Dialog: Bessere Welt?

Weekend: Worum geht es in dem Dialog am 30. Juni?
Alois Flatz:
Unter dem Titel „Vom Tischler persönlich oder doch lieber industriell und kostengünstig?“ geht es darum, welchen Einfluss die Wirtschafts- und allgemeine Gesellschaftspolitik auf die Klimaerwärmung hat und welche Transformationen in Wirtschaft und Gesellschaft möglich sind. Es geht nicht nur um das Handwerk, als vielmehr darum die Zusammenhänge zu
verstehen.

Weekend: Herr Faißt, Ihr Credo lautet „Das Gute muss reifen“?     
Markus Faißt:
Die Erwartungshaltung moderner Konsumenten ist das „sofort“.  Menschen die von der amazon-prime Mentalität verwöhnt worden sind, können nicht warten. Wenn wir ein Beistellmöbel produzieren, fallen gleich erhebliche Stundenlöhne an. Wir fertigen ausschließlich Vollholzmöbel mit traditionellen Verbindungen. Das industriell produzierte Kästchen wird hingegen mannlos in Polen hergestellt und kostet im Handel – inklusive Billigtransport aus dem Osten – 120 Euro. Und dabei will ein großer Möbelriese sogar „klimaneutral“ werden

Weekend: Herr Flatz erkennt der Konsument, was nachhaltig ist und was nicht?     
Alois Flatz:
Ich bin der Überzeugung, dass jeder das erkennen kann, wenn er auf die innere Stimme hört, und diese innere Stimme sollte jeder entwickeln. Dazu benötigt es weniger Etiketten und Labels. Was wir brauchen ist ein gesunder Hausverstand. Damit entscheide ich auch alle anderen Sachen im Leben. Es geht um Bewusstsein und bewusstes Entscheiden. Beruhigend ist, dass viele jungen  Menschen bereits viel mehr hinterfragen, in vielen Dingen strenger und radikaler sind und sich schnell die richtigen Informationen holen. Tipp: die junge digitale Investmentplattform YOVA ermöglicht Investoren, in mehr Photovoltaik, mehr Wind, mehr in Unternehmen die Frauen oder Diversität fördern zu investieren.

Weekend: Herr Faißt, Sie würden einiges strenger handhaben?     
Markus Faißt:
Es geht um einen Bildungsprozess, eine innere Stimme wäre zwar schön, aber das gute Gewissen muss gebildet werden. Labels versprechen viel und halten wenig. Der Wildwuchs an Logos und Co ist nicht decodierbar. Das was draußen ist, muss ehrlich sein. Vorzeigeholzindustriebetriebe waren daran beteiligt, die Karpatenurwälder quasi zu zerstören und sind in Österreich clean und zertifiziert. Unfassbar! Regionalität oder Klimaneutralität muss glaubwürdige Kontrolle und kritische Öffentlichkeit haben. Zusammenhänge darstellen und Bewusstsein trainieren, das beginnt im Alltäglichen!

Weekend: Kann Nachhaltigkeit überprüft werden?     
Alois Flatz:
Das von mir unterstützte Software-Startup tset.com hat eine Software entwickelt, um den CO2-footprint für Autos oder andere Produkte schon im Entwurfstadium – also der CAD-Zeichnung – zu errechnen. Der Fokus wird in Zukunft auf CO2-Neutralität auf Produkt­ebene liegen und weniger auf Produktionsstätten. Wenn die Tonne CO2 in China und Europa gleichermaßen mit 50 Euro veranschlagt wird, wird es kostengünstiger, ein Drittel aller heute aus China bezogenen Produkte einer Lieferkette wieder in Europa zu produzieren. Diese Transformation der Lieferkette könnte in Europa das größte Beschäftigungsprogramm seit dem zweiten Weltkrieg auslösen!

Zu den Personen:

Markus Faißt

  • (geb. 1962), verheiratet,
  • drei Kinder, Hittisau
  • Werdegang: Tischlerlehre, Ausbildungen in Wien, vier Jahre Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika, Lehrtätigkeit an der Kunstuniversität in Linz. Holzwerkstatt seit knapp 30 Jahren, 10köpfiges Team.
  • Hobbies: Ökologie Kreislaufwirtschaft, regionale Bezüge

Dr. Alois Flatz

  • (Jg. 1966) verheiratet,
  • vier Kinder, Schwarzenberg
  • Werdegang: BWL-Studium (WU Wien und HEC Paris), Institut für Wirtschaft und Ökologie in St. Gallen; internationaler Experte für nachhaltige Investments, Berater von Al Gores Investmentfirma Generation und Mitbegründer des Dow Jones Sustainability Index; Businessangel; FAQ Bregenzerwald.
  • Hobbies: Bergsport/Wandern, Fahrrad, Ski
Autor: Weekend Magazin Vorarlberg, 22.06.2021