Verwöhnprogramm für Mitarbeiter

Darf‘s ein bisserl mehr sein? Im Zeit­alter des Arbeitskräftemangels überbieten sich Unternehmen mit betrieblichen Zusatzleistungen, um „händeringend“ gesuchte Bewerber auf sich aufmerksam zu machen. Die sogenannten „­Fringe Benefits“, also steuerfreie Sachbezüge zum Gehalt, sind gang und gäbe und sollen Arbeitgeber attraktiver machen. Sie reichen von bekannten „Gutzis“ wie Dienstwagen, Dienstwohnung, Lunch-Gutscheinen oder Mitarbeiterrabatten bis hin zum firmeneigenen Fitness-Studio, zur Kinderbetreuung, zu Company-Bikes, zum Indoor-Friseur oder zu Sabbaticals.

Gutzis und Zuckerl ohne Ende

Tourismusbetriebe schließen sich inzwischen zusammen, um das Arbeiten so schmackhaft wie möglich zu machen. In Salzburg hat die Region Obertauern eine Crew Card ins Leben gerufen, mit der Tourismusmitarbeiter Leistungen vom Restaurantbesuch bis zur Liftkarte vergünstigt in Anspruch nehmen können. In den USA, der Geburtsstätte aller betrieblichen Benefits, nimmt diese Entwicklung zum Teil skurrile Züge an. Gas-Wasser-Installationsfirmen haben Hawaii-Urlaube, Entspannungszonen mit Putting Green, Craft-Beer, Barista-Café und Zen-Kursen am Programm, um Mitarbeiter anzulocken. Zuckerl, für die normalerweise Startups im Silicon Valley bekannt sind. Anmerkung am Rande: Eine Studie von kununu zeigte bereits 2016 auf, dass bei Mitarbeiter-Benefits in den Unternehmen ein deutliches Missverhältnis zwischen den von den Unternehmen angebotenen und den von Mitarbeitern nachgefragten Benefits existiert. Die drei von Mitarbeitern am meisten nachgefragten Benefits sind für Unternehmen nicht oder nur mit wenig Kosten verbunden: flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und Bürohunde.

CorpLife: Plattform für Benefits

Dass die heutige Generation bis 30 viel mehr als frühere Generationen voraussetzt, stimmt natürlich auch. „Die erste Frage ist immer: Was wird neben dem Gehalt noch geboten? Der Trend kommt aus den USA, die sind Vorreiter bei Fringe Benefits, dort gibt es das seit Jahrzehnten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich dieses Thema auch bei uns rapide entwickelt“, sagt Mario Nowak von CorpLife. Das Startup bietet in Österreich die einzige komplett digitale Plattform für Mitarbeitervorteile an, die auch den Essenszuschuss leicht abwickelbar macht. CorpLife zählt mittlerweile über 400 nationale und internationale Kunden. Seit Kurzem bietet das Unternehmen eine App an, um die flexible Nutzung der Benefits abseits vom Arbeitsplatz zu ermöglichen. Warum es so eine digitale Plattform für Mitarbeiter-Benefits braucht, erklärt Nowak mit den begrenzten Ressourcen in Unternehmen. In der HR-Abteilung gibt es Themen, die wichtiger sind, als sich um Benefits zu kümmern. „Wir nehmen den Unternehmen viel ab. Da ist einerseits die Vorteilsplattform, unsere Benefits für den täglichen Gebrauch wie Autowäsche, Restaurantbesuch, Beauty-Bereich oder Einkaufsmöglichkeiten. Wir arbeiten mit Billa Online zusammen, wo sich Mitarbeiter die Lebensmittel nach Hause schicken lassen können.“

Online-Budget statt Gutscheinen

Der zweite Bereich der Plattform besteht laut Nowak aus den steuerfreien Benefits (186 Euro einmalig pro Jahr und Mitarbeiter). Früher wurden Gutscheine verteilt, heute können Arbeitgeber ihren Mitarbeitern einfach online ein Budget frei­geben. Um den Geschmack der Mitarbeiter zu treffen, bietet CorpLife mit seiner Software eigene HR-Zonen an, wo anonymisierte Daten aufscheinen, die Mitarbeiter am meisten interessieren. Wenn im Frühjahr mehr Reisen angeklickt werden, fließt das in die Statistik ein. CorpLife will mit einer weiteren Finanzierungsrunde weiter wachsen in Europa. Seit Mitte des Jahres ist das Unternehmen in der DACH-Region vertreten. Weitere Zielmärkte sind ­Italien, Frankreich, aber auch Tschechien und Polen sind Teil des Skalierungsplans. Hindernisse sind dabei nicht nur die unterschiedlichen Sprachen, sondern auch die Steuergesetze.

Sinnfrage schlägt Benefits

Doch dass es heute nicht mehr genügt, ein angemessenes Gehalt zu ­bezahlen und Benefit-Pakete zu schnüren, ist die andere Seite der Medaille. Menschen wollen zunehmend auch in der Arbeit Glück und Wohlergehen verspüren. Das Arbeitsleben ist vergleichbar mit der Ausstattung eines Autos. Wer als Auto-Dealer heute seinen elektrischen Fensterheber anpreist, erntet bestenfalls ein müdes Lächeln. „All unsere Studien zeigen auf, dass Benefits nicht mehr diesen bedeutenden Kick geben, weil man sich als Unternehmen kaum noch damit abheben kann“, sagt Sam Zibuschka, Managing Director bei epunkt. Die heutige Generation stellt die Sinnfrage. Menschen suchen Glück über Inhalte, über Freiheit und andere Themen. „Das Benefit-Thema wird inzwischen vorausgesetzt. Wir sind mit vielen Firmen in Kontakt und sehen, wie sich Unternehmer bemühen, Mitarbeiter zu finden. Entscheidend bleibt aber das Image, das Firmen am Arbeitgebermarkt haben. Das, was Mitarbeiter oder ehemalige Mitarbeiter über das Unternehmen erzählen, hallt einfach nach. Am Ende des Tages holt einen immer der Ruf ein“, sagt Zibuschka.

Gastronomie bekommt  Rechnung präsentiert

Das betrifft auch ganze Branchen wie die Gastronomie oder Hotellerie, die gerade unter dem Arbeitskräftemangel besonders zu leiden haben. Sicher spielen Arbeitszeiten und Gehälter eine ­Rolle, sagt Zibuschka, aber letztlich geht es um die Frage der Wertschätzung der Mitarbeiter. „Wertschätzung war in der ­Gastronomie in Summe nie besonders ausgeprägt. Und dann kommt eine Krise, die zu einer riesigen Abwanderung führt und alle stehen da, sind verwundert und geben Corona die Schuld. In Wirklichkeit sind das Versäumnisse von Dekaden, die dort gemacht wurden. Jetzt bekommt die Branche die Rechnung präsentiert“, analysiert der Recruiting-Profi.

Spaß oder Belohnung?

In dem im Vorjahr publizierten Whitepaper von epunkt mit dem Titel ­„Warum wir im Recruiting mit Benefits nicht mehr punkten“ wird zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation unterschieden. Bei extrinsischer Motivation gibt es eine Belohnung für das Tun oder eine Be­strafung, wenn besagtes Tun unterlassen wird. Ganz anders bei der intrinsischen Motivation. Hier ist Spaß der Selbstzweck hinter dem Tun, das kein Ziel und keine Messbarkeit benötigt; keine Konsequenzen voraussetzt oder fürchtet. In diesem Zusammenhang wird der Neurobiologe und Vorreiter in Sachen Potenzial­entfaltung Gerald Hüther zitiert: „Um ein erwünschtes Verhalten aufrechtzuerhalten, muss man immer wieder erneut belohnen oder mit Bestrafung drohen. Dies führt dazu, dass der Mitarbeiter Strategien entwickelt, wie er die Belohnung mit möglichst wenig Aufwand erhält, beziehungsweise die Bestrafung vermeidet, ohne dass es jemand merkt. Auf diese Weise bekommt man Mitarbeiter, die sich einerseits vor der Arbeit drücken und andererseits wann immer möglich Belohnungen einfordern. In ­diesem System leiden die Führungskräfte sogar noch mehr als die Mitarbeiter, denn sie müssen sich immer mehr anstrengen, um die gleiche Leistung aus den Mitarbeitern herauszukitzeln.“

Relevanz von Benefits steigt

Die Recruiter von epunkt erfassen seit 2011 die Benefits, die von Unternehmen für alle Mitarbeiter angeboten wurden. Die Zahlen machen deutlich, dass die Relevanz von Benefits in den vergangenen vier Jahren kontinuierlich angestiegen ist und viele Unternehmen offenbar bereit sind, dort zu investieren. Die Zahlen machen auch deutlich, dass Unternehmen, die bereits Benefits anbieten, es generell leichter haben, neue Mitarbeiter zu gewinnen.

Autor: Klaus Schobesberger, 05.11.2021