Warum Firmen in den Osten flüchten
Zwischen Stuttgart und Wels liegen rund fünf Fahrstunden mit dem Auto. Dennoch kämpfen die Unternehmen dort und hier mit erstaunlich ähnlichen Problemen – auch wenn das eine ein bekannter Weltkonzern und das andere ein echter Hidden Champion ist. Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz, stemmt sich gegen den Niedergang seines Konzerns, baut notgedrungen in Deutschland Arbeitskräfte ab und in Europas Osten und China auf. Die Gründe: teure Energie und eine der höchsten Arbeitskosten der Welt. „Jahrelang haben wir das mit gesteigerter Produktion wettmachen können. Nun sind wir an einen Punkt gekommen, an dem das nicht mehr reicht. Wir wollen keine asiatischen Verhältnisse in Deutschland, müssen aber bei Energie, Steuern und Arbeitskosten wieder in eine Richtung gehen, dass sich Unternehmertum und Investitionen in Deutschland lohnen“, gab er dieser Tage dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zu Protokoll.
Ich kenne kaum noch Unternehmer, die in diese Regierung irgendeine Hoffnung setzen. Wir werden uns die Lösungen wohl selbst erarbeiten müssen.
Österreich als Negativ-Weltmeister
Wels ist in kleinerem Maßstab wie Stuttgart ein wirtschaftlicher Hotspot mit starken Branchen- und Technologieführern, zu denen auch die international tätige Rübig Gruppe zählt. Gegründet 1946, hat sich das Familienunternehmen zu einem Hightech-Zulieferer im Bereich der Luftfahrt-, Automobil-Industrie und Medizintechnik entwickelt. Mit 550 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro gehört der Mittelständler zu den großen Playern der Stadt. Jahrzehntelang ging es parallel zur deutschen Automobilindustrie aufwärts. Jetzt heißt es: Rien ne va plus – nichts geht mehr! Der Befund von Firmenchef Bernd Rübig klingt dabei sehr ähnlich wie jener von Ola Källenius: „Wir können bei der Energie nichts mehr ausgleichen, denn Strom ist überall gleich teuer. Die Produktivität pro Kopf sinkt in Österreich seit Jahren, während die Lohnstückkosten massiv ansteigen. Hier sind wir Weltmeister im negativen Sinn. Das lässt sich nicht mehr durch Qualitätsvorteile wettmachen.“
Deindustrialisierung ist in vollem Gange
Die Industrie-Bundesländer Oberösterreich und Steiermark waren von der Energiepreis-Explosion 2022, die fast ganz Europa erfasst hat, besonders stark betroffen. Rübig zählt mit seiner Schmiede- und Härtetechnik am Standort Wels zu den größten Strom- und Gasverbrauchern – was die Kosten massiv in die Höhe getrieben hat. Bei bestehenden Verträgen konnte das Unternehmen die gestiegenen Preise nicht weitergeben und musste daher erhebliche Einbußen hinnehmen. „2021 lagen wir noch bei 39 Euro pro Megawattstunde“, rechnet Rübig vor. „Aktuell sind es je nach Marktlage das Drei- bis Sechsfache. Zwar heißt es oft, Deutschland habe die höchsten Strompreise – doch über das Gesamtjahr betrachtet liegt Österreich um rund 15 Prozent darüber.“ Ähnlich verhält es sich beim Kostenfaktor Arbeit:
In Österreich sind die Lohnstückkosten in den vergangenen zwei Jahren deutlich schneller gestiegen als im Eurozonen-Durchschnitt – um gut zehn Prozentpunkte. Die befürchtete Deindustrialisierung ist laut Rübig bereits in vollem Gange. Die gesamte Automobilbranche verlagert massiv ins Ausland, vor allem nach Osten, wo die Arbeitskosten niedriger sind. „Langfristig bleiben wir als Standort nur wettbewerbsfähig, wenn wir bei den Energiekosten mithalten können“, warnt der Unternehmer. „Sonst droht der Verlust dieser wichtigen Industrie.“
Die Aufträge und Arbeitsplätze, die damit verbunden sind, verlagern sich zunehmend in andere Regionen. Das ist für uns ein schmerzhafter Prozess.
„Wir werden wegtransformiert“
Wegen der hohen Transportkosten für Stahl galt im Wärmebehandlungsgeschäft lange ein Umkreis von 200 Kilometern als wirtschaftlich sinnvoll. Dieser Radius hat sich jedoch durch die wachsende Schere bei den Produktionskosten zwischen Österreich und Osteuropa deutlich erweitert. Aufträge, die am heimischen Standort nicht mehr lukrativ sind, werden zunehmend ins slowakische Prievidza verlagert, wo Rübig seit 2005 ein Werk betreibt. Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei profitieren massiv von dieser schleichenden Abwanderung der heimischen Industrie. „Die Transformation der Automobilindustrie bedeutet für uns vor allem eines: Wir werden wegtransformiert“, sagt Rübig. „Die Aufträge und Arbeitsplätze, die damit verbunden sind, verlagern sich zunehmend in andere Regionen. Das ist für uns ein schmerzhafter Prozess.“
Bernd Rübig hat 2023 die Geschäftsführung der Holding von seinem Vater Günther Rübig übernommen. Sein Onkel ist der langjährige EU-Abgeordnete Paul Rübig. In der Automobilindustrie lässt sich der massive Preiskampf von Österreich aus kaum noch mitgehen. Stattdessen konzentriert sich Rübig verstärkt auf die Luftfahrtbranche.
„Dort benötigen wir hoch qualifiziertes Personal, um die anspruchsvolle Produktion sicherstellen zu können. Als global tätiger Zulieferer sind wir in diesem Sektor gut vernetzt und bauen das Geschäft aktuell massiv aus.“
Löchriges EU-Regelwerk
In Österreich fließt derzeit kaum noch Geld in Investitionen, sagt Rübig. „Solange sich die Rahmenbedingungen nicht spürbar verbessern, wird sich daran nichts ändern. Als Unternehmer trage ich schließlich Verantwortung für meine Mitarbeiter und deren Familien. Ich kann nicht an der wirtschaftlichen Realität vorbeiagieren.“ Um dem entgegenzuwirken, hat das Unternehmen am Standort Wels massive Effizienzsteigerungen und Einsparungen umgesetzt – insbesondere im Energiebereich konnten in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt werden. „Wir setzen in der Härtebehandlung einige Gasöfen ein. Leider wird auch das durch die CO₂-Bepreisung immer teurer. Der Strom ist jedoch unser größter Energiekostentreiber in dieser Sparte. Das ist entscheidend für das Geschäft, denn die Stromkosten bestimmen, wo wir die Fertigung in Zukunft ansiedeln werden.“ Paradoxerweise profitiert Rübig als stromintensives Unternehmen derzeit nicht von der Strompreiskompensation (SAG). Nur rund 40 Unternehmen – vorwiegend aus der Stahl-, Chemie- und Kunststoffbranche – stehen auf der Förderliste. „Die Kriterien dafür stammen aus EU-Recht, auf das die Politik verweist. Wir fallen als Unternehmen nicht unter diese Vorgaben, obwohl wir ebenfalls einen hohen Stromverbrauch haben. Das trifft auch auf andere stromintensive Firmen zu – hier scheint es Lücken im europäischen Regelwerk zu geben“, resümiert der Unternehmer. Die aktuelle Strompreiskompensation läuft 2026 aus. Ab 2027 kommt der geplante Industriestrompreis mit einem Arbeitspreis von 50 Euro pro Megawattstunde (entspricht 5 Cent/kWh). „Hier gehen wir davon aus, dass unser Unternehmen darunterfallen wird. Das ist aber noch nicht final geklärt“, sagt Rübig. Auf die Frage, ob er von den zuletzt präsentierten Maßnahmen der Bundesregierung enttäuscht sei, antwortet er: „Enttäuscht war ich nicht, weil ich von vornherein keine großen Erwartungen hatte. Das Ergebnis entspricht genau meinen Befürchtungen. Ich kenne kaum noch Unternehmer, die in diese Regierung irgendeine Hoffnung setzen. Wir werden uns die Lösungen wohl selbst erarbeiten müssen.“