"Tommys" gegen "Krauts": England, Deutschland und der Wembley-Fluch

Wenn die Deutschen von den "Tommys" reden, meinten sie stets den tumben Engländer, versoffen und ungebildet. Wenn die Engländer von den "Krauts" sprechen, meinten sie stets den humorlosen Deutschen, obrigkeitshörig und eingebildet.

Was einst als Ausdruck der Verachtung im Krieg entstanden ist, hat sich als Ausdruck der Geringschätzung des jeweils anderen lange gehalten. Nun kommt es wieder zum Duell - das in den letzten 50 Jahren aber stets in englischen Tränen endete. Vor allem im Wembley-Stadion.

Das Wembley-Tor

Verlängerung, 101. Minute, 2:2 im WM-Finale 1966 zwischen Gastgeber England und Deutschland. Dann ein Schuss von Geoff Hurst aus der Drehung, der Ball kracht hinter Deutschland-Goalie Tilkowski an die Latte, von dort zur Linie und wieder zurück ins Spielfeld. Tor oder nicht? Linienrichter Tofik Bachramow zeigte sofort "Tor" - das 3:2, die Vorentscheidung, England wurde erstmals Weltmeister.

Moderne Video-Analysen haben längst gezeigt, dass das Tor nicht zählen hätte dürfen - was auch Hurst selbst augenzwinkernd bestätigt ("Der Ball war natürlich mindestens einen Meter hinter der Linie!"). Für England wurde das Tor aber zum Fluch. Nie wieder sollte man ein wichtiges Match gegen Deutschland gewinnen - und schon gar nicht im Wembley.

Bis zum EM-Viertelfinale 1972 hatte Deutschland nie im Wembley gewonnen. Dort gab es dann ein glanzvolles 3:1 von Günter Netzer, Uli Hoeneß und Co. in Englands Fußball-Nationalheiligtum. Deutschland wurde danach dreimal Weltmeister, dreimal Vize-Weltmeister und dreimal Europameister.

England kam in den letzten 50 Jahren dreimal in ein Halbfinale. An einem Titel wurde nicht einmal mehr geschnuppert.

1996: Nix da "Football is coming home"

Zwei dieser englischen Halbfinals endeten im Elferschießen gegen Deutschland - 1990 bei der WM in Italien und 1996, noch viel bitterer, bei der Heim-EM in England. "Football is coming home", sagen die Engländer damals, 30 Jahre nach dem Wembley-Tor. Daraus wurde nichts.

Gareth Southgate, der heutige Teamchef Englands, verballerte den entscheidenden Elfmeter. Und um Salz in die Wunden zu streuen, wurde Deutschland wenige Tage später Europameister. Mit einem Finalsieg über Tschechien... im Wembley.

Sogar zum Abschied gewann Deutschland

Zwischen 2001 und 2007 wurde das altehrwürdige Wembley-Stadion abgerissen und durch die aktuelle, hypermoderne Arena ersetzt. Das letzte Match im alten Stadion war ein WM-Qualifikations-Spiel gegen... Deutschland. Und natürlich gewannen die Deutschen mit 1:0.

Dass England das Rückspiel in München 5:1 gewann, freute sie zwar, aber es änderte nichts. Schon 2002 war Deutschland wieder im WM-Finale und England im Viertelfinale ausgeschieden.

Endet der Fluch nach 55 Jahren?

Nun hat England die Chance, nach 55 Jahren den Wembley-Fluch gegen Deutschland endlich zu brechen. Dieser verfolgte die Engländer sogar bis ins ferne Südafrika: Als im WM-Achtelfinale 2010 der Schuss von Frank Lampard von der Latte deutlich ins Tor sprang, aber der Referee den Treffer nicht gab - quasi als späte Revanche für 1966? Jedenfalls gewann Deutschland danach mit 4:1.

Wembley als Deutschlands "Wohnzimmer"

Als kleine Fußnote sei noch erwähnt, dass es in der Geschichte der Champions League ein einziges Mal ein Endspiel zwischen zwei deutschen Klubs. Gab Bayern München setzte sich 2013 gegen Borussia Dortmund durch.

Wo? Natürlich im Wembley.

Autor: Philipp Eitzinger, 29.06.2021