El Niño: UNO warnt vor Rekord-Hitze und Katastrophen
Die Warnungen internationaler Meteorologen und Klimaforscher werden immer eindringlicher: Das weltweite Wetter-Phänomen El Niño steht vor einer extremen Intensivierungsphase. Nach aktuellen Einschätzungen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und der Vereinten Nationen wird das Phänomen in den kommenden Monaten „sehr stark“ werden. Es droht einer der intensivsten Ausschläge seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen zu werden, mit gravierenden Folgen für Mensch, Natur und Weltwirtschaft.
Was hinter dem Wetterphänomen El Niño steckt
Bei El Niño handelt es sich um die Erwärmungsphase eines natürlichen Klimakreislaufs im tropischen Pazifikraum, der sogenannten El Niño-Southern Oscillation (ENSO). Unter normalen Bedingungen wehen die Passatwinde von Ost nach West und schieben warmes Oberflächenwasser in den westlichen Pazifik, während vor der Südamerika-Küste kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aufsteigt.
Schwächen sich diese Passatwinde ab oder kehren sich um, strömt das aufgewärmte Wasser ostwärts zurück an die südamerikanische Küste. Hält diese Erwärmung der Meeresoberfläche über mehrere Monate an, verändert dies die Winde, den Luftdruck und die Niederschlagsmuster weltweit radikal. Einige Erdregionen versinken in Sintfluten, während in anderen schwere Dürren herrschen.
Prognosen und Rekordwerte: Ein historisches Ausmaß
Die aktuellen Messdaten prognostizieren Extremwerte: Die britische Wetterbehörde Met Office rechnet mit dem intensivsten El Niño seit mehr als einem Jahrhundert. Experten der US-Klimabehörde NOAA gehen davon aus, dass es das stärkste Phänomen seit Beginn ihrer Aufzeichnungen im Jahr 1950 werden könnte.
In der pazifischen Schlüsselregion „Niño 3.4“ liegen die Wassertemperaturen derzeit bereits 2,6 Grad über dem 30-jährigen Mittelwert. Daten des Climate-Brink-Dashboards prognostizieren, dass der Anstieg in der Spitze bis zu 3,9 Grad über dem Durchschnitt erreichen könnte. Zum Vergleich: Beim bisherigen Rekord-El-Niño im Jahr 2015 lag dieser Wert bei etwa drei Grad. Unter der Wasseroberfläche wurden im Juli und August stellenweise sogar Abweichungen von mehr als acht Grad gemessen.
Dauer und Höhepunkt: Von Ende 2026 bis weit ins Jahr 2027
Über die zeitliche Dauer und den Verlauf herrscht unter Meteorologen Klarheit: Der Höhepunkt der aktuellen Phase wird für Ende des Jahres erwartet. Das Phänomen selbst wird sich voraussichtlich bis mindestens in den Februar erstrecken. Da El Niño üblicherweise erst im Folgejahr seine volle Wirkung auf die globale Durchschnittstemperatur entfaltet, dürften die Klimafolgen bis weit ins Jahr 2027 hinein spürbar bleiben.
Nach einem El Niño galt bereits 2024 mit 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau als bisher heißestes Jahr der Messgeschichte. Doch 2027 könnte diesen Rekord nochmals weit überschreiten. Die Wissenschaftler Zeke Hausfather und Andrew Dessler berechneten, dass El Niño den langfristigen Erwärmungstrend zeitweise um etwa 0,3 Grad anhebt. Die globale Durchschnittstemperatur könnte 2027 somit bei 1,76 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen – ein Temperaturniveau, das ohne El Niño erst Ende der 2030er-Jahre zu erwarten gewesen wäre.
Globale Folgen: Dürre in Zentralamerika, Großbrände in Asien
Die geografischen Auswirkungen des Phänomens zeigen sich bereits jetzt in voller Schärfe:
- Zentralamerika: Honduras, Panama und El Salvador sahen sich gezwungen, Dürrealarm auszurufen. Das Welternährungsprogramm (WFP) warnt, dass Zentralamerika am schwersten von akutem Hunger durch den aktuellen El Niño betroffen sein wird.
- Südostasien & Australien: In Indonesien führt eine extrem lange und intensive Trockenzeit zu verheerenden Waldbränden, die bereits Tausende Hektar Land vernichtet haben.
- Westeuropa: Auch Abweichungen im Atlantik beeinflussen das Wetter. Der Juli war in Westeuropa mit durchschnittlich 22,48 Grad (2,5 Grad über dem Schnitt von 1991–2020) bereits der zweitwärmste seit Messbeginn. Die WMO prognostiziert bis November über fast allen Landflächen überdurchschnittliche Temperaturen.
Dramatische Lage in Afrika: UNICEF warnt vor humanitärer Katastrophe
Besonders dramatisch ist die Situation im östlichen und südlichen Afrika. Laut einer aktuellen Dringlichkeitsmeldung von UNICEF sind mehr als 162 Millionen Kinder – das entspricht mehr als zwei Dritteln aller Kinder in dieser Region – direkt von den Folgewirkungen bedroht. Katastrophen wie Dürren, extreme Hitze und Sturzfluten gefährden Ernährung, Gesundheit, Trinkwasserversorgung und Schulbildung.
UNICEF-Regionaldirektorin Etleva Kadilli betonte die Schwere der Lage in 13 Schwerpunktländern, darunter Äthiopien, Somalia, der Südsudan, Kenia und Simbabwe:
- Somalia: Im schlimmsten Szenario drohen bis zu 2,5 Millionen Menschen direkte Überschwemmungen und Vertreibung.
- Südsudan: Eine Dreifachbelastung aus Dürre, extremer Hitze und lokalen Fluten verschärft das Risiko von Hungersnöten und Seuchenausbrüchen.
UNICEF fordert dringend 173 Millionen US-Dollar an flexiblen Hilfsgeldern für vorausschauende Maßnahmen. Derzeit fließt weniger als ein Prozent der internationalen Hilfe in die Prävention – obwohl jeder investierte US-Dollar in Katastrophenvorsorge bis zu 15 US-Dollar an künftigen Wiederaufbaukosten einsparen kann.
Klimawandel als Verstärker: Ein Blick in die Zukunft des Erdklimas
Wissenschaftler sind sich einig, dass der menschengemachte Klimawandel und El Niño sich gegenseitig aufschaukeln. Durch die globale Erwärmung enthält die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit, was El-Niño-bedingte Regenfälle noch extremer ausfallen lässt. Umgekehrt trocknen die erhöhten Grundtemperaturen die Böden bei Ausbleiben von Niederschlägen schneller aus, was Dürren intensiviert.
Laut NOAA-Experte Mike McPhaden zeigen Untersuchungen von Korallenskeletten und Klimamodellen, dass El Niños im Laufe des vergangenen Jahrhunderts durch die Erwärmung der Ozeane bereits um etwa zehn Prozent an Stärke zugenommen haben. Der aktuelle El Niño bietet somit einen realistischen Vorgeschmack darauf, welche klimatischen Extremzustände in den kommenden Jahrzehnten zur Norm werden könnten.
Wirtschaft und Infrastruktur unter Druck: Experten fordern Vorbereitung
Neben den unmittelbaren Gefahren für Menschenleben belasten die wetterbedingten Schocks die wirtschaftliche Stabilität vieler Nationen. Ernteausfälle in der Landwirtschaft bedrohen die weltweiten Lieferketten, während Wassermangel die Wasserkraftnutzung und damit die Energieversorgung einschränkt.
WMO-Chefin Celeste Saulo appellierte daher eindringlich an alle nationalen Katastrophenschutzbehörden, frühzeitige Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Vorausschauendes Handeln – wie das Bereitstellen von Notfall-Impfdosen, der Ausbau schockresistenter Sozialsysteme und die Sicherung von Trinkwasservorräten – sei jetzt die einzige Möglichkeit, das Ausmaß der drohenden Krise noch einzudämmen.