Brown Fields: Aus Alt mach Neu

Zwanzig Jahre lang dämmerte das alte Milchtrockenwerk in Taufkirchen an der Pram nach seiner Schließung im Dornröschenschlaf dahin, bis die Industrie-Ruine von Christian Schano und Philip Kieslinger wachgeküsst wurde. Die beiden Schwager haben sich mit ihrem Immobilienunternehmen KSimmo GmbH auf Kauf und Vermietung von Liegenschaften spezialisiert. Eines ihrer ersten Projekte war gleich kein leichtes: Sie schufen aus der Industriebrache den Gewerbepark Pramtal, in dem bis dato zwanzig Mieter – von Jungunternehmer bis Innviertler-Traditionsbetriebe – Büros oder Lagerflächen angemietet haben. Im obersten Stockwerk soll noch eine Skybar entstehen.

Paradebeispiel für Neunutzung

Der Gewerbepark, der mit dem „#upperREGION Award“ ausgezeichnet wurde, ist ein Paradebeispiel für die Neunutzung von sogenannten Brown Fields, die auf eine neue Bestimmung warten. Die Standortagentur Business Upper Austria hat sich deren Vermittlung auf die Fahnen geheftet. So wurde heuer nicht nur erstmals der Award für die besten Revitalisierungs-Ideen ausgeschrieben, sondern auch eine Industrie- und Gewerbe­brachenerhebung gemacht. „Dabei wurden 277 Areale mit 110 Hektar erhoben“, berichtet Tanja Spennlingwimmer, Leiterin des Investoren- und Standortmanagements der OÖ Wirtschaftsagentur. Die Anzahl der Leerstände hätte sich im Vergleich zur Erhebung 2018 zwar erhöht (102 Areale mit 68 Hektar), allerdings nur, „weil die Erhebungskriterien geändert wurden, um noch mehr potenziell für eine Nachnutzung geeignete Objekte zu identifizieren und auch die Ortskernleerstände zu erfassen“, erklärt Spennlingwimmer. Die Erhebung, die künftig alle drei ­Jahre wiederholt werden soll, ergab, dass drei Viertel der Brachen in Betriebsbaugebieten zu finden sind, der größte Teil ist bis zu 10.000 Quadratmeter groß, 39 Prozent sind schon seit mehr als zehn Jahren ungenutzt. Die Erhebung zeigte auch, dass sich viele Gemeinden Hilfe bei der Umsetzung einer Neunutzung wünschen. „Wir unterstützen Eigentümer, Unternehmen und Gemeinden bei der Revitalisierung durch professionelle Beratung und Vernetzung mit Experten“, so Spennlingwimmer. „Außerdem begleitet unser interdisziplinäres Team bei der Ideenfindung und Konzeptentwicklung.“ Die leer stehenden Gebäude und Brachen werden nach Gesprächen mit den Eigentümern in der Standortdatenbank standortooe.at erfasst.

Transformation Projects

Wenn Unternehmen auf Standortsuche sind, bietet die Standortagentur laut Tanja Spennlingwimmer zuerst immer geeignete Brown Fields an. Auch Messen nutze man, um Bestandsobjekte internationalen Investoren und Projektentwicklern vorzustellen. „Der Trend nimmt stark zu. Unter dem Fachtitel ,Transformation Projects‘ werden diese ­Projekte stetig gefragter.“ 30 Prozent der 2018 erhobenen Brachen konnten so schon einer neuen Nutzung zugeführt werden.

Surfbretter in Dachstein-Werk

Die Liste der bereits wachgeküssten Dornröschen kann sich sehen lassen:  Die ehemaligen Dachstein-Werke in Molln werden von der Firma Boards & More GmbH genutzt. Die DRG Dicht- und Klebetechnik GmbH errichtete auf einem brachliegenden Gewerbegebiet in Lengau ein neues Werk. In der ehemaligen Kartonagenfabrik Schausberger in Gunskirchen hat Resch & Frisch Büro- und Produktionsflächen geschaffen. Das bekannteste Wiederbelebungsprojekt ist die Linzer Tabakfabrik. 2009 wurde hier die Produktion eingestellt, mittlerweile arbeiten nun 1.800 Personen in 250 Unternehmen oder Organisationen. Es wurde bereits viel renoviert und adaptiert. Zuletzt wurde das Kraftwerk als Mittelpunkt des Areals neu gestaltet. Auch in Steyrermühl wartet eine geschichtsträchtige Anlage auf ihre Wiederbelebung: die alte Papierfabrik. Seit der Übersiedelung des Unternehmens in das neue Werksgelände vor 30 Jahren stehen große Teile leer, einige wurden bereits abgerissen oder zumindest vermietet. Derzeit wird intensiv an der Ideenfindung für eine Nachnutzung gearbeitet.

Neues Stadtviertel entsteht

In Traun soll auf dem Graumann-­Areal sogar ein ganz neues Stadtviertel entstehen. In Neufelden wird die ehemalige Tischlerei Agfalterer schrittweise zum Businesspark Dynacenter umgebaut. Initiator Friedrich Agfalterer über seine Vision: „Im Business Center soll ein neuer Ort zum Arbeiten und Vernetzen entstehen. Durch angedachte Dienstleistungen wie die private Paket- oder Brief­annahme und die Bereitstellung von frischem Essen möchten wir ein Almost-Homeoffice schaffen.“ Ähnlich war die Idee in Sierning: Hier wurde unter dem Motto „Old School. New Work“ in der ehemaligen Kaiser-Franz-Joseph-Schule der ebenfalls mit dem „#upper­REGION Award“ ausgezeichnete Co-Working-Space „Das Franzi“ eröffnet. Ein Mega-Projekt hat sich auch Reinhard Kepplinger, Eigentümer von ­Grüne Erde, vorgenommen: Grüne Erde hat das Gelände des alten Sensenwerks Redtenbacher in Scharnstein erworben. Auf dem 60.000 Quadratmeter großen Areal mit 13 Gebäuden und viel Grünflächen soll in den nächsten zehn bis 15 Jahren der neue Grüne Erde-Campus entstehen. Kepplinger: „Die Gebäude dienten ursprünglich ganz anderen Zwecken. Es wird besonders herausfordernd, das große Gelände nach unseren Ideen zur zeitgemäßen Nutzung ­umzubauen, sodass das Ergebnis auch funktional ist.“ Doch auch wenn ein Neubau einfacher und sicher günstiger sei: „Das Ergebnis wird jedoch ‚wertvoller‘ sein.“

Täglich 13 Hektar zugebaut

Dass man sich durch die ­Adaptierung sogar etwas gespart hat, davon ist Michael Mayrböck, kaufmännischer Leiter der OTN GmbH, überzeugt: „Die Industrie­brache erwies sich in vielen Punkten als äußerst zweckmäßig, wodurch wir Sozialtrakt, Gastronomie, aber auch Büros im Altbestand untergebracht haben. Diese Räumlichkeiten mussten somit in der neuen Fabrik nicht mehr gebaut werden. Wir haben zudem eine Fläche zur Vermietung geschaffen.“ OTN-Gründer Johann Nußbaumer kaufte die Liegenschaft der Firma BISO Schrattenecker in Reichersberg, die zuvor vier Jahre leer stand. Hier entsteht derzeit für 40 Millionen Euro ein KTL- und Pulverbeschichtungswerk.
Brown Field statt Green Field – Bodenversiegelung und Flächenfraß einzudämmen, wird seit Jahren von Umweltschützern angemahnt. 2019 wurden laut WWF Österreich täglich 13 Hektar Wiesen und Äcker für Straßen, Siedlungen, Shoppingcenter und Industriehallen verbraucht. Das ist das Fünffache des Zielwertes von 2,5 Hektar pro Tag, den man sich eigentlich in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung bereits im Jahr 2010 selbst verordnet hat.

Autor: Jessica Hirthe, 17.11.2021