Direkt zum Inhalt
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Tschechische Bürger auf Erkundungstour.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Tschechische Bürger auf Erkundungstour.
APA-Images / APA-Archiv / M. Leckel, Land OÖ

Bohemian Rhapsody

27.02.2026 um 00:00, Jürgen Philipp
min read
Am 5. Dezember 1989 wurden die Grenzbalken zwischen Tschechien und Österreich geöffnet, im Juni 2026 sollen die letzten punktuellen Kontrollen fallen.

Inhalt

Ein Band verbindet üblicherweise. Dieses Band separiert: Das „grüne Band“ genannte dichte Waldgebiet, das Oberösterreich von Südböhmen trennt. Es war im Böhmerwald, wo Adalbert Stifters Wiege stand, genau gesagt in Oberplan, dem heutigen Horní Planá, in direkter Nähe zum Lipno, dem Moldau-Stausee, dort, wo oberösterreichische und niederländische Investoren nach der Wende den Tourismus begründeten. Wald und See als Touri-Magnet. „Unser Grenzraum ist stark vom Wald geprägt, deshalb war es logisch, dass die ersten Kooperationen in der Forstwirtschaft und im Tourismus entstanden sind“, erzählt Markus Gneiß vom Land Oberösterreich, Abteilung Raumordnung. „Anders als im Grenzraum zu Bayern, etwa zwischen Braunau und Simbach, gibt es hier kaum funktionale Verflechtungen.“
 

Aufholprozess mit Signalwirkung

Dennoch haben sich beide Seiten deutlich angenähert, wenngleich die Entwicklung diametral verlief. Während Ober­österreich seit den 1990er Jahren zu den wirtschaftsstärksten Regionen der Europäischen Union zählt, hat Südböhmen einen bemerkenswerten Aufholprozess hingelegt. „Heute herrscht dort faktisch Vollbeschäftigung“, betont Gneiß. Das Schielen oberösterreichischer Betriebe nach tschechischen Fachkräften aus der Grenzregion wird nicht gerne gesehen. „Für Oberösterreich ist der tschechische Arbeitsmarkt interessant – auch wenn das unsere Nachbarn in Tschechien nicht gerne hören“, sagt Gneiß offen, „sie ­wollen ihre Fachkräfte selber halten.“ 
 

Impulse setzen

Eine Schlüsselrolle spielt das EU-Förderprogramm Interreg, das grenzüberschreitende Kooperationen ermöglicht. „Wir unterliegen klaren EU-Vorgaben. ­Unsere Themen werden uns auf einer gewissen Flughöhe vorgegeben“, erklärt Gneiß. „Ein solches Programm läuft sieben Jahre, davor gibt es einen intensiven Datenabgleich: wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversität oder Klimafragen.“ Die finanziellen Spielräume sind dabei begrenzt. „Insgesamt stehen dem gesamten Grenzraum zwischen Österreich und Tschechien für die Dauer von sieben Jahren 90 Millionen Euro an EU-Geldern zur Verfügung. Damit können keine wesentlichen strukturellen Veränderungen angestrebt werden.“ Umso entscheidender sei die Wirkung der Projekte: „Das Wichtigste ist, Impulse zu setzen und das Vertrauen zwischen den grenzüberschreitend tätigen Organisationen zu stärken. Ehrlich gesagt: Nicht jede Idee geht auf, aber ohne Impulse gibt es keine Entwicklung.“ Impulse, wie die neue gemeinsame Arbeitsagenda, die am 10.12.2025 beim Treffen von Landeshauptmann Thomas Stelzer und Kreishauptmann Martin Kuba die Schwerpunkte der Zusammenarbeit bis 2030 definiert. „Auf Landesebene gibt es weitere bilaterale Abstimmungstreffen im Rahmen der Europaregion Donau-Moldau. Auf regionaler Ebene werden die ­politischen Abstimmungen ergänzt durch die Aktivitäten der Euregio Bayerischer Wald – Böhmerwald“, erzählt Wirtschafts- und Europa-Landesrat Markus Achleitner.
 

Bürokratische Grenzen

Ein zentrales Hemmnis bleibt die unterschiedliche Verwaltungskultur. „Tschechien ist wesentlich hierarchischer“, schildert Thomas Huemer, ebenfalls vom Land OÖ, Abteilung Raumordnung. „Es gibt mehr bürokratische Schleifen, und oft führt kein Weg an Prag vorbei.“ So ist etwa „Umweltschutz bei uns in vielen Belangen Landesaufgabe, in ­Tschechien braucht es dafür das ­Umweltministerium in Prag. Da stoßen wir mitunter an Grenzen“. Gneiß sieht auch generell kulturelle Unterschiede: „Die Tschechen sind sehr formal und verbeißen sich gern in EU-Verordnungen. Wir Österreicher haben hier einen pragmatischeren Zugang.“ Trotzdem funktioniere die Zusammenarbeit. Was es braucht, sei Geduld, daher „braucht es wohl mehr als eine Gene­ration, bis die Grenze aus den Köpfen verschwindet“.
 

Markus Gneiß Regionalmanagement OÖ

Grenzenlose Forschung

Besonders sensibel sind sogenannte „Grenzhindernisse“ im Alltag. „Was passiert, wenn ein österreichischer Feuerwehrmann in Tschechien löscht? Wer haftet?“, fragt Gneiß und ergänzt: „­Solche Fragen sind nicht trivial.“ Gleichzeitig zeigen gerade „People-to-People“-Projekte Wirkung. Wesentlich dynamischer ist die Entwicklung in der Forschung. „Hier sind wir mentalitätsmäßig viel weiter. Da zählen gemeinsame Interessen mehr als nationale Unterschiede.“ Huemer nennt ein konkretes Beispiel: „Wir unterstützen Projekte zwischen zahlreichen oberöster­reichischen Forschungseinrichtungen und der Südböhmischen Universität in Budweis – etwa zur Rückgewinnung von Phosphor aus Industrieasche.“ Auch in KI und Maschinenbau gebe es eine ­starke Achse mit dem südböhmischen Wirtschafts- und Forschungspark.
 

Infrastruktur als Gamechanger

Der größte Hebel für die wirtschaftliche Zukunft besteht jedoch aus Asphalt und hört auf den Namen „S10“ bzw. „D3“. „Wenn die S10 fertig ist, wird sich in diesem Raum sehr viel bewegen“, ist Gneiß überzeugt. 2027 wird die ­Schnellstraße auf tschechischer Seite (D3) fertig­gestellt werden. „Die Verbindung der beiden Straßen, die in den nächsten Jahren finalisiert wird, ist für Oberösterreich ein wirtschaftspolitisches Schlüsselprojekt von historischer Bedeutung“, betont Achleitner. In Österreich ­rechnet die ASFINAG mit 2031 oder 2032. Der Grenzraum Oberösterreich–­Südböhmen steht damit an einem großen Durchbruch: vom stillen Waldgürtel zum europäischen Zukunftsraum. Die Grenze ist noch da – aber sie verliert jeden Tag ein Stück an Bedeutung.

Thomas Huemer Regionalmanagement OÖ

more