Gesundheitssystem: Der große Umbau läuft
Inhalt
- Vom Kliniknetz zur Qualitätsstrategie
- Versorgung ohne Brüche: Das neue Zusammenspiel
- Älter werden in Wien: Mehr Selbstständigkeit durch neue Modelle
- Hightech im Einsatz: Medizin wird digitaler
- Personal sichern: Ausbildung, Planung, internationale Wege
- Wien als Magnet: Streitpunkt Gastpatienten
Das Wiener Gesundheitssystem steht mitten im Wandel – und wächst mit den Anforderungen einer stetig größer werdenden Stadt. Generaldirektorin Evelyn Kölldorfer-Leitgeb spricht über tiefgreifende Reformen, neue Versorgungsstrukturen und den gezielten Einsatz von Technologie. Dabei wird klar: Vernetzung, Qualität und Vertrauen sind die entscheidenden Faktoren, um Patientinnen und Patienten auch in Zukunft bestmöglich zu versorgen.
Frau Generaldirektorin, hält das Wiener Gesundheitssystem mit dem Wachstum der Stadt Schritt? Wo stehen wir gerade?
Kölldorfer-Leitgeb: Wir haben einen riesigen Change hinter uns und stehen gleichzeitig vor einem weiteren Wandel. In den letzten Jahren haben wir unsere Spitalsstruktur grundlegend reformiert: Aus 15 Standorten wurden sechs Kliniken plus AKH. Dabei wurden Leistungen nicht gestrichen, sondern konzentriert, mit dem Ziel, die Qualität zu steigern und Spezialisierung zu ermöglichen. Wir entwickeln und modernisieren weiter, auch über unsere eigene Bau- und Projektgesellschaft.
Wir haben Leistungen konzentriert, um die Qualität zu steigern und die Versorgung nachhaltig zu sichern.
Vom Kliniknetz zur Qualitätsstrategie
Was bedeutet diese Strukturreform für Patientinnen und Patienten ganz konkret?
Kölldorfer-Leitgeb: Durch die Bündelung der Leistungen wird die Versorgung noch einmal verbessert. Beispielsweise werden komplexe Eingriffe häufiger durchgeführt, das steigert die Routine und damit die Sicherheit. Gleichzeitig stabilisieren wir das System, indem wir drei Säulen stärken: nämlich die Basis-, Spezial- und Akutversorgung. Entscheidend ist, dass alle Bereiche optimal ineinandergreifen.
Versorgung ohne Brüche: Das neue Zusammenspiel
Wie darf man sich diese Vernetzung vorstellen?
Kölldorfer-Leitgeb: Gesundheitsversorgung endet nicht im Krankenhaus. Wir denken in Versorgungsketten – von der Notfallbehandlung bis zur Nachsorge. Wir bauen gezielt Brücken zwischen Spitälern, dem niedergelassenen Bereich und spezialisierten Einrichtungen, damit Patientinnen und Patienten durchgehend betreut werden und nicht „ins Leere fallen“.
Älter werden in Wien: Mehr Selbstständigkeit durch neue Modelle
Wo zeigt diese Kooperation bereits Wirkung?
Kölldorfer-Leitgeb: Besonders deutlich in der Versorgung älterer Menschen. Der demografische Wandel ist im Gesundheitsbereich längst spürbar: Unsere Gesellschaft wird älter und darauf richten wir uns gezielt aus. So haben wir in Pflegewohnhäusern eigene Nachsorgebereiche geschaffen, etwa für die Remobilisation nach Operationen. Mit großem Erfolg: Rund 75 Prozent der Patientinnen und Patienten können anschließend wieder in ihr Zuhause zurückkehren und benötigen keinen dauerhaften Pflege- oder Heimplatz. Das ist nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern bedeutet für die Betroffenen vor allem ein deutliches Plus an Lebensqualität.
Hightech im Einsatz: Medizin wird digitaler
Robotik und KI sind auch in der Medizin angekommen …
Kölldorfer-Leitgeb: …um zu bleiben. Wir arbeiten mit Operationsrobotern, die von unseren Medizinern geradezu geliebt werden (lacht). Die Hightech-Ausrüstung erlaubt minimalinvasive Eingriffe, die helfen, die Aufenthaltsdauer im Spital zu verkürzen. Gleichzeitig entwickeln wir Telemonitoring-Lösungen, bei denen Patientinnen und Patienten zu Hause betreut werden können.
Personal sichern: Ausbildung, Planung, internationale Wege
Ein Dauerbrenner ist das Thema Personal. Wie ist Wien hier aufgestellt?
Kölldorfer-Leitgeb: Nach der Pandemie war die Personaldecke sehr dünn. Aktuell haben wir wieder einen hohen Besetzungsgrad: etwa 95 Prozent in der Pflege und 96 Prozent bei Ärztinnen und Ärzten. Das liegt auch daran, dass wir massiv in Ausbildung investieren. In ganz Wien gibt es rund 4.000 Ausbildungsplätze in der Pflege. Gleichzeitig setzen wir auf internationale Programme, um Fachkräfte langfristig zu sichern. Etwa mit dem Projekt „Nurses4Vienna.“
Wir investieren massiv in Ausbildung und schaffen Planbarkeit, um unser Personal langfristig zu halten.
Was braucht es, um Personal langfristig zu halten?
Kölldorfer-Leitgeb: Planbarkeit und gute Arbeitsbedingungen. Wir setzen auf klare Dienstpläne und Weiterbildungsmöglichkeiten. Ebenso wichtig ist die Optimierung von Abläufen. Oft liegt die Belastung nicht nur an der Personalsituation, sondern auch an ineffizienten Prozessen.
Abschließend: Welche wichtigste Erkenntnis haben Sie in den letzten Jahren gewonnen?
Kölldorfer-Leitgeb: Große Veränderungen funktionieren nur gemeinsam mit den Menschen. Transparenz ist dabei entscheidend: Man muss sagen, was man weiß – und auch, was man noch nicht weiß. Nur so schafft man Vertrauen und kann solche Transformationsprozesse erfolgreich umsetzen.
Wien als Magnet: Streitpunkt Gastpatienten
Gastpatienten – quo vadis? Wien übernimmt viele Behandlungen über den regionalen Strukturplan hinaus, besonders bei Spezialleistungen, sagt Evelyn Kölldorfer-Leitgeb. „Klar ist: Versorgung endet nicht an Landesgrenzen.“ Entscheidend sei daher eine faire Finanzierung zwischen den Bundesländern. „Dass das Thema auf politischer Ebene diskutiert wird, zeigt, dass man auf einem guten Weg ist.“