die 2.500 Kinder von Leihmüttern gegen Bezahlung ausgetragen. Die Kosten für die Auftraggeber, also die zukünftigen Eltern, belaufen sich auf ca. 40.000 bis 65.000 Euro. Ein lukratives Geschäft für die Agenturen.

In der Tat sind die ukrainischen Leihmütter-Agenturen alles andere als gewillt, sich durch den Krieg einen Strich durch ihr Geschäft machen zu lassen. Würden die Leihmütter aber aus der Ukraine fliehen, beispielsweise nach Österreich, wo Leihmutterschaft verboten ist, könnte das Kind nicht mehr legal an die zahlenden Auftraggeber übergeben werden. Die Leihmütter werden demnach in Bunkern regelrecht eingepfercht oder aber von den Agenturen angehalten, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Wie die Tiere würden sie behandelt werden, berichten ukrainische Leihmütter.

Doch ob die Leihmütter das Kind abtreiben, eine Fehlgeburt erleiden oder aber ein gesundes Baby zur Welt bringen, ändert nichts an ihrer prekären Situation. Denn rechtlich gesehen müssen beide auftraggebende Elternteile nach der Geburt des Kindes in die Ukraine reisen, um dort die behördlichen Formalitäten abzuschließen und ihr Kind legal mit nach Hause nehmen zu können. In Kriegszeiten wie diesen ist dies aber faktisch unmöglich. Eine finanzielle Entschädigung bekommen die traumatisierten Frauen für ihr ertragenes Leid nicht, denn bezahlt wird im Business der Leihmutterschaft erst, wenn die Frauen den Auftraggebern ein gesundes Baby übergeben können.

Frauen leiden im Krieg besonders – nicht nur in der Ukraine

Aus aktuellem Anlass kann an dem Krieg in der Ukraine das Leiden der Frauen besonders gut nachgezeichnet werden. Doch die Probleme, Anfeindungen und sexuellen Übergriffe, denen sich Frauen im Krieg und auf der Flucht gegenübersehen, können auf jeden Konfliktherd der Welt übertragen werden. Sei es in Syrien, Afghanistan oder Nigeria, es sind stets die Frauen, die unter den Gräueln des Krieges besonders stark zu leiden haben.

Eine ukrainische Frau in einem polnischen Flüchtlingslager | Credit: Petr David Josek / AP / picturedesk.com

Zur Person

Die aus Südtirol stammende Schriftstellerin Isabel Folie ist Mitglied des intermedialen Kunstkollektiv Grauer Greif. Im Herbst 2021 ist ihr erster lyrischer Kurzprosa-Band "In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind" erschienen. Als "Passion Author" für www.weekend.at schreibt sie regelmäßig über Frauen in der heutigen Gesellschaft.