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Teurer Standort lässt Produktionsbetriebe nach Osten abwandern.
Teurer Standort lässt Produktionsbetriebe nach Osten abwandern.
Teurer Standort lässt Produktionsbetriebe nach Osten abwandern.
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Warum Firmen in den Osten flüchten

18.02.2026 um 14:30, Klaus Schobesberger
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Teurer Standort Österreich: Firmenlenker verlassen sich nicht mehr auf die Politik. Sie stellen sich neu auf und investieren im Osten Europas oder in China.

Zwischen Stuttgart und Wels liegen rund fünf Fahrstunden mit dem Auto. Dennoch kämpfen die Unternehmen dort und hier mit erstaunlich ähnlichen Pro­blemen – auch wenn das eine ein bekannter Weltkonzern und das ­andere ein echter Hidden Champion ist. Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz, stemmt sich gegen den Niedergang seines Konzerns, baut notgedrungen in Deutschland Arbeitskräfte ab und in Europas Osten und China auf. Die Gründe: ­teure Energie und eine der höchsten Arbeitskosten der Welt. „Jahre­lang haben wir das mit gesteigerter Produktion wettmachen können. Nun sind wir an einen Punkt gekommen, an dem das nicht mehr reicht. Wir ­wollen keine asiatischen ­Verhältnisse in Deutschland, müssen aber bei Energie, Steuern und Arbeitskosten wieder in eine Richtung gehen, dass sich Unternehmertum und Investitionen in Deutschland lohnen“, gab er dieser Tage dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zu Protokoll.
 

 

Ich kenne kaum noch Unternehmer, die in ­diese Regierung irgendeine Hoffnung setzen. Wir ­werden uns die Lösungen wohl selbst erarbeiten müssen.

Bernd Rübig, Geschäftsführer Rübig Gruppe, Wels

 

Österreich als Negativ-Weltmeister

Wels ist in kleinerem Maßstab wie Stuttgart ein ­wirtschaftlicher ­Hotspot mit starken ­Branchen- und Technologieführern, zu denen auch die ­international tätige Rübig Gruppe zählt. Gegründet 1946, hat sich das ­Familienunternehmen zu einem ­Hightech-Zulieferer im Bereich der Luftfahrt-, Automobil-­Industrie und ­Medizintechnik entwickelt. Mit 550  ­Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 75  Millionen Euro gehört der Mittelständler zu den großen ­Playern der Stadt. Jahrzehntelang ging es parallel zur deutschen Automobil­industrie aufwärts. Jetzt heißt es: Rien ne va plus – nichts geht mehr! Der Befund von Firmenchef Bernd Rübig klingt dabei sehr ähnlich wie jener von Ola Källenius: „Wir können bei der Energie nichts mehr ausgleichen, denn Strom ist überall gleich teuer. Die Produktivität pro Kopf sinkt in Österreich seit Jahren, während die Lohnstückkosten massiv ansteigen. Hier sind wir ­Weltmeister im negativen Sinn. Das lässt sich nicht mehr durch Qualitätsvorteile wettmachen.“
 

Bernd Rübig, CEO der Rübig Gruppe in Wels
„Langfristig bleiben wir als Standort nur wettbewerbsfähig, wenn wir bei den Energiekosten mithalten können“, sagt Bernd Rübig, CEO der Rübig Gruppe in Wels.

 

Deindustrialisierung ist in vollem Gange

Die ­Industrie-Bundesländer Oberösterreich und ­Steiermark waren von der Energiepreis-Explosion 2022, die fast ganz Europa erfasst hat, besonders stark betroffen. Rübig zählt mit seiner Schmiede- und Härtetechnik am Standort Wels zu den größten Strom- und Gasverbrauchern – was die ­Kosten massiv in die Höhe ge­trieben hat. Bei bestehenden Verträgen konnte das Unternehmen die gestiegenen Preise nicht weitergeben und musste daher erhebliche ­Einbußen hinnehmen. „2021 lagen wir noch bei 39 Euro pro Megawattstunde“, rechnet Rübig vor. „­Aktuell sind es je nach Markt­lage das Drei- bis Sechsfache. Zwar heißt es oft, Deutschland habe die höchsten Strompreise – doch über das Gesamtjahr betrachtet liegt Österreich um rund 15  Prozent darüber.“ Ähnlich verhält es sich beim Kostenfaktor Arbeit: 
In Österreich sind die Lohnstückkosten in den vergangenen zwei Jahren deutlich schneller gestiegen als im Eurozonen-Durchschnitt – um gut zehn Prozentpunkte. Die befürchtete Deindustrialisierung ist laut Rübig bereits in vollem Gange. Die gesamte Automobil­branche verlagert massiv ins Ausland, vor allem nach Osten, wo die Arbeitskosten niedriger sind. „Lang­fristig bleiben wir als Standort nur wettbewerbsfähig, wenn wir bei den Energiekosten mithalten können“, warnt der Unternehmer. „Sonst droht der Verlust dieser wichtigen Industrie.“

Die Aufträge und Arbeitsplätze, die damit verbunden sind, verlagern sich zunehmend in andere Regionen. Das ist für uns ein schmerzhafter Prozess.

Bernd Rübig, Geschäftsführer Rübig Gruppe, Wels

 

„Wir werden  wegtransformiert“


Wegen der hohen Transportkosten für Stahl galt im Wärmebehandlungs­geschäft lange ein Umkreis von 200 Kilometern als wirtschaftlich sinnvoll. ­Dieser Radius hat sich jedoch durch die wachsende Schere bei den Produk­tionskosten zwischen Österreich und Osteuropa deutlich erweitert. Auf­träge, die am heimischen Standort nicht mehr lukrativ sind, werden zunehmend ins slowakische Prievidza verlagert, wo Rübig seit 2005 ein Werk betreibt. ­Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei profitieren massiv von dieser schleichenden Abwanderung der heimischen Industrie. „Die Trans­formation der Automobilindustrie bedeutet für uns vor allem eines: Wir werden wegtransformiert“, sagt Rübig. „Die ­Aufträge und Arbeitsplätze, die damit verbunden sind, verlagern sich zunehmend in andere Regionen. Das ist für uns ein schmerzhafter Prozess.“ 
Bernd Rübig hat 2023 die Geschäftsführung der ­Holding von seinem Vater ­Günther Rübig übernommen. Sein Onkel ist der langjährige EU-Abgeordnete Paul  Rübig. In der Automobilindustrie lässt sich der massive Preiskampf von Österreich aus kaum noch mitgehen. ­Stattdessen ­konzentriert sich Rübig verstärkt auf die ­Luftfahrtbranche. 
„Dort benötigen wir hoch qualifiziertes Personal, um die ­anspruchsvolle Produktion sicherstellen zu können. Als global tätiger Zulieferer sind wir in ­diesem Sektor gut vernetzt und bauen das Geschäft aktuell massiv aus.“
 

Ola Källenius, CEO Mercedes-Benz, Stuttgart
120.000 Jobs verlor die deutsche Industrie im Jahr 2025. Mercedes-Benz CEO Ola Källenius hat angekündigt, Teile der Produktion in Deutschland abzubauen.

Löchriges EU-Regelwerk

In Österreich fließt derzeit kaum noch Geld in Investitionen, sagt Rübig. „Solange sich die Rahmenbedingungen nicht spürbar verbessern, wird sich ­daran nichts ändern. Als Unternehmer trage ich schließlich Verantwortung für meine Mitarbeiter und deren Familien. Ich kann nicht an der wirtschaftlichen Realität vorbeiagieren.“ Um dem entgegenzuwirken, hat das Unternehmen am Standort Wels massive Effizienzsteigerungen und Einsparungen umgesetzt – insbesondere im Energiebereich konnten in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt werden. „Wir setzen in der Härtebehandlung einige Gasöfen ein. Leider wird auch das durch die CO₂-Bepreisung immer teurer. Der Strom ist jedoch unser größter Energiekostentreiber in dieser Sparte. Das ist entscheidend für das Geschäft, denn die Stromkosten bestimmen, wo wir die Fertigung in Zukunft ansiedeln werden.“ Paradoxerweise profitiert Rübig als strom­intensives Unternehmen derzeit nicht von der Strompreiskompensation (SAG). Nur rund 40 Unternehmen – vorwiegend aus der Stahl-, Chemie- und Kunststoff­branche – stehen auf der Förderliste. „Die Kriterien dafür stammen aus EU-Recht, auf das die Politik verweist. Wir fallen als Unternehmen nicht unter diese Vorgaben, obwohl wir ebenfalls einen hohen Stromverbrauch haben. Das trifft auch auf andere stromintensive Firmen zu – hier scheint es Lücken im europäischen Regelwerk zu geben“, resümiert der Unternehmer. Die ­aktuelle Strompreiskompensation läuft 2026 aus. Ab 2027 kommt der geplante Industriestrompreis mit einem Arbeitspreis von 50  Euro pro Megawattstunde (entspricht 5  Cent/kWh). „Hier gehen wir davon aus, dass unser Unternehmen darunterfallen wird. Das ist aber noch nicht final geklärt“, sagt Rübig. Auf die Frage, ob er von den zuletzt präsentierten Maßnahmen der Bundesregierung enttäuscht sei, antwortet er: „Enttäuscht war ich nicht, weil ich von vornherein keine großen Erwartungen hatte. Das Ergebnis entspricht genau meinen Befürchtungen. Ich kenne kaum noch Unternehmer, die in diese Regierung irgendeine Hoffnung setzen. Wir werden uns die Lösungen wohl selbst erarbeiten müssen.“ 

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