Börsen-Monopoly
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Die Meldung kam fast unbemerkt über den Finanzticker: An einem heißen Tag im Juli gab Euronext bekannt, die Börse Athen übernehmen zu wollen. Kaufpreis: bis zu 400 Millionen Euro. Aktionäre haben noch bis 17. November Zeit, dem freiwilligen Übernahmeangebot zuzustimmen – und abzucashen. Die griechische Wertpapierbörse im Schatten der Akropolis würde dann gemeinsam mit den sieben Handelsplätzen Amsterdam, Paris, Brüssel, Dublin, Lissabon, Mailand und Oslo unter dem Dach von Euronext vereint sein. Der europäische Börsenverbund hat ambitionierte Pläne: Unter seiner Ägide soll der alte Kontinent wieder verlorenes Terrain gutmachen. Etwa die Hälfte des globalen Wertpapiermarkts wird von den Amerikanern und ihrem bedeutenden Tech-Sektor dominiert. Die lang diskutierte „Kapitalmarktunion“ wäre eine schlagkräftige Antwort, ist aber unter den EU-27 politisch nicht durchsetzbar – auch Österreich stellt sich quer. So soll wenigstens der Zusammenschluss der wichtigsten Börsenplätze forciert werden, um Kräfte zu bündeln und die Attraktivität Europas für Börsen-Newcomer zu steigern.
Gute Geschäfte der Betreiber
Innerhalb der vergangenen 25 Jahre haben sich Börsen von exklusiven Clubs zu riesigen Playern und Konglomeraten entwickelt. Sie nutzen die monopolartigen Netzwerk-Effekte, für die Big Tech bekannt ist, und sie haben ihre Geschäftsmodelle kontinuierlich ausgeweitet. Börsen verdienen nicht nur an jeder Transaktion und erheben Listing-Gebühren bei erstmaliger Notierung (Börsengang/IPO), sondern expandieren ins Ausland, verkaufen Echtzeit-Marktdaten oder erhalten Gelder für die Nutzung ihrer Handelsplattformen sowie ihrer Clearing- und Abwicklungssysteme. Allein die Softwarelösungen der Technologiebörse Nasdaq werden an mehr als hundert anderen Börsen in fünfzig Ländern eingesetzt. Das europäische Gegenstück ist das Handelssystem Xetra der Deutschen Börse AG, das auch an der Wiener Börse zum Einsatz kommt. Nicht zufällig ist Microsoft viertgrößter Aktionär der London Stock Exchange Group. Der US-Software-Gigant hat mit der Eigentümerin der Londoner Börse einen Vertrag für Cloudlösungen und Datenanalysen abgeschlossen. Das Geschäft mit Daten spielt auch eine immer wichtigere Rolle bei der Intercontinental Exchange, der Eigentümerin der New York Stock Exchange (NYSE). Indikator für den Erfolg einer Börse, aber auch für jenen einer Volkswirtschaft sind Anzahl und Größe der Börsengänge. Bis zu hundert sollen es heuer allein in Hongkong werden – das als Sonderverwaltungszone im Gegensatz zum chinesischen Festland offen für ausländische Privatanleger ist. 14 Milliarden Dollar wurden mit Neuemissionen im ersten Halbjahr eingesammelt, achtmal mehr als 2024. Seit Mai notiert zum Beispiel CATL, der weltgrößte Hersteller von Autobatterien, in Hongkong. Die Aktie kann damit auch von österreichischen Anlegern gekauft werden. Die Hong Kong Exchanges and Clearing Limited (kurz: HKEX) ist selbst seit 2000 börsennotiert und gehört zu den wertvollsten Unternehmen in ganz Asien.
Chancen für Anleger
Börsen zu betreiben ist inzwischen also selbst zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden, von dem auch Anleger profitieren können. Allein der Aktienkurs der LSE Group wuchs in den vergangenen 25 Jahren stärker als der FTSE 100, der wichtigste Index der Londoner Börse. „Es ist tatsächlich viel zu wenig bekannt, dass man auch in die Aktien der Börsenbetreiber investieren kann; viele sind langjährige echte Erfolgsstorys. Das liegt an den immer weiter steigenden Handelsvolumina, es liegt aber vor allem auch daran, dass die Börsenunternehmen auch große Datenanbieter sind; wir kennen das aus dem eigenen Haus. Alle Index-Details, die man verwenden will, sind zu kaufen – und die Lizenzgebühren sind für die Anbieter recht attraktiv“, erklärt Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-GmbH und einer der profiliertesten Fondsmanager des Landes. Vor der Jahrtausendwende waren die Aktionäre eines Börsenplatzes oft auch die Anteilseigner der Börse selbst. Viele Börsen, wie etwa die NYSE oder die Frankfurter Wertpapierbörse, wurden ursprünglich als Mitgliederorganisationen gegründet. Die Mitglieder – oft Banken, Brokerhäuser oder Händler – besaßen Anteile an der Börse und hatten damit sowohl Einfluss auf ihren Betrieb als auch wirtschaftliche Vorteile.
Sonderfall Wiener Börse
Inzwischen gilt das Börsen-Monopoly: Fressen oder gefressen werden. Einen Sonderstatus nimmt die Wiener Börse ein. Sie gehört etwa je zur Hälfte börsennotierten österreichischen Unternehmen wie OMV oder Verbund und heimischen Banken wie Erste Group oder UniCredit Bank Austria. „Die Wiener Börse ist bereits heute in ein sehr internationales Netzwerk eingebunden“, sagt Wiener Börse-Chef Christoph Boschan im Interview. Die Prager Börse ist Teil des Unternehmens, darüber hinaus stellt Wien den Börsen in Laibach, Budapest und Zagreb ihre Handelsinfrastruktur zur Verfügung. „Ich denke, dass sich auch für die Wiener Börse auf Sicht die Frage stellen wird, ob man in einem Verbund nicht besser aufgehoben wäre. Für uns Fondsmanager ist das alles nicht so relevant. Wir wollen einfach die Aktien liquide handeln mit geringen Kosten – egal, wer die Eigentümer der Börse sind“, sagt Alois Wögerbauer.