Feminismus: Die 10 wichtigsten Strömungen

Alice Schwarzer, eine der wichtigsten Feministinnen Europas, polarisiert seit Jahrzehnten. Wieso eigentlich auch nicht? Denn es gibt nicht "den" Feminismus, sondern viele Strömungen. Einigkeit? Fehlanzeige! Und das ist auch gut so.
Autor: Isabel Folie, 22.05.2022 um 09:18 Uhr

"Bist du Feministin?" - In dieser Frage schwingt mit, dass es nur den einen Feminismus gibt – und sonst nichts. Dies entspricht aber alles andere als der Wahrheit, denn es gibt viele verschiedene Positionen. Den weitreichenden Blick auf das Thema Frausein dürfen und sollen sich Feministinnen auch erlauben! Denn nur so ist eine fundierte Diskussion überhaupt erst möglich.

Erste Welle des Feminismus

Zeitlich wird der Feminismus in drei Wellen unterteilt: Die erste Welle startete Mitte des 19. Jahrhunderts und dauerte bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Große Themen waren zu dieser Zeit vor allem das Wahlrecht und der Universitätszugang für Frauen.

Zweite Welle des Feminismus

Die zweite Welle rollte in den 1960er-Jahren an. Besonders Studentinnen ergriffen zu jener Zeit das Wort. Es ging um Gleichberechtigung, aber auch um Mitspracherecht in der Politik, Selbstbestimmung und die Legalisierung der Abtreibung.

Alice Schwarzer erlangte 1971 durch ihren Artikel "Wir haben abgetrieben", der im Magazin "Stern" erschien, über die Grenzen Deutschlands hinaus Popularität. Dank ihr bekannten sich in diesem Artikel 374 Frauen - darunter zahlreiche Prominente - dazu, abgetrieben zu haben. Ein Zeichen, das die Politik nicht länger ignorieren konnte.

Alice Schwarzer | Credit: Oliver Berg / dpa / picturedesk.com

Dritte Welle des Feminismus

Die dritte Welle des Feminismus in den 1980er-Jahren zeichnet sich besonders durch ihre inhaltliche Vielfalt aus. Das übergeordnete Interesse, für die Rechte der Frauen einzustehen, wurde nun durch spezifische Gruppenzugehörigkeiten in kleinere Teilbereiche bestimmt. So entwickelten beispielsweise Mütter, Migrantinnen oder Lesben ihre jeweils eigenen Zugänge. Der Feminismus differenzierte sich aus – und tut es noch. Da ist es oft gar nicht einfach, den Überblick zu behalten.

Frauen legen ihre Hände übereinander | Credit: iStock.com/jacoblund

Formen des Feminismus

Ein kleiner Überblick über zehn große Strömungen des Feminismus, die die aktuelle Diskussion um Frauenrechte bestimmen.

1. Der Mainstream-Feminismus

Hierunter fällt - salopp gesagt - alles, was sich auch medienwirksam vermarkten lässt. Feminismus ist "in" – und das Image von unrasierten Achselhaaren längst passé. Vertreterinnen des Mainstream-Feminismus fordern Gleichstellung und verurteilen Sexismus. Weltweit Beachtung fand in diesem Zusammenhang die Aktion #metoo.

Ein Vorwurf, mit dem sich die Anhängerinnen dieser Richtung herumschlagen: Es geht mehr um Schein als um Sein, Probleme werden nicht ernsthaft angegangen.

Junge Frau mit einem Zettel in der Hand, auf dem #metoo steht | Credit: iStock.com/nito100

2. Der Differenzfeminismus

Wie der Name schon anklingen lässt, besteht die Grundannahme des Differenzfeminismus darin, dass Frauen und Männer nicht gleich sind. Zum biologischen Unterschied zwischen den Geschlechtern kommt noch ein kultureller mit der Folge, dass Frauen in dem herrschenden patriarchalen System unterdrückt werden und deswegen einen starken Zusammenhalt anstreben müssen.

3. Der Gleichheitsfeminismus

Aus Sicht des Gleichheitsfeminismus sind Geschlechter grundsätzlich gleich. Erst gesellschaftliche Machtstrukturen sorgen für Ungleichheit, worunter besonders Frauen zu leiden haben. Eine der ersten, die diesen Gedanken äußerte, war Simone de Beauvoir. Für sie gibt es keine typisch weiblichen Eigenschaften, Frauen sind vielmehr ein soziales Konstrukt der Männer.

Simone de Beauvoir | Credit: STF / AFP / picturedesk.com

4. Der intersektionale Feminismus

Der intersektionale Feminismus geht davon aus, dass es nicht nur eine Ungleichheit gibt, sondern sich viele Ungleichheiten in einer Person summieren können. Die Lebensumstände haben somit einen großen Einfluss darauf, wie weibliche Privilegien erkämpft werden. Beispielsweise sieht sich eine in Europa lebende Frau mit anderen Problemen und Chancen konfrontiert als Frauen, die in Afrika, Asien oder den USA leben.

5. Der Radikalfeminismus

Ein Slogan des Radikalfeminismus lautet: "Das Private ist politisch." Gemeint ist damit, dass sich patriarchale Herrschaftsstrukturen im Familienleben widerspiegeln. Deswegen ist es den Verfechterinnen dieser Richtung ein Anliegen, diese Strukturen zu ändern und nicht nur männliche Privilegien, sondern überhaupt jegliche Geschlechterunterschiede zu beseitigen.

Junge Familie im Sonnenuntergang | Credit: iStock.com/altanaka

6. Der Ökofeminismus

Vertreterinnen des Ökofeminismus sind überzeugt, dass die Unterdrückung der Frau mit der Zerstörung der Umwelt zusammenhängt. Beide werden vom patriarchalen Kapitalismus ausgebeutet.

7. Der gynozentrische Feminismus

Beim gynozentrischen Feminismus herrscht der Glaube vor, dass Frauen bedingt durch die Mutterschaft über eine andere Moral verfügen als Männer. Frauen gelten demnach als fürsorglicher. Dieser Ansatz unterscheidet sich wesentlich von anderen feministischen Positionen, die sich dagegen wehren, die Frau darauf zu reduzieren, da es in ihren Augen eine Form der Unterdrückung mit anderen Mitteln ist.

Junge Mutter küsst ihr Kind | Credit: iStock.com/ChristinLola

8. Der spirituelle Feminismus

Der spirituelle Feminismus ist ebenso matriarchal geprägt wie der gynozentrische. Esoterische Richtungen haben einen starken Einfluss, oftmals identifizieren sich die Frauen mit Hexenkulten. Auch Frauenheilkunde spielt in diesem Kontext eine wesentliche Rolle.

9. Der dekonstruktivistische Feminismus

Anknüpfend an Simone de Beauvoir wird die Annahme vertreten, dass sowohl das soziale als auch das biologische Geschlecht nur gesellschaftliche Konstrukte sind. Zur Klassifizierung von Menschen werden daher beide von den Vertreterinnen des dekonstruktivistischen Feminismus abgelehnt. Ihre Begründung: Es gibt mehr Unterschiede zwischen Menschen eines Geschlechts als Unterschiede zwischen den Geschlechtern, weswegen es keine aussagekräftige Kategorie darstellt.

10. Sexpositiver Feminismus

Aus Sicht des sexpositiven Feminismus wird die sexuelle Freiheit als Teil der Emanzipation gesehen. Frauen sollen selbstbewusst ihr Sexualleben genießen. Pornografie wird nicht mehr abgelehnt: Die Frau gilt nicht als Opfer, solange sexuelle Praktiken im gegenseitigen Einverständnis geschehen.

Junges Paar küsst sich | Credit: iStock.com/kieferpix

Zur Person

Die aus Südtirol stammende Schriftstellerin Isabel Folie ist Mitglied des intermedialen Kunstkollektiv Grauer Greif. Im Herbst 2021 ist ihr erster lyrischer Kurzprosa-Band "In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind" erschienen. Als "Passion Author" für www.weekend.at schreibt sie regelmäßig über Frauen in der heutigen Gesellschaft.