Kommentar: Verschwörungen überall

Kaum zu glauben, was in neun Minuten alles passieren kann. Neun Minuten können selbst ein furchtbares Jahr wie 2020 noch einmal nachhaltig verändern. Der Terroranschlag von Wien hat uns auf traurige Weise gezeigt, dass selbst Corona für einige Stunden in den Hintergrund rücken kann. Er hat uns aber auch gezeigt, wie hoffnungslos gespalten unsere Gesellschaft bereits ist.

Vorhersehbare Reaktion

Schon wenige Stunden nach der Tat wurde in den sozialen Medien rhetorisch aufmagaziniert. Die Fronten waren rasch geklärt: Während der Großteil der Menschen den Opfern und Betroffenen ihr Beileid aussprachen, kam aus der anderen Ecke Hass gegenüber dem Täter und dessen vermeintlicher Herkunft. Da wurde gegen Flüchtlinge gehetzt und der Islam als Religion des Bösen hingestellt – ohne dabei auch nur irgendetwas über den Angreifer zu wissen. Dabei waren die Frontverläufe aber nicht ganz klar: Es kam sogar so weit, dass man Tweets aus dem rechtspopulistischen Milieu als leuchtende Beispiele für die richtige Wortwahl hervorheben musste. Auch die Medien bekleckerten sich in der Berichterstattung nicht mit Ruhm. Der Fellner-Sender oe24 fing sich Kritik ein, weil er ein Video unkommentiert auf seine Homepage stellte, dass den Attentäter bei einer Hinrichtung zeigte. Zu allem Überfluss tauchten auch noch krude Verschwörungstheorien aus den einschlägigen „Corona-Ecken“ auf. Von einer Inszenierung der Regierung, um die Ausgangsbeschränkungen in die Köpfe der Bevölkerung zu hämmern, war dort die Rede. Diese Theorien entbehren nicht nur jeglicher Grundlage, sie sind auch ein Schlag ins Gesicht für die vom Terror Betroffenen. Bei so vielen Horrormeldungen bleibt nur zu hoffen, dass 2021 ein besseres Jahr wird.

Autor: Patrick Deutsch, 10.11.2020