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Sabine Adlbrecht, Enkelin des Firmengründers, mit Mann Ronald und Sohn Daniel als vierte Generation.
Familienunternehmen in vierter Generation: Sabine Adlbrecht (Enkelin des Firmengründers) mit Ehemann Ronald und Sohn Daniel.
Familienunternehmen in vierter Generation: Sabine Adlbrecht (Enkelin des Firmengründers) mit Ehemann Ronald und Sohn Daniel.
Bürgermeister gmbh

Hidden Champions: Warum sie so widerstandsfähig sind

25.09.2026 um 12:26, Klaus Schobesberger
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Was zeichnet heimische Marktführer aus? Beispiele wie Bürgermeister-Libellen und die aktuelle Forschung zeigen die Erfolgsfaktoren.

Das Gemüse steht kurz vor der Ernte, die Obstbäume und Jungtannen spenden Schatten und neben Bienen, die in ihren Stöcken fleißig ihrer Arbeit nachgehen, schwirrt auch so manche Libelle durch die Gegend. Und das passt perfekt, denn die beschriebene Oase  befindet sich am Werksgelände der Walter Bürgermeister GmbH, eines der weltweit führenden Hersteller von „Libellen“ und eines echten Hidden Champions. Libellen sind ­unverzichtbare Bestandteile der Messtechnik und finden etwa in Wasserwaagen ihren Einsatz. Doch was ist ein „echter Hidden Champion“ überhaupt? Eine eindeutige Zuordnung ist nicht einfach. Als „Erfinder“ des Begriffs gilt der deutsche Unternehmensberater und Wirtschaftsprofessor Hermann Simon. Für Simon ist der DACH-Raum jedenfalls „das“ Paradies für Hidden Champions. Der Grazer FH-Professor Georg Jungwirth, Österreichs Koryphäe im Bereich „Hidden Champion“-Forschung, hat mit Simon zusammengearbeitet. „Eine genaue Zahl, wie viele Hidden Champions weltweit aus dem DACH-Raum stammen, gibt es nicht, weil Hermann Simon nicht in allen Märkten Studien gemacht hat – eine ganz grobe Schätzung liegt bei etwa der Hälfte, rund 56 Prozent.“ 

Der DACH-Raum als globales Zentrum der Hidden Champions

Der DACH-Markt ist laut Simon also das globale Zentrum. Auffallend, so Jungwirth, ist außerdem, dass 61 Prozent aller Hidden Champions „Born Globals“ – also ab Gründung international tätig – sind, weil der heimische Markt schlicht zu klein ist. Ein Drittel internationalisiert sich erst später, nur wenige deutlich später. Als Beispiele nennt er unter anderem WolfVision, der mit High-End-Visualizern eine enge Nische bedient, oder Anton Paar, der bei der Dichtemessung von Flüssigkeiten weltweit führend ist und mittlerweile die 300-Millionen-Euro-Umsatzgrenze überschritten hat, die für Jungwirths österreichische Definition von Hidden Champions gilt. Es gibt sie in allen Branchen: die Doppelmayrs, Binders+Co, Pollmanns, Königs oder Frequentis. Sie verbindet laut Jungwirth vor allem eines: die Suche nach der Nische, in der die großen Konzerne kein Interesse haben, mitzuspielen.


 

Mein Großvater war einer der allerersten Kunden, der bei Ludwig Engel eine Spritzgussmaschine kaufte. Engel ist heute weltweiter Technologieführer in diesem Segment.

Sabine Adlbrecht Kaufmännische Geschäftsführung Walter Bürgermeister GmbH

 

Von der Wasserwaage zum Bergepanzer: Präzisionslibellen aus Oberösterreich

Eine solche fand Walter ­Bürgermeister. Bis zu 80.000 Stück verlassen täglich die Werkshallen in Kirchberg-Thening (OÖ), die Jahreskapazität beträgt 20 Millionen Stück. Kein anderer Hersteller weltweit schafft das in dieser Präzision und Qualität. Die Wasserwaage ist der wohl prominenteste Einsatzbereich einer solchen Libelle, aber bei Weitem nicht der einzige. Sie finden sich in Kamera-Stativen, Krankenhausbetten, Fahrrädern oder Bildschirmen. „Mein Großvater hat auf die Frage, für was man Libellen bräuchte, stets geantwortet: ‚Haben Sie einen Bergepanzer?‘“, schmunzelt Sabine Adlbrecht, die seit 2015 mit ihrem Mann Ronald die Geschäfte führt und Einblicke in die Familiengeschichte gibt.
 

Walter Bürgermeister: Vom Vertriebenen zum Hidden Champion

1946 wurde Walter Bürgermeister als Sudetendeutscher, der aus der Kriegsgefangenschaft kam, aus seiner alten ­Heimat Nordböhmen vertrieben. Ein Teil seiner Familie war bereits in Linz und so kam er in die Stahlstadt. Doch auch hier ­hätte man ihm das Bleiberecht fast verweigert. „Der Bruder meines Großvaters war aber Sekretär des Landeshauptmanns und der erfuhr, dass sich sein Bruder ansiedeln dürfe, wenn er ein produzierendes Gewerbe ausüben würde.“ So kam ­Walter Bürgermeister in eine Siedlung, die von „Gablonzern“ bewohnt war. Die nordböhmische Stadt Gablonz stand jahrzehntelang für beste Glaskunst. Einer der weltweit Bekanntesten aus dieser Gegend war Daniel Swarovski, der zum Schutz ­seiner Erfindung 1895 nach Wattens zog. Noch heute erinnert die „Gablonzerweg“ in Linz an die einstige Siedlung der böhmischen Emigranten.
 

Walter Bürgermeister GmbH war eine der ersten Kunden von Engel Spritzgießmaschinen
Zwei Hidden Champions vereint: Walter Bürgermeister, Pionier der Libellenproduktion, gehörte zu den ersten Kunden von ENGEL Spritzgießmaschinen.

Pioniergeist im Spritzguss: Walter Bürgermeister und Engel Austria

Der gelernte Automechaniker Walter Bürgermeister und seine Frau ­begannen nun mit Unterstützung ihrer Nachbarn aus der Glasbranche mit der Wasserwaagen-Reparatur. Bis in die 1960er Jahre produzierte die Familie Glaslibellen, dann kam Kunststoff hinzu. Das Geschäft wuchs und damit auch der Maschinenpark. „Mein Großvater war einer der allerersten Kunden, der bei Ludwig Engel eine Spritzgussmaschine kaufte. Engel ist ­heute weltweiter Technologieführer in diesem Segment.“ Bis heute setzt man, neben Eigenkonstruktionen, auf den Schwertberger Maschinenbauer. Mit der neuen Technologie bekam das Unternehmen Rückenwind. Die Walter ­Bürgermeister  GmbH produzierte neben Libellen nun auch Glasperlen oder die damals bei Kindern extrem beliebten und heute als Kultspielzeug gesammelten Plastikfiguren, die in Kaffeepackungen zu finden waren.


 

Wir beliefern direkt oder indirekt fast alle ­Länder der Welt. 99,9  Prozent unserer Produkte werden exportiert.

Ronald Adlbrecht Technische Geschäftsführung Walter Bürgermeister GmbH

 

99 Prozent Exportquote: Der Sprung auf den Weltmarkt

In den 1990ern kamen Sabine und Ronald Adlbrecht ins Unternehmen. „Mein Großvater ging nie in Pension. Er wurde 95 Jahre alt und war bis zum Schluss in der Firma.“ Mit Ronald Adlbrecht gelang die Expansion in englischsprachige Märkte. Mit Stanley (heute Stanley Black & Decker) kam ein riesiger US-Kunde dazu. „Wir beliefern direkt oder indirekt fast alle Länder der Welt. 99,9  Prozent unserer Produkte ­werden exportiert“, so Ronald Adlbrecht. Einer der wenigen Kunden in Österreich ist Palfinger. Mit diesem Wachstumsschub stieß man in Linz an seine baulichen Grenzen und baute schließlich 2015, nach dem Tod des Gründers, in die ­grüne Wiese einige Kilometer außerhalb der Landeshauptstadt. 
 

Präzision schlägt Billigimport: Warum China keine Chance hat

Doch wie hält man sich in einem Markt, der von Produkten mit eher geringen Stückpreisen dominiert wird? Ist das nicht die Domäne der Chinesen? Ist sie nicht, denn „chinesische Anbieter ­können keine gleichbleibende Qualität liefern. Die ist aber wichtig, denn meist wird die Libelle etwa in einer Waage oder anderen Produkten verbaut und dann erst kontrolliert. Ist die ­Libelle dann nicht korrekt, muss man die gesamte Waage ausscheiden und das ist teuer“, schildert Urenkel und Techniker Daniel Adlbrecht. Die Produktion gleicht einem Labor – extreme Sauberkeit, keinerlei Geruch des hochreinen Plastik­granulats. Man hat das Gefühl, in einem Reinraum der Tech­industrie zu stehen. Präzision ist Trumpf des Unternehmens: „Wir produzieren Messtechnik, nicht Schätztechnik. Bei uns geht es um Tausendstel.“ Diese Präzision ist nicht das einzige Schutzschild gegen Billigkonkurrenz, sondern auch die einzigartigen Produktions- und Test­maschinen Marke Eigenbau.


 

Wir produzieren Messtechnik, nicht Schätztechnik. Bei uns geht es um Tausendstel.

Daniel Adlbrecht Urenkel des Gründers | Techniker Walter Bürgermeister GmbH

 

Familienunternehmen vs. Konzern: Know-how-Schutz durch Vertrauen

Ronald Adlbrecht sieht nicht zuletzt die Familienstruktur an sich als ­aktiven Know-how-Schutz. „Als Familie muss man immer in Bewegung bleiben und investieren. Entscheidungen werden schnell gefällt, und es gibt keinen Wasserkopf. Wir müssen uns auch viel mehr um unsere Mitarbeiter bemühen als ­große Konzerne.“ Dass gerade die viele Fachkräfte absaugen, stößt ihm sauer auf. „Das ­ruiniert den Wettbewerb und wenn es den Konzernen dann schlecht geht, setzen sie die Leute von heute auf morgen vor die Tür. Unsere Mitarbeiter wissen, was sie an uns haben.“ Zum Beispiel ihre eigenen Christbäume, die im Garten hinter den Werkshallen wachsen.

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