Rohstoffe sind Mangelware

Leere Lager, eingeschränktes Angebot bis hin zu Produktionsausfällen, enorme Preissteigerungen – der Rohstoffmangel spitzt sich zu und hat nahezu alle Branchen fest im Griff. Der Kupferpreis kratzt wieder an der 10.000-Dollar-pro-­Tonne-Marke, der Mangel an Halbleitern betrifft nicht nur die Automobilbranche stark. Die Preise für Plastikrohstoffe, wie etwa den Polyolefinen, haben seit Anfang des Jahres um bis zu 80 Prozent  angezogen. Auch die Preise für Aluminium haben sich innerhalb kürzester Zeit versiebenfacht. Sogar beim Zellstoff und Altpapier gibt es Preisexplosionen und Versorgungsengpässe. Der enorme Aufschwung nach den Corona-Lockdowns, Bauboom, Probleme in den Lieferketten, globale Konzentration, wachsender Bedarf an klimaneutraler Energieproduktion – die Ursachen sind vielfältig.

Weltmarkt von China abhängig

Und die europäische  Wirtschaft spürt so deutlich wie nie, wie abhängig sie von China ist. „China, die stärkste Macht im Kupfermarkt, fragt über 50 Prozent des weltweit gehandelten Metalls nach – der Kupfer­preis hängt daher stark von der konjunkturellen Entwicklung des Landes ab. China produziert auch 30 Prozent des raffinierten Kupfers. Gleichzeitig rationiert die chinesische Führung die Stromversorgung energieintensiver Industrien, was zur Folge hat, dass Metallschmelzen ihre Produktion drosseln müssen“, erklärt  Walter Meinhart, Geschäftsführer von Meinhart Kabel Österreich. Und das ist nicht nur beim Kupfer so: Für Rohstoffhändler gilt die Faustregel, dass China „die Hälfte von allem“ verbraucht. Bei einigen Rohstoffen, wie etwa Eisenerz, ist selbst dies eine Untertreibung. Zwischen 2003 und 2016 stiegen Chinas Importe von Eisenerz um das Zehnfache. Heute ist China der weltweit größte Verbraucher von Eisenerz.

Bei Magnesium hat China Monopolstellung

Auch beim Magnesium, das insbesondere als Legiermetall in der Aluminiumproduktion benötigt wird, ist der Weltmarkt enorm von China abhängig: Mit einem Anteil von fast 90 Prozent des weltweit produzierten Magnesiums hält China eine Monopolstellung inne. Der derzeitige Aluminiummangel sei eigentlich ein Magnesiummangel, der sich durch die Drosselung der chinesischen Stromproduktion bei Kohlekraftwerken ergeben habe, heißt es etwa bei der  AMAG. China habe die Stromproduktion aus Umweltgründen zurück­gefahren, um die Klimaziele zu erfüllen. Dadurch würden Magnesiumfabriken weniger produzieren oder ganz stillstehen. „Es betrifft nicht unser gesamtes Portfolio, aber speziell bei den automobilen Legierungen spielt Magnesium eine große Rolle“, sagt AMAG-Sprecher Leopold Pöcksteiner. Er bezeichnet die Lage in diesem Segment als sehr angespannt. „Wobei wir durch unser Recyclingmodell einen gewissen Vorteil gegenüber anderen Herstellern haben. Weil einerseits die Schrottverfügbarkeit immer gut war und andererseits im Alu-Abfall Magnesium enthalten ist. Dadurch hatten wir immer einen geringeren Magnesiumbedarf als andere.“ Die AMAG ist einer der größten Aluminiumrecycler in Europa und mit einem Rezyklatanteil von durchschnittlich 75 bis 80 Prozent im Einsatzmaterial weltweit führend in Sachen Wiederverwertung.

Kein Papier in Druckereien

Kein Papier, um Bücher zu drucken: In der aktuellen Versorgungskrise hätten sich laut Alexander Potyka, Vorsitzender des Österreichischen Verlegerverbands, die Lieferzeiten auf das bis zu Dreifache erhöht. „Wir sind gezwungen, teilweise Kunden auf nächstes Jahr zu vertrösten, wenn das überhaupt geht“, sagt Daniel Fürstberger, WKOÖ-Obmann der Fachgruppe Druck und Geschäftsführer der Salzkammergut Druck Mittermüller. Die Beschaffungsproblematik sei enorm. „Es wird gemunkelt, dass der nötige Zellstoff und Rohstoffe an besser zahlende Kunden in Fernost verkauft werden und deshalb für die eigene Produktion in Europa weniger da ist. Weiters wurden durch Corona die Produktionen reduziert, Papierfabriken geschlossen und die Energiekosten unerklärlicherweise massiv erhöht.“

Walter Meinhart

 

Meinhart: „Nie dagewesene  Mengen vorrätig“

Walter Meinhard, Geschäftsführer von Meinhard Kabel Österreich, spricht im Interview darüber, wie man in seinem Unternehmen mit den stark schwankenden Preisen umgeht und was die größten Preistreiber sind.

Der Kupferpreis war im Mai so hoch wie nie, jetzt kratzt er wieder an der 10.000-Dollar-pro-Tonne-Marke: Wie geht man in Ihrem Unternehmen mit diesen Preisschwankungen um?

Walter Meinhart: Unsere Lieferanten sind bei PVC, Weichmachern und Metallen massiven Erhöhungen ausgesetzt, aber auch gestiegene Transport- und Energiekosten treiben die ­Preise nach oben. Wir haben, so lange es ging, die Basispreise, also die Preise für die Produkte ohne den Kupferzuschlag, konstant gehalten, mussten aber im Sommer auch auf unsere gestiegenen Einkaufspeise reagieren. Der Kupferpreis wird mit einem berechneten Wochendurchschnittswert der LME-Notierung (Londoner Metall Exchange) 1:1 an den Kunden weitergegeben. Der Preis wird zum Zeitpunkt der Bestellung mit der aktuellen Notierung fixiert und danach auch bei steigendem Kupfer von uns nicht mehr angepasst.

Schon 2018 redete man bei etwa 7.000 Dollar/Tonne von Rekordpreisen, jetzt liegen wir bei 10.000 – wo geht die Preisentwicklung hin?

Meinhart: Das ist immer schwer zu sagen. Mittelfristig glauben wir aber an einen nachhaltig hohen Bedarf von Industriemetallen mit Preisen, die sich im oberen Segment einpendeln werden.

Welche Auswirkungen haben die ständigen Preisschwankungen auf Ihr Unternehmen?

Meinhart: Wir sind natürlich auch abhängig vom Marktpreis und die hohe Volatilität ist eine Herausforderung. Wir haben unser Unternehmen aber so aufgestellt, dass wir die Schwankungen mitgehen können. Trotz der Unsicherheiten auf diesem Markt haben wir unsere Lager sogar aufgestockt und haben noch nie dagewesene Mengen vorrätig. Derzeit lagern wir 12.000 Tonnen Kupfer – 60 Prozent mehr als zur selben Zeit 2019. Die Lieferengpässe seit Jahresbeginn haben uns daher weniger hart getroffen als andere.

Was sind die größten Preistreiber?

Meinhart: Nicht umsonst wird der Kupferpreis Dr. Copper genannt – er gilt als Gradmesser für die Lage in der Weltwirtschaft. Ist er hoch, gibt es einen Konjunkturaufschwung, fällt er, steigt die Angst vor einem wirtschaftlichen Abschwung. Die guten konjunkturellen Aussichten, Angst vor Lieferengpässen, steigende Energiepreise sowie die ausgeprägte Abhängigkeit von China und nicht zuletzt neue kupferintensive Technologien wie E-Mobilität tragen zusammen dazu bei, dass Kupfer historische Höchstwerte erreicht.

Auch der Aluminiumpreis ist heuer kontinuierlich gestiegen – warum hat man hier nicht so starke Schwankungen?
Meinhart: Der Aluminiumpreis bewegt sich seit seiner Delle im ersten Quartal des letzten Jahres mit Beginn der Coronakrise immer weiter aufwärts, in den letzten Wochen ist er wieder spürbar gefallen. Also auch hier steigt die Volatilität aufgrund der angesprochenen schwierigen Lage auf den Rohstoffmärkten.

Autor: Jessica Hirthe, 17.12.2021