Den Umgang in Form bringen
Inhalt
- Orientierung statt Belehrung
- Umgangsformen als Orientierungshilfe
- Das „Anti-Blamier“- Programm
- „Fett Respect, Alter“
- Benehmen als gesellschaftliche Grundlage
- Ende der Kultur?
er deutsche Schauspieler Oliver Hassencamp beklagte bereits in den 1960ern: „Umgangsformen sind Formen, die zunehmend umgangen werden.“ Damals war Social Media der Beatschuppen, Bildschirmzeit nannte man Schaufensterbummel, Tattoos waren ausschließlich Menschen, die „sitzen“ mussten, vorbehalten und Übergewichtige nannte man bewundernd: „Der ist gut im Saft.“ Noch nie klafften Generationen so auseinander wie derzeit. Der Kitt, der sie verbindet, – die Umgangsformen – verändert sich. Und so verändert sich, nicht zuletzt durch KI, der Bildungsbedarf. Soziale Skills und Benimmkurse sind so gefragt wie nie. Dahinter steckt kein „nice to have“, sondern ein Faktor, der über wirtschaftlichen Erfolg und Misserfolg entscheiden kann.
Orientierung statt Belehrung
Herwig Walker ist bei der Spedition Transdanubia für Recruiting, Einstellung und Betreuung der Lehrlinge an allen Standorten und in allen Berufen zuständig. „Von Kfz-Technik über Büro, Spedition bis IT“, so der ehemalige ÖFB-Teamtorhüter. Die klassische Lehrausbildung ist für ihn dabei heute weit mehr als das bloße Vermitteln von Fachwissen. „In Zusammenarbeit mit dem WIFI bieten wir verschiedene Seminare an, wo ganz alltägliche Skills und scheinbare Banalitäten, wie Grüßen, bis zur komplexeren Telefonkommunikation vermittelt werden.“ Es gehe dabei nicht um strikte Regeln, sondern viel globaler, um: „Persönlichkeitsentwicklung. Neben beruflichen Inhalten zählen Konfliktmanagement, Teambuilding und lösungsorientiertes Denken zu den zentralen Elementen, denn das brauchen alle, unabhängig vom Lehrberuf“. Dazu wird besonderes Augenmerk auf das Miteinander gelegt. Bei Transdanubia werden die Lehrlinge schon sehr früh in den Betrieb integriert. „Sie sind von Anfang an im Unternehmen. Daher sind richtige Umgangsformen für das Miteinander entscheidend.“ Es gibt aber durchaus Verständnis für die jungen Leute: „Viele unserer Mitarbeiter, die heute in Führungspositionen sind, haben selbst als Lehrlinge begonnen.“
Umgangsformen als Orientierungshilfe
Für Walker sind Persönlichkeitsdefizite keine, die nur Unternehmen betreffen, sondern „es sind generell gesellschaftliche Herausforderungen“. Er kann auch durchaus verstehen, dass jüngere Generationen sich in vielem und früher scheinbar Selbstverständlichen schwertun: „Die Jugend heute hat es nicht leicht. Soziale Medien prasseln auf sie ein, lenken ab und das merkt man im Betrieb. Deshalb brauchen sie vermehrt Leitlinien und Orientierung.“ Ziel der Persönlichkeitsentwicklung von Lehrlingen des Paschinger Frächters sei daher: „Ein selbstbewusstes Auftreten ohne Überheblichkeit. Es geht nicht nur um das, was gesagt wird, sondern um das Wie. Das macht einen riesigen Unterschied. Davon profitieren die jungen Menschen nicht nur im Beruf, sondern auch in der Familie und im Freundeskreis.“
Das „Anti-Blamier“- Programm
Ein Hort des guten Benehmens ist seit jeher die Tanzschule. Christoph Hippmann kennt das Geschäft wie die Sohle seiner Tanzschuhe. Der Inhaber der gleichnamigen Welser Tanzschule bietet auch Trainings für Lehrlinge an. „Das Programm ist ganz auf die Bedürfnisse der Firma zugeschnitten. Im Fokus steht bei mir immer, dass die Jugendlichen sehen, dass ihnen das Training etwas bringt.“ Hippmanns Workshops sind bewusst lebensnah gestaltet. „Wir reden über Grüßen, Begrüßen, Pünktlichkeit,
„Fett Respect, Alter“
Das Klischee, die jungen Menschen würden immer schlechtere Manieren haben, lässt Hippmann nicht gelten. „Das sehe ich nicht. Außerdem hängt es ganz stark vom Elternhaus ab.“ Es gäbe zwar Unterschiede zwischen Stadt und Land, aber das grundsätzliche Interesse an der Thematik sei gegeben. „‚Respect‘ aus der Hip-Hop-Kultur ist ja nichts anderes als Höflichkeit“, betont Hippmann und vergleicht das mit einem Video-Game: „Wenn du jemandem die Tür aufhältst, bekommst du Bonuspunkte. Das ist quasi Next Level.“ Next Level wie Krawatte binden. Auch das bringt er den jungen Menschen bei, die ihre neuen Skills nicht ohne Stolz meist gleich danach auf Social Media posten. Der höhere Zweck des Ganzen ist für Hippmann daher klar: „Es soll Spaß machen und wenn auch noch die Arbeit Spaß macht und das Miteinander gut ist, dann ist schon viel geschafft.“
Benehmen als gesellschaftliche Grundlage
Hippmann spricht Christine Unger von First Impression aus der Seele. Unger trainiert Firmen und Privatpersonen in guten Manieren sowie in Business-Etikette: „Gute Umgangsformen sind die Schmiere der gesellschaftlichen Interaktion.“ Stimmt diese Interaktion, stimmt die Chemie und somit auch das Arbeits- und das gesellschaftliche Klima. Geht das verloren, droht ein gewisser Kulturverlust. Unger arbeitet seit vielen Jahren auch mit Kindern und Jugendlichen, oft mit Lehrlingen und jungen Berufseinsteigern. Ihr Verhalten geht, so Unger, auf fehlende Vorbilder zurück: „Ich mache die Erfahrung, dass viele unsicher sind und sie vieles, was früher selbstverständlich war, nicht mehr von zu Hause mitbekommen.“ Die Vorbildwirkung der Eltern werde dabei massiv unterschätzt. „Wenn am Esstisch das Handy der Eltern liegt, ist alles verloren.“ Das ist in Unternehmen nicht anders: „Menschen kopieren Verhalten, also auch das des Chefs.“ Und schließlich führe das im globalen Kontext zu bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen: „Wenn man sich manch öffentliche Vorbilder wie etwa Donald Trump ansieht, dann ist das der Niedergang der Kultur.“
Ende der Kultur?
Basis der Kultiviertheit hingegen ist für Christine Unger u. a. der Smalltalk, den die Trainerin für Etikette, lehrt, weil „viele Menschen das nicht mehr können. Dabei ist Smalltalk notwendig, um ins Gespräch zu kommen – gerade in der Wirtschaft“. Beziehungen seien die Grundlage von Geschäften. „Man macht Geschäfte mit Menschen, mit denen man sich versteht.“ Zudem wirkt eine gute Atmosphäre ansteckend. „Das zahlt sich aus – für die Arbeitsatmosphäre, für die Produktivität und letztlich auch wirtschaftlich.“ Ein gutes Betriebsklima und Menschen, die gerne in die Arbeit gehen, reduzieren teure Fluktuation. Gesuchte Talente werden gebunden und ziehen weitere an. „Gerade in einer hochtechnologischen Zeit, in einer Zeit, in der KI in alle gesellschaftlichen Bereiche drängt, wird die Fähigkeit zur menschlichen Interaktion wichtiger. Die Technologie ist super, doch so richtig gut wird sie erst, wenn es ein neues Gleichgewicht zwischen Technologie und Mensch gibt. Technik soll durch menschliche Empathie, Wertschätzung und Menschlichkeit ergänzt werden.“ Für Christine Unger, Christoph Hippmann oder Herwig Walker ist das Investment in gutes Benehmen damit ein Investment in die Führungskultur. Es ist kein nostalgisches Relikt aus Knigges Zeiten, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. Unternehmen, die Orientierung geben, Vorbilder schaffen und zwischenmenschliche Kompetenzen fördern, verschaffen sich einen klaren Vorteil – ökonomisch wie kulturell.