Energie AG: Leonhard Schitter über die Energiewende
Herr Schitter, welche Lehren zieht die Energie AG aus den Wetterextremen im Sommer?
Leonhard Schitter: Die extreme Hitze und Trockenheit belasten Mensch, Natur, aber auch die Energiewirtschaft massiv. Für die Energie AG bedeutet das konkret: Nach einem Produktionsrekord bei der Wasserkraft vor zwei Jahren erleben wir heuer das schlechteste Jahr der Unternehmensgeschichte. Trotz dieser Dramatik konnten wir die Stromversorgung jederzeit zu 100 Prozent sichern. Aber eines ist klar: Wir befinden uns in einer klimatischen Zeitenwende, die uns zeigt: Wir müssen jetzt alle gemeinsam handeln.
Stehen uns die herausfordernden Jahre also noch bevor?
Leonhard Schitter: Ja, unser Energiesystem ist auch durch den Klimawandel einer enormen Belastungsprobe unterzogen. Gleichzeitig müssen wir die Erneuerbaren integrieren, die Netze ausbauen und die Flexibilitäten schaffen, um den Ausgleich zwischen Erzeugung und Verbrauch bei Industrie und Privaten dauerhaft zu sichern. Das wird uns noch massiv fordern. Die vergangenen Krisen haben wir gelöst, aber die wirklich spannenden Zeiten kommen jetzt erst.
Speicher als Schlüssel zur Versorgungssicherheit
Der ehemalige E-Control-Chef Walter Boltz fordert eine radikale Forcierung jeder Art von Speicher. Stimmen Sie zu?
Leonhard Schitter: Ja, Speicher sind das notwendige Bindeglied zwischen Erzeugung und Verbrauch. Wir setzen auf alle drei Kerntechnologien: Batteriespeicher, wie unser kürzlich in Timelkam in Betrieb genommener Großspeicher, reagieren in Sekunden, während Pumpspeicher – wie das Projekt „Ebensee“ – große Strommengen über längere Zeiträume verschieben können. Als drittes Medium setzen wir auf Wasserstoff. Um Erzeugung und Verbrauch über Tages- und Jahreszeiten hinweg auszugleichen, kombinieren wir diese Speicher mit einem intelligenten Lastmanagement.
Welche Rolle spielt dabei die E-Mobilität?
Leonhard Schitter: Noch vor drei Jahren war die Energie AG bei diesem Thema nicht präsent. Durch den gezielten Zukauf eines Unternehmens sind wir heute bei den Ladepunkten die Nummer eins in Österreich. Die E-Mobilität ist für uns nicht nur ein Hebel zur Dekarbonisierung des Verkehrs, sondern der Einstieg in ein hoch spannendes Digitalisierungsthema. Es geht darum, wie wir die Batterie- und Speicherthematik intelligent zusammenschalten, um daraus neue, innovative Kundenprodukte zu entwickeln.
Ist eine Strompreisexplosion wie im Jahr 2022 denkbar?
Leonhard Schitter: Die damalige Krise wurde durch die Abhängigkeit von russischem Gas ausgelöst. Um so ein Szenario für die Zukunft zu verhindern, investieren wir als Energie AG massiv in unsere Unabhängigkeit – insbesondere von fossilen Importen. Unabhängig von den Preisschwankungen internationaler Strommärkte zu werden, ist unsere strategische Ausrichtung und letztlich auch eine Frage der Versorgungssicherheit.
Windkraft, Sicherheit und kritische Infrastruktur
Im Kobernaußerwald werden wegen einer Bundesheer-Flugzone nur neun statt 18 Windräder gebaut, zudem sind Windkraftanlagen oft umstritten.
Leonhard Schitter: Kraftwerke sind sichtbare Infrastruktur, die unseren Wohlstand sichert. Dabei gibt es immer Interessenkonflikte, die man ausgleichen muss. Wir würden im Kobernaußerwald gerne mehr Windräder bauen, haben aber bereits viele weitere Projekte in der Pipeline. Jede Anlage bringt uns der Energiewende näher. Wir müssen verstehen: Die Energiewende ist heute längst kein reines Klimaschutzthema mehr. Sie sichert unseren Wirtschaftsstandort, wirkt als Wirtschaftsmotor und ist vor allem eine Frage der nationalen Sicherheit.
Kürzlich haben Sie an einer umfassenden Bundesheer-Übung am stillgelegten Kraftwerk Riedersbach teilgenommen. Warum?
Leonhard Schitter: Energie ist eine Machtfrage und wird international auch als Waffe eingesetzt. Unsere Anlagen sind kritische Infrastruktur und angesichts des Ukraine-Kriegs sowie zunehmender hybrider Angriffe in Europa – ob digital oder durch Drohnen – ein potenzielles Ziel. Wir müssen uns vor einer Krise vorbereiten, nicht erst wenn diese voll ausgebrochen ist. Bei der Übung in Riedersbach ging es auch darum, das Zusammenspiel zwischen Betreiber und Bundesheer zu proben.
Die Energiewende verlangt einen neuen Energiemix
Ein Stromsystem stabil zu halten, das rein aus erneuerbaren Energien gespeist wird – fehlt uns dafür nicht die Erfahrung?
Leonhard Schitter: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an, aber das Ziel steht fest: Bis 2030 müssen wir laut Gesetz in Österreich bilanziell 100 Prozent erneuerbaren Strom im Verbrauch haben. Genau dafür bauen wir das System mit dem nötigen Mix aus Erzeugung, Speichern und Netzen um, damit es trotz der volatilen Einspeisung stabil und verlässlich bleibt.
Und das wird funktionieren?
Leonhard Schitter: Ja, wir produzieren und arbeiten bereits unter Fast-100-Prozent-Bedingungen. Allein in den vergangenen 15 Jahren haben wir in Österreich rechnerisch die fünffache Kapazität des Kernkraftwerks Zwentendorf an Windkraft zugebaut und decken aktuell 95 Prozent des Stromverbrauchs aus Erneuerbaren. Großbatteriespeicher, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab, drängen massiv in den Markt. Wir beherrschen das nötige Last- und Energiemanagement und bauen als Erste in Österreich mutig eine Wasserstoffleitung, weil wir das Know-how dafür besitzen. Die größte Hürde bleibt die Zeit: Wenn eine Hochspannungsleitung wie in Salzburg 25 Jahre bis zur Fertigstellung braucht, ist das eine Zeit, die wir schlicht nicht haben. Wir müssen bei den Verfahren schneller werden.
Wurde dafür nicht das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz beschlossen?
Leonhard Schitter: Neue Gesetze sind ein wichtiger Schritt, sie müssen sich jetzt aber im Realitätscheck beweisen. Die Energiebranche investiert so viel wie nie zuvor und hat extrem viele Projekte in der Pipeline. Um diese schnell zu realisieren, müssen aber auch die Behörden für die Genehmigungsverfahren entsprechend mit Personal aufgestockt und besser ausgestattet werden. Ohne diese Ressourcen kann kein Gesetz die gewünschte Wirkung entfalten. Die Energiewirtschaft denkt in Dekaden und baut Projekte für Generationen. Wenn Genehmigungsverfahren jedoch Jahre oder Jahrzehnte dauern, verlieren wir Zeit, die uns nicht mehr zur Verfügung steht.
Wenn eine Hochspannungsleitung wie in Salzburg 25 Jahre bis zur Fertigstellung braucht, ist das eine Zeit, die wir schlicht nicht haben. Wir müssen bei den Verfahren schneller werden.
Investitionen in Erneuerbare und Netze
Durch die niedrige Wasserführung müssen Energieversorger teuren Strom zukaufen, was die Gewinne in der Bilanz schmälert. Droht der Energie AG ein schlimmeres Jahresende als im Vorjahr?
Leonhard Schitter: Klar ist: Die Wasserkraft bleibt das Rückgrat unserer Stromproduktion, reicht allein aber sicher nicht mehr aus. Wir brauchen einen ausgewogenen Mix aus Wasser, Wind und Sonne, kombiniert mit Speichern und modernen, strapazierfähigen Netzen. Während in den USA auf fossile Energien nach dem Motto „Drill, baby, drill“ gesetzt wird, muss unsere Antwort in Europa ganz klar lauten: „Build, baby, build!“ Es braucht einen Energiepakt zwischen Wirtschaft, Politik und der Bevölkerung. Das bedeutet auch, dass wir konsequent Ja zum Ausbau der Erneuerbaren sagen müssen – und zwar dauerhaft.
Bis 2040 wird sich der Stromverbrauch in Österreich verdoppeln. Was bedeutet das für die Energieversorger?
Leonhard Schitter: Das bedeutet, wir müssen in den nächsten 15 Jahren in Österreich so viel Stromkapazität zubauen wie in den gesamten vergangenen 140 Jahren seit Inbetriebnahme des ersten Kraftwerks. Bis 2035 wollen wir als Energie AG unsere eigene Stromerzeugung um 1,2 Terawattstunden verdoppeln – das entspricht genau der Menge, die wir in unserer gesamten bisherigen Unternehmensgeschichte aufgebaut haben. Die Energiewende ist das größte Investitionsprojekt der Zweiten Republik. Entgegen der Annahme vieler ist nicht die Elektromobilität der Haupttreiber für diesen enormen Hunger nach Strom, sondern die Wasserstofferzeugung und die Elektrifizierung industrieller Prozesse. Wohin diese Reise bei Digitalisierung und Produktion geht, zeigen uns heute schon Länder wie China.
Wie lange muss die Energie AG noch Gas zur Netzstabilisierung nutzen?
Leonhard Schitter: In der aktuellen Trockenperiode mussten wir unser Gaskraftwerk Timelkam vereinzelt zuschalten. Das freut uns nicht, war zur Versorgungssicherheit aber notwendig. Unser Ziel ist klar: Bis 2035 investieren wir vier Milliarden Euro – jeweils zur Hälfte in den Ausbau der Erneuerbaren und in die Netzinfrastruktur. 1,3 Milliarden Euro davon haben wir in den vergangenen drei Jahren bereits verbaut, um Schritt für Schritt unabhängig zu werden. Der technologische Fortschritt hilft uns massiv. Bei der Windkraft verzeichnen wir zuletzt eine Verdreifachung, bei der Photovoltaik sogar eine Verzehnfachung. Es geht also enorm viel weiter. Angesichts der extremen Hitzebilder in diesem Sommer dürfen wir bei dieser Geschwindigkeit jetzt einfach nicht nachlassen.
Transformation der Energiewirtschaft
Früher war der Top-Job bei einem Landesenergieversorger eine eher ruhige Angelegenheit. Sehen Sie sich aktuell als Krisenmanager einer volatilen, politisierten Dauerbaustelle?
Leonhard Schitter: Ich sehe mich als Mitglied eines großen Teams, das die Chance und die Freude hat, die Energiezukunft und die wirtschaftliche Stabilität für die nächsten Generationen zu sichern. Krisenmanagement ist ein Teil davon.
Sind die enormen Veränderungen in Ihrer Branche vergleichbar mit dem Wandel in der Autoindustrie?
Leonhard Schitter: Die Transformation ist real und wir stellen uns konsequent darauf ein. Ein Beispiel: Das gesamte Lastmanagement funktioniert heute völlig anders als noch vor wenigen Jahren. Wir wickeln mittlerweile komplexe, direkt an Kraftwerke gekoppelte Abnahmeverträge ab, die wir für Industriebetriebe permanent live aussteuern müssen. Unser Handelssystem hat sich zu einem hochkomplexen Energiemanagementsystem entwickelt. Wir nutzen dafür KI-gestützte Tools. Wir lernen und implementieren diese neuen Fähigkeiten jetzt laufend. Die Energiewirtschaft stellt sich breit auf – bis hin zur Telekommunikation. Wenn wir diese Bereiche schlau vernetzen, hat die Energie AG hervorragende Perspektiven.
Sparen trotz hoher Investitionen
Regierungsmaßnahmen kosten die Energie AG jährlich 40 Millionen Euro. Ist Ihr internes Sparprogramm die Notbremse darauf?
Leonhard Schitter: Man kann von uns nicht Höchsttempo bei den Investitionen fordern und uns gleichzeitig Geld entziehen, das dann im Bundesbudget landet. 40 Millionen Euro jährlich bedeuten auf fünf Jahre gerechnet genau die Summe, die uns für ein Großprojekt wie das Kraftwerk Traunfall fehlt. Dennoch müssen wir uns mit diesen Realitäten arrangieren. Wir müssen unsere Ausbaupläne so aufsetzen, dass sie trotz allem wirtschaftlich umsetzbar bleiben. Unser seit Jahresanfang laufendes Performance-Programm hilft uns dabei, Kosten konsequent zu prüfen und interne Verbesserungspotenziale zu heben.
Wird die Energie AG Mitarbeiter entlassen müssen?
Leonhard Schitter: Nein, im Wesentlichen geht es darum, Sachaufwände zu überprüfen und Investitionen für die nächsten Jahre anders zu priorisieren. Zudem prüfen wir durch die fortschreitende Digitalisierung sehr genau, ob wir Stellen von Kolleginnen und Kollegen, die in Pension gehen, noch in diesem Maße nachbesetzen müssen oder ob digitale Prozesse diesen Bedarf bereits abdecken.
Eigentümer und Zukunft der Energie AG
Stehen die Eigentümer, das Land Oberösterreich und zwei große Banken, hinter Ihnen und dem aktuellen Kurs?
Leonhard Schitter: Ja, die Eigentümer haben ein großes Interesse an unseren Investitionen in die Energiewende, da sie ein klares Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Oberösterreich sind. Jeder Euro, den wir investieren, kommt mehrfach zurück: Allein beim Projekt „Ebensee“ bringt jede investierte Million Euro einen regionalen Wirtschaftseffekt von 460.000 Euro. Diesen Weg tragen unsere Eigentümer voll mit.
Ihr Vertrag bei der Energie AG soll vorzeitig verlängert werden. Gleichzeitig wurde spekuliert, dass Sie der Chefposten beim Verbund reizen würde. Ist da etwas dran?
Leonhard Schitter: Ich habe mich gerade für eine weitere Vorstandsperiode bei der Energie AG beworben und tue das mit großer Freude. Mein Fokus ist und bleibt Oberösterreich.