Hybrid Work: Die neue Arbeitsrealität

Verwaiste Büros, ganze Belegschaften arbeiten von zu Hause oder dem Urlaubsdomizil aus – und das ohnehin nur noch 30 oder 32 Stunden pro Woche. Sieht so die neue Arbeitsrealität aus? Der Hybrid-Work-Express ist nicht mehr aufzuhalten.
Autor: Jessica Hirthe, 14.07.2022 um 05:00 Uhr

Stephanie Shirley lebte schon vor rund 60 Jahren New Work, als es dafür eigentlich noch gar kein Konzept gab. Die Software-Entwicklerin ­gründete in den Sechzigern die F. International Group mit einem Startkapital von sechs Pfund. Auf ihrem Höhepunkt hatte die Firma einen Marktwert von 2,8 Milliarden Pfund. Shirley beteiligte ihre Beschäftigen am Gewinn, hielt selbst nur fünf Prozent. Revolutionär war auch: Shirley stellte nur vom Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen ein: Mütter oder Menschen mit Behinderung – und alle arbeiteten von zu Hause aus. Codes wurden ihnen per Post zugeschickt, per Telefon wurde kommuniziert. So programmierte ihr Team etwa die Blackbox der Concorde.

Musk schafft Homeoffice ab

Seit der Pandemie ist New Work in aller Munde. Mobiles Arbeiten ist plötzlich salonfähig. Der überwiegende Teil der Arbeitnehmer möchte die örtliche und somit teils auch zeitliche Flexibilität nicht mehr missen. Viele Unternehmer stehen dem jedoch skeptisch gegenüber. Deswegen wird derzeit viel diskutiert darüber, ob Homeoffice gekommen ist, um zu bleiben, oder ob die Rückkehr ins Büro für alle Beteiligten besser ist. So ruft sogar Elon Musk alle Mitarbeiter nicht nur zurück ins Büro, sondern droht ihnen sogar mit Kündigung, wenn sie sich verweigern und lieber weiter von zu Hause aus arbeiten wollen. „Trends zur Nutzung von Homeoffice variieren stark zwischen den unterschiedlichen Branchen und Standorten. Während ein hoher Prozentsatz der IT-Unternehmen weiterhin 100 Prozent Homeoffice anbietet, verlangen andere Branchen die volle Rückkehr zum Büro“, so Nadia Arouri, D&I Manager bei PwC Österreich. Vor allem Industrie- und Produktionsunternehmen würden derzeit versuchen, sich auf dem Terrain von White und Blue Collar zurechtzufinden, und einen Mittelweg anstreben, der die Unternehmenskultur fördert, aber auch die von Arbeitnehmenden gesuchte Flexibilität gewährt.

Die Mitarbeiter sind mit dem Wunsch nach einer 4-Tage-Woche an uns herangetreten. (Christian Ebner, Geschäftsführer Elektro Kagerer in Pasching)

Entscheidungen komplexer

Flexibilität bedeutet auch mehr Selbstverantwortung. Das steht für Professor Michael Bartz von der IMC Fachhochschule Krems außer Frage: „Angestellte werden zu Mitgestaltern.“ New Work, getrieben durch die Digitalisierung und Globalisierung, würde dazu führen, dass sich die Außengrenzen des Unternehmens auflösen. „Kunden wirken tiefer mit, Lieferanten werden stärker integriert, es werden temporär Mitarbeiter aufgenommen. Alternative Beschäftigungsformen nehmen zu – angefangen von der Zeitarbeit über Leasing, freie Mitarbeit bis hin zu Crow- oder Clickworking.“ Gearbeitet werden kann von überall aus. Deswegen müssten sich Organisationen auch intern verändern. „All dies führt dazu, dass es immer komplexer wird, Entscheidungen zu treffen, die im digitalisierten und globalisierten Umfeld viel stärker vernetzt gedacht werden müssen.“

Kampf um jede Arbeitskraft

Was hinzukommt: der Kampf um jede Arbeitskraft. Unternehmen versuchen krampfhaft, attraktiv für potenzielle neue Mitarbeiter zu sein bzw. ihre Beschäftigten zu halten. „Aktuell befinden wir uns inmitten eines demografischen Wandels, der abweichende Bedürfnisse und Erwartungen in Zeiten eines War on/for Talent mit sich bringt“, so ­Arouri. Die Möglichkeit, zu Hause arbeiten zu können, ist für viele Bewerber ein ausschlaggebendes Argument. Die Linzer Social-Media-Agentur Bacon & Bold etwa bietet ihren Mitarbeitern bis zu 100 Prozent Homeoffice an. „Der Großteil unseres Teams arbeitet im Durchschnitt zwei Drittel vom Home­office aus. Das Büro wird nun viel bewusster aufgesucht, etwa für den ­sozialen Austausch“, berichtet Geschäftsführerin Jasmin Fichtinger. 

49 Prozent unserer ­Mitarbeiter haben eine Homeoffice-­Vereinbarung abgeschlossen. (Stefanie Huber, Vorstandsvorsitzende Sparkasse OÖ)

49 Prozent nutzen Homeoffice

„Homeoffice ist in der Sparkasse OÖ gekommen, um zu bleiben“, sagt auch Vorstandsvorsitzende Stefanie Christina Huber. Vor Corona hätte es auch die Möglichkeit gegeben, die jedoch kaum genutzt wurde. Jetzt hätten 49 Prozent der Mitarbeiter eine Homeoffice-Vereinbarung abgeschlossen und arbeiten bis zu zwei Tage zu Hause. Mobiles Arbeiten sei auch in Co-Working-Spaces möglich: „Mitarbeiter aus ländlichen Regionen können von wohnnahen Filialen aus arbeiten. Das erspart Anfahrtswege und Zeit.“  

4-Tage-Woche im Trend

Ein Trend, der seit einigen Wochen ordentlich Fahrt aufnimmt: die 4-Tage-Woche. Immer mehr Unternehmen machen durch eine Arbeitszeitreduktion von sich reden – und treffen den Nerv der Arbeitnehmer: Eine Untersuchung der AK OÖ brachte den Wunsch zu­tage, dass die meisten sich eine Arbeitszeitreduktion auf 36 Stunden pro Woche wünschen. Eine solche bietet seit März Elektro Kagerer aus Pasching seinen 140 Mitarbeitern – bei vollem Gehalt. Jeder Freitag ist frei. „Die Mitarbeiter sind mit dem Wunsch an uns herangetreten. Wir haben das jetzt testweise für ein Jahr mit dem Betriebsrat vereinbart und planen, es auch fortzuführen“, so Geschäftsführer ­Christian Ebner. Das Recruiting-Unternehmen epunkt lässt zumindest über die Sommermo­nate seine Mitarbeiter sogar nur 32 Stunden arbeiten und bezahlt weiter den Lohn für 40. Zudem kann im Juli und August von überall aus gearbeitet werden – etwa vom Feriendomizil in Griechenland oder vom Surfcamp in Portugal. Das New-Work-Team von PwC Österreich warnt jedoch: „Um der Belegschaft die Möglichkeit von Workation einräumen zu können, müssen rechtliche Rahmenbedingungen genau geprüft werden, denn im österreichischen Recht gibt es keine ausdrückliche Rechtsgrundlage dafür.“

Mobile Reiseberater

In einigen Branchen werden auch Freelancer wieder immer beliebter – aus der Not heraus, weil keine festen Arbeitskräfte zu bekommen sind, genauso wie für temporäre Projektarbeit. Darauf greifen jetzt auch eher untypische Branchen zurück wie etwa der Reisevertrieb. Das erste System für mobile Reiseberatung in Österreich hat die joe24 ReiseGmbH mit Sitz in Linz mit ihren willweg-­Buchungsplattformen gestartet. Dafür wurde sogar ein eigenes Ausbildungskonzept entwickelt, das die Franchise-Verkäufer auf die Selbstständigkeit vorbereitet. In Österreich muss allerdings ein mobiler Reiseberater als Kleinunternehmer mit Befähigungsnachweis gemeldet sein.