Lyrikerin Isabel Folie im großen Weekend-Interview

Isabel, ein ereignisreiches Jahr liegt hinter dir: Soeben ist dein erster lyrischer Kurzprosaband "In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind" erschienen, vergangenen Herbst hast du beim renommierten Hildesheimer Literaturwettbewerb 2020 den Hauptpreis International gewonnen. Als Teil des Künstler-Kollektivs "Grauer Greif" lässt du Menschen Lyrik unmittelbar erleben - etwa, indem du Gedichte per Newsletter versendest. Nur einige Meilensteine auf deinem Weg - die Erfüllung eines persönlichen Traums für dich?

Isabel Folie: Definitiv! Als ich begonnen habe zu schreiben, war es mir stets ein Anliegen, dass Menschen diese Texte auch lesen und erleben können. Nun zu sehen, über wie viele verschiedene Kanäle – das Buch, Lesungen, den Newsletter und natürlich auch unser intermedial arbeitendes Magazin derGREIF – die Menschen erreicht werden können, erfüllt mich mit großer Freude.

Deiner Lesungen und künstlerischen Projekte wegen spielt sich dein Leben vor allem zwischen deiner Heimat Südtirol und deiner Wahlheimat Wien ab. Zwei unterschiedliche Welten. Wie haben sie dich jeweils künstlerisch geprägt?

Isabel Folie: Mehr als die Orte haben die Menschen, die dort leben, meine Kunst geprägt. Wenn ich an Südtirol denke, verbinde ich das sehr stark mit meiner Mutter, die mir die Liebe zur Literatur weitergegeben hat. Durch ihre Bemühungen habe ich meine Liebe zum Lesen entdeckt. In Wien habe ich dafür das Gefühl der Freiheit erfahren, das eine Großstadt natürlich viel intensiver vermitteln kann als ein kleines Dorf in den Südtiroler Bergen. Aber dieses Gefühl ist essenziell, wenn man sich in der Kunst ausprobieren und neue Wege beschreiten möchte.

Du bist deiner Berufung gefolgt und hast dich, nachdem du einige Jahre als Redakteurin für Magazine in Deutschland und Österreich (unter anderem für weekend.at, Anm.) gearbeitet hast, mutig eine Laufbahn als Lyrikerin eingeschlagen. Was macht für dich den Unterschied, nebenberuflich als Autorin zu arbeiten oder sich uneingeschränkt darauf zu konzentrieren?

Isabel Folie: (lacht) Schön wär's, wenn ich mich uneingeschränkt auf die Lyrik konzentrieren könnte und keinem Brotberuf mehr nachgehen bräuchte. Da das nicht geht, bin ich als selbstständige Texterin tätig. Dies erlaubt mir allerdings im Vergleich zu einem Vollzeitjob volle Flexibilität. Denn eine Fixanstellung lässt nur wenig Raum für die Kunst. Mir war es ein Anliegen, meine Zeit frei einteilen und selbst wählen zu können, welche Stunden des Tages ich der Kunst und welche der Arbeit widmen möchte. Für mich hat diese Freiheit einen großen Einfluss auf meine Kreativität.

Deine Kreativität ist für das Publikum auch hautnah zu spüren. "Ein Pfau schlägt Räder mit Federn aus Stahl" - mit deinen Texten beweist du eindrucksvoll, wie bildreich, physisch und kraftvoll Sprache sein kann. Wie hast du zu deiner Autorensprache bzw. deinem persönlichen Ausdruck gefunden?

Isabel Folie: Ich bin seit Kindesbeinen an in Bücher vernarrt. Dies hat meine Sprache sicherlich stark geformt. Dieser ganz spezielle, skizzenhafte Stil, der in meinem Buch vorkommt, basiert dafür eher auf dem Prinzip der Verknappung. Wie viel muss und wie wenig kann ich schreiben, um eine Stimmung, ein Bild im Kopf des Lesers zu erzeugen?

Manche Schriftstellerinnen und Schriftsteller lehnen es ab, ihre eigenen Texte vor Publikum zu lesen und überlassen das lieber anderen. Wie fühlt es sich für dich an, gedachte und gefühlte Worte, die du zu Papier gebracht hast, plötzlich laut zu lesen?

Isabel Folie: Ich lehne es nicht ab, meine Texte selbst zu lesen, finde aber, dass ausgebildete Schauspieler das besser können als ich. Dank des Kunstkollektivs GRAUER GREIF, das ich gemeinsam mit Luca Pümpel gegründet habe, komme ich in den Genuss dieser Möglichkeit. Bei vielen Lesungen lese nicht ich, sondern Schauspieler. Auch arbeiten wir bei unserem Magazin derGREIF stark mit Vertonungen. So hat in der letzten Ausgabe die Schauspielern Sára Jenike meine Gedichte eingelesen und die Texte durch ihre ganz persönliche Interpretation bereichert. Für mich als Autorin ist es sehr spannend zu sehen, wie mit meinen Texten weitergearbeitet wird und was sich daraus entwickeln kann.

Isabel Folie - festgehalten in Schwarz-Weiß - im Herzen von Wien | Credit: Luca Pümpel

Vertonung ist ein gutes Stichwort. Musik im Hintergrund oder völlige Stille - welche Umgebung bzw. Kulisse hilft dir, in den Schreibfluss zu kommen?

Isabel Folie: Kommt eine Idee, kann ich sie in jedem erdenklichen Moment niederschreiben, und sei es an der Supermarktkassa am Handy. Meist kommen mir die Ideen auch nicht zu Hause am Schreibtisch, sondern wenn ich unterwegs bin. Allerdings kann Musik eine wirklich unterstützende Möglichkeit darstellen, sich selbst in eine gewünschte Stimmung zu bringen, die das Schreiben erleichtert.

Autorinnen und Autoren hört man immer wieder sagen, dass zu kreativen Höchstleistungen auch eine gewisse körperliche Fitness erforderlich ist. Wie sieht dein Ausgleich nach durchschriebenen Tagen oder Nächten aus?

Isabel Folie: Durchschriebene Tage und Nächte habe ich nicht. Ich bin niemand, der es lange am Schreibtisch aushält. Ich arbeite lieber in kurzen, konzentrierten Einheiten. Dennoch sitze ich wegen meiner Arbeit als Texterin viele Stunden am Schreibtisch. Gegen die Verspannungen wirkt dann eine Runde Pilates Wunder.

Seit deinem Studium lebst du in Wien. Was gibt dir diese Stadt, was andere Orte nicht vermögen?

Isabel Folie: Diese Stadt bietet – besonders was die Kunst betrifft – wahrlich sehr viel. Ein umfangreiches Kulturangebot, gepaart mit der Schönheit dieser Stadt und den unnachahmlichen Kaffeehäusern, in denen man wunderbar schreiben kann – das ist es, was Wien für mich einzigartig macht.

Wie behilfst du dir, wenn dich Ideen und Formulierungen gefangen nehmen, während du gerade kein Schreibgerät zur Hand hast?

Isabel Folie: Das mit dem Sachen im Kopf behalten ist so eine Sache, die mir meist nicht gelingt. Oftmals dient mir die Notizfunktion meines Handys als letzte Rettung. Aber ich muss zugeben: Ich gehe so gut wie nie ohne Stift und Notizbuch aus dem Haus. Und auch zu Hause liegen in jeder Ecke Papier und Kugelschreiber parat.

Ein Leben für die Literatur: Wie definierst du vor diesem Hintergrund für dich persönlich Erfolg?

Isabel Folie: Erfolg in der Literatur hat für mich nichts mit Verkaufszahlen zu tun, sondern damit, dass ich ein Leben führe kann, dass der Kunst Raum bietet. Und dass ich diese Kunst frei nach meinem Belieben gestalten kann, ohne dabei irgendwelche vertraglichen Klauseln erfüllen zu müssen.

Klingt vielversprechend. Was beseelt dich, wenn du an die Zukunft denkst?

Isabel Folie: Ich würde im Rahmen von GRAUER GREIF gerne noch stärker mit Künstlern der verschiedensten Sparten zusammenarbeiten und die Lyrik so auf eine neue Ebene bringen. Ich möchte, dass Lyrik tatsächlich unmittelbar erlebbar wird und auch Menschen erreicht, die von sich selbst vorher nie gesagt hätten, dass sie sich für Lyrik interessieren.

Buch-Tipp

Isabel Folie
"In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind"
Verlag Edition Raetia

Isabel Folie Buch

Autor: Ute Daniela Rossbacher, 19.10.2021