Die neue Nr. 1 im Frauen-Tennis: Wer ist Iga Świątek?

Der Name Iga Świątek ist außerhalb von Tennis-Kreisen (noch) eher ungeläufig. Die 20-jährige Polin - ausgesprochen: "Schwjontek" - ist die neue Nummer 1 im Frauen-Tennis und ist in 20 Monaten aus dem Nichts an die Spitze geschossen.
Autor: Philipp Eitzinger, 01.04.2022 um 12:00 Uhr

Oktober 2020: Die pandemiebedingt auf Herbst verschobenen French Open werden bei den Frauen zum Ausscheidungsturnier. Die meisten Favoriten scheitern früh, so wird etwa die langjährige Weltranglisten-Erste Simona Halep im Achtelfinale von einer unbekannten Polin in kaum 50 Minuten mit 1:6, 1:6 vom Platz geprügelt. Eine Woche später hat diese junge Spielerin aus Warschau völlig überraschend das Turnier gewonnen: Iga Świątek.

Eine Zufallssiegerin, dachte man damals. Eine Eintagsfliege, wie so viele vor ihr. Heute weiß man es besser. Die 20-Jährige ist nach dem Rücktritt von Ash Barty die neue Nummer eins im Damen-Tennis.

Aber wer ist Iga Świątek?

Olympische Familie

Sport spielte in ihrer Familie schon immer eine große Rolle: Papa Tomasz war Weltklasse-Ruderer und als solcher 1988 auch bei den Olympischen Spielen im polnischen Doppelvierer aktiv. Igas ältere Schwester Agata begann mit dem Schwimmen, wechselte aber früh zum Tennis und auch Iga nahm früh das Racket in die Hand. Agata musste verletzungsbedingt früh aufhören, aber Iga blieb fit, stieß im Frühjahr 2019 erstmals in die Top-100 vor, ging als WTA-54. in die siegreichen French Open 2020. Vor elf Monaten war Świątek erstmals Top-10 und nun, per 4. April 2022, ist sie die 28. Nummer-eins-Spielerin seit Einfühung der Weltrangliste 1975. Zudem holte als 17-jährige Gold bei den Olympischen Jugendspielen und nahm 2021 selbst an Olympia in Tokio teil.

Nadal ist ihr Vorbild

Das große Kindheits-Idol von Świątek ist Rafael Nadal. Tatsächlich verstehen sich die beiden recht gut und wenn es vom Spielplan passt, trainieren die beiden auch zusammen. Vor allem seine Einstellung bewundert sie: "Ich möchte auch so ein Vertrauen in mich selbst haben wie er", sagt sie. Sie ist auch die jungste Grand-Slam-Siegerin seit Nadal selbst seinen ersten Paris-Titel 2005 geholt hat. Ihn als Freund zu bezeichnen, traut sich Świątek aber nicht: "Überhaupt mit ihm zu reden, ist unglaublich. Ich bin eher ein Riesen-Fan!"

Bücher und Netflix statt Party

Ein Partylöwe ist Świątek nicht: Selbst nach großen Turniersiegen, wie zuletzt in Doha und Indian Wells, feierte die Polin lieber gemütlich im kleinen Kreis. "Ich bin nicht die Art von Person, die auf Partys geht!" Wenn sie auf andere Gedanken kommen will, vertieft sie sich eher in Bücher oder in TV-Serien. Besonders angetan haben es ihr Historien-Romane und "Mad Men".

Für keinen Blödsinn zu schade

Ob Tennis im Einhorn-Kostüm auf dem Balkon oder Ballwechsel auf Sand-Up-Paddle-Brettern: Wenn sie nicht gerade am Court steht, ist Świątek immer noch gerne ein großes Kind und sich für keinen Blödsinn zu schade. Sie kommt noch jugendlich-unverbrauchter daher wie Naomi Osaka vor ein paar Jahren, wirkt in ihrem familiären und professionellen Umfeld aber viel geerdeter als Osaka, die schon bevor sie ihre soziale Angststörung öffentlich machte alle paar Monate das Trainerteam auswechselte.

Sie wirkt größer als sie ist

Durch ihren etwas starksigen Körperbau, in Kombination mit der beidhändigen Rückhand und dem etwas komischen Laufstil wirkt die Polen recht groß. Tatsächlich ist sie mit ihren 1,75 Metern aber kleiner als viele ihrer Vorgängerinnen auf Platz eins wie Osaka (1.79), aber auch Maria Sharapova (1.88), Monica Seles (1.78), Vika Azarenka (1.83) oder Karolína Plíšková (1.86m).

Jonglier-Königin

Świątek ist nicht nur mit dem Tennis-Racket talentiert, sondern sie ist auch eine technisch sehr begabte Fußballspielerin. Vor allem aber jongliert Świątek ausgesprochen gut. Das kommt nicht von ungefähr: Es ist eine gute Konzentrationsübung.

Emotionen kontrollieren

Von Red Hot Chili Peppers bis Coldplay, von Santana bis Pink Floyd: Ihr Musikgeschmack unterscheidet sich durchaus von anderen 20-Jährigen. Warum? Dies ist die Musik, die ihre Trainer immer gerne gehört haben – und das beruhigt sie. Wie das? Sie sagt, in emotionalen Stress-Situationen, wie eben einem großen Tennis-Match, dienen ihr Erinnerungen an früher als mentale Stütze, um sich selbst zu beruhigen bzw. ihre Emotionen zu kontrollieren. Offenbar mit Erfolg: Denn die oft unerklärlichen Schwankungen von vielen ihrer Kolleginnen in den Top-10 der Weltranglisten hat Świątek nicht. Auch dank dieser Konstanz ist sie auf Platz 1 im Ranking angekommen.

Alle Weltranglisten-Ersten: Chris Evert (erstmals 1975), Evonne Goolagong (1976), Martina Navratilova (1978), Tracy Austin (1980), Steffi Graf (1987), Monica Seles (1991), Arantxa Sánchez-Vicario (1995), Martina Hingis (1997), Lindsay Davenport (1998), Jennifer Capriati (2001), Venus Williams (2002), Serena Williams (2002), Kim Clijsters (2003), Justine Henin (2003), Amélie Mauresmo (2004), Maria Sharapova (2005), Ana Ivanović (2008), Jelena Janković (2008), Dinara Safina (2009), Caroline Wozniacki (2010), Viktoria Azarenka (2012), Angelique Kerber (2016), Karolína Plíšková (2017), Garbiñe Muguruza (2017), Simona Halep (2017), Naomi Osaka (2019), Ashleigh Barty (2019), Iga Świątek (2022).