Bier und Startup-Spirit
Das markanteste Design-Element im neuen Brau Union Campus im Quadrill Tower sind die Kupferrohre an den Wänden. Sie sind eine Referenz an die alten Sudkessel und ziehen sich als gestalterisches Band durch die Räumlichkeiten. Diese „Bier-Leitungen“ verbinden offene Arbeitsbereiche, Meetingräume und Lounge-Ecken miteinander. Flankiert wird das Design von 351 echten Bierfässern, die als Wandverkleidung oder Raumtrenner dienen. Das New-Work-Konzept der X Architekten soll österreichische Brautradition mit offener, moderner Unternehmenskultur verknüpfen. Das Herzstück im „Haus Virginia“ bilden die Bars auf drei Etagen, gebrandet mit den Marken der Brau Union. Hans Böhm empfängt seine Gäste stilecht an der „Gösser-Bar“. Der 54-jährige Niederländer ist seit 2023 Vorstandsvorsitzender von Österreichs größtem Bierkonzern – und er weint dem alten Sitz in der Linzer Poschacherstraße keine Träne nach. Dort trennte ihn noch eine schwere Holztür vom Geschehen. „Das entspricht nicht meiner Arbeitsweise. Hier treffe ich an einem Tag mehr Kollegen als früher in zweieinhalb Jahren“, erklärt der gut gelaunte Chef.
Innovationstreiber
Der Herr über zwölf Brauereien und 2.600 Mitarbeitende hat heute weder ein eigenes Büro noch einen festen Schreibtisch. Motto: „Miteinander sprechen statt E-Mails schreiben“ – das erspart Umwege und beschleunigt Entscheidungen. Dass die Zentrale mit ihren 320 Beschäftigten nun in einem der wichtigsten Startup-Ökosysteme des Landes liegt, ist für Böhm nur logisch: In der Linzer Tabakfabrik rauchen heute Köpfe statt Zigaretten. Direkt nebenan im Heizhaus wird das Linzer Bier gebraut. Die kleine Brauerei dient dem Riesen als Innovationslabor. „Zuletzt haben wir hier ein Stout kreiert, aktuell tüfteln wir an einer alkoholfreien Version“, so Böhm. Innerhalb der niederländischen Heineken Gruppe, der die Brau Union seit 2003 angehört, verstehen sich die Österreicher als Innovationstreiber. Für Böhm ist die Entwicklung des Gösser Radlers ein Paradebeispiel: „Während meiner Zeit in den Niederlanden konnte ich miterleben, wie diese Idee des Radlers von Österreich aus die Welt erobert hat.“ Auch bei alkoholfreien Bieren, wie sie in der Brauerei Wieselburg entwickelt werden, spielten heimische Braumeister eine Schlüsselrolle – und gaben damit dem Mutterkonzern Heineken global wichtige Impulse.
Unser Ziel ist es, alkoholfreies Bier in der Gastronomie fest zu etablieren. Sobald es frisch vom Fass kommt, steigt der Absatz massiv.
Nullkommanull gezapft
Alkoholfreies Bier entwickelt sich zum Wachstumsmotor in einem insgesamt schrumpfenden Markt. Die Zahlen verdeutlichen den Generationenwechsel: Während rund 38 Prozent der Babyboomer regelmäßig zum Bier greifen, sind es bei der Gen Z nur noch 24 Prozent. Dieser Wandel spiegelt sich auch im allgemeinen Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich wider, der zuletzt auf 97,6 Liter sank. Die junge Generation ist mit ihrem Fokus auf einen bewussteren Lebensstil die treibende Kraft hinter alkoholfreien Alternativen. 2025 gibt bereits ein Drittel der Österreicher an, alkoholfreies Bier zu trinken. Das ist zwar ein historischer Höchstwert, aber in absoluten Zahlen liegt der Anteil bei nur vier Prozent, in den Niederlanden ist er mehr als doppelt so hoch. Für Böhm ist das Marktpotenzial enorm: „Unser Ziel ist es, alkoholfreies Bier in der Gastronomie fest zu etablieren. Sobald es frisch vom Fass kommt, steigt der Absatz massiv – bei ersten Testkunden konnten wir die Verkaufsmenge bereits mehr als verdoppeln.“ Bisher scheiterte der Ausschank oft an der Technik: Während der Alkohol im herkömmlichen Bier die Leitungen natürlich schützt, erfordert die alkoholfreie Variante eine spezielle Technologie zur Keimfreihaltung. „Als Teil einer internationalen Gruppe verfügen wir als derzeit einzige Brauerei in Österreich über dieses Know-how. Nur so garantieren wir absolute Frische und höchste Standards direkt vom Zapfhahn.“
Sonne schlägt Fußball
Innovationen wie diese sind überlebensnotwendig. „Wenn der Absatz wie im Vorjahr um sieben Prozent zurückgeht, müssen wir reagieren, um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern. Stillstand wäre fatal und würde langfristig zu weitaus größeren Problemen führen“, erklärt der Niederländer. Der starke Rückgang des Bierkonsums hat für Böhm vor allem zwei Ursachen: In unsicheren Zeiten achten die Konsumenten verstärkt aufs Geld, wodurch auch die gesamte Gastronomie unter Druck gerät. Ein zweiter Faktor war die Einführung des Einwegpfands, die besonders in den Grenzregionen zu Exportverlusten führte. In ganz Österreich verzeichnete man einen Rückgang des Dosenabsatzes um 30 Prozent. Aktuell hat sich die Gesamtlage bei der Brau Union stabilisiert; der Absatz liegt auf dem Niveau des Vorjahres. Für den weiteren Verlauf zeigt sich Böhm optimistisch: „Wir setzen auf einen guten Sommer und sportliche Highlights wie die Fußballweltmeisterschaft.“ Ein solches Turnier sorgt gewöhnlich für ein Plus von einigen Prozentpunkten während dieser Wochen. „Am Ende ist gutes Wetter für uns aber immer noch entscheidender als jedes Fußballspiel.“ Apropos Kosten: Trotz der gesellschaftlichen Bedeutung bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt. Auf die Frage, ob das Bier angesichts der Krise am Persischen Golf teurer wird, gibt Böhm vorsichtig Entwarnung: „Aktuell sind wir bei den Energiekosten gut abgesichert, sodass von unserer Seite momentan keine Preiserhöhungen geplant sind. Sollte die Krise jedoch langfristig anhalten, müssen wir die Situation neu bewerten“, erklärt der Manager.
Gastro unter Druck
Ein Drittel des Bierabsatzes entfällt auf die Gastronomie. Dass immer mehr Gasthäuser schließen müssen, bereitet dem „Brau Union“-Chef Sorgen. Gemeinsam mit seinen Branchenkollegen möchte er hier Initiativen vorantreiben. „Ich habe meine Frau selbst in der Gastronomie kennengelernt und weiß daher: Das Wirtshaus ist weit mehr als ein Lokal – es ist ein Treffpunkt für alle Schichten und ein Pfeiler unseres Miteinanders“, sagt Böhm. „Wenn Dörfer oder Stadtteile ihre Wirte verlieren und die Menschen nur noch zu Hause vor dem Smartphone sitzen, geht wertvoller sozialer Kitt verloren.“
Markt-Dominator
Die Brau Union dominiert mit rund 50 Prozent Marktanteil den heimischen Biermarkt. Deshalb sieht die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) ganz genau hin. Das laufende Verfahren vor dem Kartellgericht möchte Böhm nicht kommentieren. „Ein großer Marktanteil bedeutet auch eine große Verantwortung.“ Aber er legt Wert darauf, falsche Narrative zu korrigieren: „Wir sind ein österreichischer Betrieb mit bedeutender Wertschöpfung. Wir investieren massiv in Österreich – sei es in unser neues Büro und die Brauerei hier in Linz, das neue Lager in St. Florian oder in nachhaltige Mehrwegsysteme“, sagt Böhm.