Frauen-Power

Frauen erobern die Spitzen mächtiger Institutionen und verändern die Welt der Finanzen und Wissenschaft mit Know-how und Entschlossenheit. Ganz vorne dabei: Christine Lagarde (65). Die smarte, hochgewachsene Politikerin ist seit November 2019 die erste Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt. Davor war die bestens vernetzte Juristin Chefin des Inter­nationalen Währungsfonds (IWF) und Finanzministerin Frankreichs. Die Mutter zweier erwachsener Söhne zählt zu der handverlesenen Liga der „Super Women“, die in ihren Positionen mehr als nur neue Akzente setzen. Lagarde, die mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (62) und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (66) per Telefon oder SMS in Kontakt steht, sucht Verbündete für eine andere Politik. Sie holt Frauen in den bisher ausschließlich von Männern besetzten 25-köpfigen EZB-Rat und setzte das Thema „Klimawandel“ ganz oben auf die Agenda der EZB. Lagarde sieht sich selbst als Eisbrecherin – und sie bringt mit ihrer unorthodoxen Denkweise und ihrem Führungsstil frischen Wind in die Institution.

Kämpferin

Lagarde ist nicht die einzige Frau in einer Top-Position der wichtigsten Finanzinstitutionen der Welt. Man kann inzwischen fast von einer Frauen-Bewegung in den mächtigen multilateralen Organisationen der Welt sprechen. Auf den Chefposten der Welthandelsorganisation WTO rückte im Februar Ngozi Okonjo-Iweala (66). Die resolute Ökonomin ist nicht nur die erste Frau als Generaldirektorin der wichtigen Handelsorganisation mit Sitz in Genf, sondern auch die erste Afrikanerin. Die Entwicklungsexpertin ist vierfache Mutter, ist mit einem Neurochirurgen verheiratet und studierte an den US-Eliteuniversitäten Harvard und Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie die WTO zu reformieren und den Einfluss der Organisation zu stärken gedenkt. Schon als ehemalige Finanzministerin und Außenministerin Nigerias erwarb sie sich den Ruf einer zupackenden und energischen Reformerin und Kämpferin gegen die Korruption. Sie drückte die Privatisierung des staatlichen Telekomkonzerns durch, führte erfolgreich Verhandlungen um einen Schuldenerlass und entkoppelte den Erdölpreis vom Staatshaushalt Nigerias, wofür sie viel Lob erhielt.

Verändern

Auch die Nachfolgerin Lagardes beim IWF ist mit Kristalina Georgiewa (67) wieder eine Frau. Die Bulgarin ist die erste IWF-Chefin aus einem Schwellenland. Sie ist studierte Umweltökonomin, war zuvor Universitätsprofessorin, dann bei der Weltbank als Umweltdirektorin und bei der Europäischen Kommission tätig. Ihr Engagement gilt dem Aufbau einer grüneren und gerechteren Weltwirtschaft nach der Corona-Krise. „Eine Krise dieses Ausmaßes ist auch die einmalige Chance, die Welt voranzubringen und das Wachstum nachhaltiger, gerechter und tatsächlich intelli­genter zu gestalten“, sagte sie dem Magazin „Bloomberg Markets“. Was uns zur mächtigsten Frau der Welt führt.

Frauenpower

Die neue Frauen-Power hat mit der ehemaligen Fed-Chefin auch ins Weiße Haus Einzug gehalten. Janet Yellen (74) ist die erste Finanzministerin der USA. Sie ist eine entschiedene Befürworterin massiver staatlicher Untersützungsprogramme. Sie wirbt mit einer globalen Mindeststeuer auf Unternehmensgewinne für eine gerechtere Wirtschaft und steht US-Präsident Joe Biden zur Seite bei seinem engagierten Klima-Infrastrukturprogramm für saubere Energie, in das eine Billion US-Dollar fließen soll. Mit IWF, EZB, WTO und dem U.S.  Treasury sind inzwischen wesentliche Schaltstellen der globalen Wirtschaftspolitik in Frauenhand.

Gerechtigkeit

Die Erwartungen, dass der Kapitalismus dadurch ge­rechter wird, ist hoch. Zu Recht oder Wunschdenken? „Einerseits ist belegt, dass Frauen tendenziell mehr Wert auf Umverteilung legen und politische Maßnahmen für soziale Absicherung fördern. Andererseits zeigt sich, dass Frauen, die es bis ganz nach oben schaffen, im Schnitt den Männern ähnlicher sind als die weibliche Gesamt­bevölkerung. Das liegt am starken Selektionsprozess, wo gewisse Charakteris­tika verlangt werden. Das heißt, eine weib­liche Managerin hat oft mehr Ähnlichkeiten mit männlichen Kollegen als mit einer durchschnittlichen Frau“, sagt die Ökonomin Monika Köppl-Turyna im Interview.

Newcomerinnen

Andererseits nimmt der Einfluss von Volkswirtinnen auf die Politik zu. Ein Beispiel ist Gita Gopinath (49). Die mehrfach ausgezeichnete Akademikerin lehrte an der Harvard University, wurde noch von Lagarde zum IWF geholt und ist nun die Chef-Ökonomin der Organisation. Sie untersucht die Folgen der Corona-Pandemie und warnt vor ihren Auswirkungen auf Niedrigverdiener, jüngere Menschen und Frauen.

Krisenmanagerin

Gerade die Corona-Krise hat auch exzellente ­Frauen wie BioNtech-Gründerin Özlem Türeci ins Scheinwerferlicht gerückt. Oder Kate Bingham: Die 55-jährige ­Bankerin und Biochemikerin rettete als erfolgreiche Impfkoordinatorin ihrem Premier Boris Johnson wahrscheinlich den Job. Im Unterschied zur zögerlichen EU-Kommission schloss Bingham – ausgestattet mit einem gewaltigen Budget und umfassenden Freiheiten – von ihrem Homeoffice in Wales aus bereits früh Verträge mit aussichtsreichen Impfstoff-Herstellern ab. „Nicht der Preis war entscheidend, sondern wie effektiv und wie schnell sie verfügbar sind“, erklärt Bingham, die jahrelang in der Risikofinanzierung gearbeitet hat.

Monika Köppl-Turyna, ­Direktorin von EcoAustria

"Viel zu viele brillante Frauen werden übersehen"

Monika Köppl-Turyna, ­Direktorin von EcoAustria, über Frauen in ­Spitzenpositionen und zu der Frage, ob die neuen mächtigen Frauen in der Hochfinanz den Kapitalismus ändern werden.

CHEFINFO: Brillante Frauen in der Ökonomie hat es immer schon gegeben. Doch erst kürzlich wurden viele Spitzenpositionen mit Frauen besetzt. Hat sich das Umfeld geändert – oder der Zugang der Frauen zur Macht?
Monika Köppl-Turyna: Dass wir heute viel mehr Frauen in Machtpositionen haben, ist ein Ergebnis jahrzehntelangen Kulturwandels – unterstützt durch Institutionen, Vorreiterinnen und den Ausbau der Kinderbetreuung. Dennoch: In vielen Regionen gibt es starken Aufholbedarf. Gerade im ländlichen Raum ist es nach wie vor sehr schwierig, dass beide Partner Vollzeit arbeiten können – ob als Ökonominnen oder auch nicht.

CHEFINFO: Viele erwarten einen anderen, zukunftsgerichteten Kapitalismus. Zu Recht oder Wunschdenken?
Köppl-Turyna: Einerseits ist belegt, dass Frauen tendenziell mehr Wert auf Umverteilung legen und politische ­Maßnahmen für soziale Absicherung fördern. Man vermutet, dass es eben daran liegt, dass sie hier kinderbedingt für eine Absicherung der Mütter am Arbeitsmarkt plädieren. Das würde wohl dafür sprechen, dass mehr Frauen in Top-Positionen einen Wandel in diese Richtung bedeuten könnten. In manchen Fällen geben Länder mit mehr Frauen in der Politik mehr Geld für ­Bildung und Soziales aus, aber nicht überall. Das liegt wohl an der zweiten Erkenntnis aus der Wissenschaft: Frauen, die es bis ganz nach oben schaffen, sind im Schnitt den Männern ähnlicher als die weibliche Gesamtbevölkerung. Das liegt am starken Selektionsprozess, wo gewisse Charakteristika verlangt werden. Das heißt, eine weibliche Managerin hat oft mehr Ähnlichkeiten mit männlichen Kollegen als mit einer durchschnittlichen Frau.

CHEFINFO: Welche Frauen finden Sie aktuell besonders beeindruckend?
Köppl-Turyna: Am beeindruckendsten finde ich Pionierinnen, die sich in einem deutlich schwierigeren Umfeld durchsetzen mussten. Etwa die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner, die 48 mal (!) für den Nobelpreis nominiert wurde, bekommen hat ihn ihr Kollege Otto Hahn. Mehr Glück hatte Maria Skłodowska-Curie. Sie ist bis heute die einzige Person mit zwei Nobelpreisen für zwei Fächer. Aber viel zu viele brillante Frauen wurden in der Vergangenheit übersehen. Das gilt leider auch noch für die Gegenwart.

CHEFINFO: Wird sich der Frauen-Trend bei ­Börsen-Unternehmen durchsetzen?
Köppl-Turyna: Da ist die Literatur nicht ganz klar: Manche Studie weisen darauf hin, dass Unternehmen mit mehr Frauen im Vorstand erfolgreicher sind: z. B., dass sie höhere Gewinne erzielen oder sich der Börsenkurs verbessert. Manch andere berichten vom Gegenteil oder von gar keinen Effekten. Das Letztere kann eben an dem liegen, dass wie gesagt erfolgreiche Frauen erfolgreichen Männern gar nicht so unähnlich sind. Interessanterweise legen auch Studien nahe, dass Frauen in Top-Positionen sich nicht für mehr Frauen einsetzen.

 

Autor: Klaus Schobesberger, 14.06.2021