Jeder kennt einen Verschwörungstheoretiker

Wollt ihr Maßnahmen? Nein! Wollt ihr Masken? Nein! Wollt ihr einen Impfstoff? Nein. Was wollt ihr dann?  Chaos, Mann!

Vielleicht können sich ja manche noch an den hier abgewandelten Zuckerl-Werbespot erinnern. Dieser hatte allerdings ein Happy End: mit Maoam gab sich die aufgebrachte Meute nämlich zufrieden. Man fand also einen Ausweg aus dem Dilemma. Ein solcher scheint in der derzeitigen Situation außer Reichweite. Ferdinand Wegscheider, Sucharit Bhakdi und einige andere Verharmloser haben den Narrensaum so breit gemacht, dass er mittlerweile bis tief in die Mittelschicht reicht. Wie breit er tatsächlich ist, kann man nur erahnen. Mittlerweile kennt aber jeder jemanden, der an Verschwörungstheorien glaubt. Das ist bedenklich und führt zwangsläufig zu überfüllten Intensivstationen und Tod.

Die Gründe für die Verweigerung der Realität sind vielfältig. Ein wichtiger Aspekt scheint mir ein tiefgehendes Misstrauen gegenüber den Eliten zu sein. Nicht nur gegenüber den politischen. Der angesprochene Narrensaum glaubt einer dahergelaufenen praktischen Ärztin mehr als tausend Wissenschaftlern. Er glaubt irgendwelchen obskuren Youtube-Kanälen wie Kla.tv oder dubiosen Fernsehsendern wie Servus TV mehr als dem ORF, er glaubt mit Verschwörungstheorien durchtränkten Politikern mehr als dem österreichischen Bundeskanzler oder dem Gesundheitsminister.

Ein weiterer Aspekt ist wohl eine um sich greifende Form von Rechthaberei. Der Narrensaum ist schnell in der Bildung einer Meinung. Man hat so seine Muster entwickelt und gießt dann jedes Problem in die immer gleiche Form. Heraus kommt folgender Einheitsbrei: die da oben lügen uns an, die da oben sind gegen uns, die da oben verfolgen einen perfiden Plan. Dabei kommt man sich noch besonders schlau und wissend vor. Es ist für mich seit jeher ein Phänomen, dass gerade jene, die sich einbilden, die Welt im Innersten zu durchschauen, die sich einbilden so viel schlauer als alle anderen zu sein, mit der Orthographie besonders auf Kriegsfuß stehen. Man kann zwar keinen fehlerfreien Satz formulieren, zweifelt aber keine Sekunde daran, die Komplexität der Welt durchschaut zu haben und genau zu wissen wie der Hase läuft. Nun, das ist ein Bildungsproblem, das dringend gelöst gehört.

Was bleibt ist die Frage, wie wir diese Menschen wieder ins Boot holen. Experten meinen, das sei unmöglich. Wer den Verschwörungs-Zug bestiegen hat, ist verloren, hat die Vernunft längst hinter sich gelassen. Wir können nur jene erreichen, die am Bahnhof stehen, also jene, die sich noch im Niemandsland zwischen Fakten und Fiktion befinden, jene, die mit Scharlatanen zwar liebäugeln, aber noch nicht in deren Fängen hängen. Dort kann und muss man ansetzen. Und da ist jeder von uns gefragt.

Autor: Robert Eichenauer, 28.11.2020