Die fabelhafte Welt der Lena Stöllinger

Seit ihrer Kindheit waren Malen und Zeichnen die große Leidenschaft von Lena Stöllinger. Als Inspirationsquelle diente ihr der Traunsee, zu dem sie ihr Großvater häufig mitnahm, wenn er Fischen ging. Seine Geschichten über Wassermänner und Nixen begeisterten die Oberösterreicherin besonders. Nach der Matura an der HBLA für künstlerische Gestaltung in Linz und fünf Jahren Kunstunterricht zog es sie nach Salzburg zum Soziologie-Studium. Es folgte eine längere Kunst-Abstinenz. Doch 2018 war die Liebe zur Malerei wieder zurück. Den ersten Lockdown im Jahr 2020 nutzte die Studentin schließlich, ihre Karriere als Malerin voranzutreiben. Unter dem Synonym Stella Löninger hat sie über ihren Onlineshop mittlerweile 70 Gemälde weltweit verkauft, am häufigsten in die USA, wo ihre Meerjungfrau-Motive besonderen Anklang finden. Mehr dazu erzählte sie Weekend in einem ausführlichen Interview.

Du malst und verkaufst deine Bilder bis in die USA. Erzähle uns, wie es dazu gekommen ist.

Lena Stöllinger: Es war immer schon mein Ziel, mit meiner Kunst so viele Menschen wie möglich zu erreichen, weswegen ich von Anfang an meine Website und Social Media-Konten in Englisch betreut habe. Beinahe alle US-Bundesstaaten waren schon einmal auf meiner Versandliste: von Texas über Kalifornien bis nach Washington reichen die Bestellungen, aber auch Kunden aus Kanada, Großbritannien oder Irland sind oft vertreten. Am häufigsten verkaufe ich meine Bilder aber nach Kalifornien. Ich denke, das liegt an meinen Motiven, die in der Regel bildlich sind und meist im Zusammenhang mit Wasser und Meer stehen. Figurative Kunst, wie man sie auch nennt, wird meiner Erfahrung nach in den USA mehr als in Europa geschätzt.

Auf deinen Bildern sind häufig Meerjungfrauen zu sehen. Was begeistert dich an "Mermaiding"?

Lena Stöllinger: Rein äußerlich bedeutet Mermaiding vorerst, „sich als Meerjungfrau zu verkleiden“ - mit allem Drum und Dran, Muschelbikini und Silikon-Schwanzflosse inklusive. Die Bewegung nahm von den USA ihren Ausgang und wird überwiegend von Frauen getragen, findet jedoch mittlerweile auch in Österreich immer mehr Anhänger. Einige Mermaids, darunter die eine oder andere meiner Kundinnen, erreichen durch ihre Social Media-Präsenz mittlerweile hunderttausende Menschen.

Auf den ersten Blick mag dieser Trend trivial und kindlich erscheinen, dabei sollte man nicht übersehen, dass sich viele Mermaids aktiv für Klimapolitik und Umweltschutz einsetzen. Sie sammeln Müll am Strand, machen Werbung für plastikfreie Produkte und auf die Bedrohung der Meereslebewesen aufmerksam. Ihre schillernden Verkleidungen sind hilfreich, um den Fokus auf ein Thema zu lenken, das auch mich persönlich stark umtreibt. Ein Prozentsatz meiner Erlöse geht daher an eine Organisation, die versucht, das Meer von Plastik zu befreien. Und obwohl ich selbst keine Silikon-Schwanzflosse besitze, mit der ich im Sommer im Traunsee schwimmen gehe, fühle ich mich doch der Community zugehörig.

Wie waren und sind die Reaktionen auf deine Kunst abseits der Mermaids-Bewegung und was haben sie bei dir ausgelöst?

Lena Stöllinger: Bislang waren das Vertrauen meiner Klienten in meine Arbeit groß und die allgemeinen Reaktionen durchwegs positiv. 2018 haben eine Galerie in New York und eine in Laguna Beach (Kalifornien) jeweils drei meiner Werke in ihren Bestand aufgenommen, ein entscheidender Schritt dabei, mich als freischaffende Künstlerin zu profilieren.

Und wohl auch ein entscheidender Schritt dabei, von deiner Kunst leben zu können?

Lena Stöllinger: Wie man es nimmt. Es gibt zwar so viele Möglichkeiten wie noch nie, online seine Kunst zu teilen und damit kommerziell erfolgreich zu werden, gleichzeitig ist der Einstieg in den regulären Kunstmarkt nach wie vor schwer. Galerien sind sehr selektiv bei der Auswahl ihrer Künstler, vor allem figurative Kunst, wie ich sie mache, ist in den meisten Portfolios kaum enthalten. Entscheidend für mich ist am Ende, wie meine Klienten mich sehen. Sie sind meine wichtigsten Kritiker.

Eine Soziologin, die nebenher malt, oder eine Malerin, die nebenher studiert, wie siehst du dich?

Lena Stöllinger: Weder noch. Ich definiere mich über beide Berufe, und sie beeinflussen einander gegenseitig. Meine Arbeit in der Wissenschaft hilft mir, am Boden zu bleiben. Ich muss mich an sehr strenge Qualitätskriterien und Regeln halten, während die Kunst mir viel Freiraum gibt, die Dinge anders zu betrachten. Eine Forschungsarbeit dauert oft mehrere Jahre, und am Ende kann ich nur ein winziges Stück zu einem riesigen Mosaik an Erkenntnissen beitragen. Als Künstlerin bin ich dagegen in der Situation, den direkten Erfolg meiner Arbeit zu sehen, zum Beispiel, wenn ich ein Porträt einer geliebten Person male oder eine Landschaft, mit der eine Erinnerung verbunden ist. Nebenbei gibt es in der Kunst- und Kulturgeschichte zahllose Beispiele von Künstlern, die einen Zweitberuf hatten. Vincent Van Gogh versuchte sich als Verkäufer, Lehrer und Hilfsprediger, Paul Cézanne war Banker. Manche von ihnen gaben irgendwann ihren Beruf für die Kunst auf, andere behielten ihn Zeit ihres Lebens.

Wie viel Zeit kannst du aktuell für die Malerei erübrigen?

Lena Stöllinger: Circa 15 Stunden pro Woche – mal mehr, mal weniger. Ich versuche mit einem relativ strikten Wochenplan meine Zeit gleichzeitig aufzuteilen zwischen Wissenschaft und Kunst. Von Montag bis Donnerstagmittag bin ich Lena Stöllinger, Soziologin und Wissenschaftlerin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Von Donnerstagmittag bis Sonntagabend bin ich Stella Löninger, Malerin und Betreiberin eines Kunst-Business. Meine Schulzeit in der HBLA hat sich hier bezahlt gemacht, weil Rechnungswesen und BWL am Stundenplan standen, aber ein Geschäftsmodell zu entwickeln und am Laufen zu halten musste ich mir selbst beibringen. Es geht ja nicht ums Malen allein - die Bilder müssen fotografiert, bearbeitet und vermarket werden. Dann muss noch Zeit vorhanden sein, um mit den Klienten zu kommunizieren, die Social Media-Plattformen zu bespielen, die Website aktuell zu halten, sich um Ausstellungen kümmern und vieles mehr. Diese Dinge gehören nun mal dazu, auch wenn sie nicht immer zu 100 Prozent Spaß machen.

Was hast du über die Malerei über dich herausgefunden?

Lena Stöllinger: Vor allem habe ich gelernt, dass eigentlich kaum etwas, was ich über Malerei zu wissen glaubte, zutrifft. Ich hatte zwar immer schon eine gewisse Begabung fürs Zeichnen, aber ich fand heraus, dass Malen ganz anders ist. Man arbeitet nicht mehr mit Linien, sondern mit Flächen, und danach, ob man mit Acryl oder Ölfarbe arbeitet, richtet sich die Herangehensweise. Natürlich kann man immer einfach drauf los malen, aber irgendwann hatte ich eine Grenze erreicht, wo mein Können nicht mehr ausreichte, um mich auf der Leinwand auszudrücken, weil mir das technische Wissen fehlte. Ich musste also wirklich von vorne anfangen und die Malerei wie ein Handwerk, das man lernen kann, betrachten. Am Anfang malte ich Porträts, Landschaften und Wasser, erstellte Farbmischungen, überlegte Konzepte. Vor ein paar Monaten habe ich die Netflix-Serie „Das Damengambit“ gestreamt, und es gab darin einen Satz, den die Hauptfigur Beth Harmon kurz vor der Weltmeisterschaft sagte, der mir in Erinnerung blieb: „Ich muss jeden Tag üben. Mindestens acht Stunden am Tag.“ Mir geht es ebenso: Malen ist ein Vollzeitjob, man lernt nie aus.

Merkst du je nach Weiterentwicklung auch, dass sich die Rückmeldungen auf deine Bilder ändern?

Lena Stöllinger: Durchaus. Malen hat mir gezeigt, dass Bilder eine universelle Sprache haben. Eine Frau aus den USA kaufte eines meiner Bilder und schrieb mir, sie hätte geträumt, sie wäre genau diese Person auf dem Bild. Bei dem Gemälde handelte sich um eine Frau mit roten Haaren unter Wasser mit dem Titel „Deep“. Ich hatte einen ähnlichen Traum, und daher war ich sehr berührt von den Schilderungen der Käuferin, die sich selbst in einem meiner Werke gefunden hat. Jeder Kauf eines meiner Bilder - sei es ein Original oder Kunst-Druck - verbindet mich mit einer Person auf der Welt. Die Besitzer meiner Kunst bekommen einen Seelensplitter von mir, der zu ihrer Seele spricht. Dieser Gedanke gibt mir viel Rückhalt in Zeiten, in denen zwischenmenschlicher Austausch und Nähe oft nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich sind.

Mit deinen Bildern erreichst du Menschen auf ganz vielschichtige Weise. Für Künstler, wie du schon sagst, eine wichtige Bestätigung. Was wünschst du dir für deine berufliche Zukunft?

Lena Stöllinger: Für mich persönlich wünsche ich mir eine eigene Galerie in Salzburg - ein Projekt, an dem ich dran bin. Ganz allgemein erhoffe ich mir von institutioneller und politischer Seite mehr Unterstützung für junge Künstler. Es gibt sehr viele Kreative und Kunstschaffende, deren Werke mehr Aufmerksamkeit verdienen würden, die aber keine Möglichkeit finden, sie zu präsentieren und sich Know-how über den Kunstmarkt anzueignen. Häufig scheitert es an den nötigen Kontakten. Wer nicht gut vernetzt ist und niemanden kennt, kommt auch zu nichts, das ist in der Kunst leider nicht anders als in den meisten Wirtschaftszweigen. Mehr institutionalisierte Förderungen würden dem Abhilfe schaffen.

Außerdem wünsche ich mir mehr gesellschaftliches Ansehen für künstlerische Arbeit. Es herrscht ein interessantes ambivalentes Verhältnis zu Kunst in der heutigen Zeit. Noch nie wurde am Kunstmarkt so viel Geld ausgegeben wie heute - etwa für Banksys Werke oder Frida Kahlos „Diego y yo“, das kürzlich in New York um 30,7 Millionen Euro versteigert wurde. Gleichzeitig hatte der Beruf Künstler gesellschaftlich und politisch selten zuvor so wenig Relevanz wie heute, was besonders während der Pandemie sichtbar wurde. Dabei wäre ohne Kunst und Kultur unser Dasein ziemlich langweilig.

Autor: Ute Daniela Rossbacher, 22.12.2021