Rekordsummen für Bilder: Wie sich der Wert eines Kunstwerks zusammensetzt

Warum sind manche Menschen bereit, ein Gemälde um Hunderte Millionen Euro zu ersteigern? Zu einem guten Teil, weil die Mechanismen der Kunstszene ihren eigenen Reiz auf Sammler ausüben. Ein Blick hinter die Kulissen.
Autor: Lena Stöllinger, 22.06.2022 um 15:08 Uhr

Was würden Sie mit 450 Millionen US-Dollar machen? Die meisten von uns würden wahrscheinlich erst einmal ihre Schulden abbezahlen bzw. Geld auf die hohe Kante legen, sich ein Haus nach Maß leisten und einfach für den Rest des Lebens in einer Hängematte chillen. Es gibt aber auch Menschen, die für schier unglaubliche Rekordwerte Kunstwerke auf internationalen Auktionen erstehen.

"Der Schmerzensmann" von Sandro Botticelli | Credit: ED JONES / AFP / picturedesk.com

Das teuerste Gemälde aller Zeiten

Das bisher zum höchsten Preis aller Zeiten versteigerte Gemälde ist Leonardo DaVincis "Salvator Mundi" - auch "Weltenretter" genannt, das 2017 im New Yorker Auktionshaus Christie's genau die eben genannte Summe von 450 Millionen US-Dollar erzielte. Gemunkelt wird, dass es sich nun im Besitz der saudischen Königsfamilie befinde. Nicht ungewöhnlich, dass diese Information gut gehütet wird. Nur selten erfährt man, wer sich die gefragten Gemälde gesichert hat. Um unerkannt zu bleiben, schicken die meisten Interessenten stellvertretend lieber vertraute Angestellten vor.

Gründe der Wertsteigerung

Dessen ungeachtet gilt: Rekordsummen, die für Kunst ausgegeben werden, verblüffen die Öffentlichkeit. Vor allem, wenn fünf- oder sechsstellige Summen in Werke investiert werden, die in den Augen der meisten an Bilder erinnern, die kleine Kinder in ihrem Überschwang mit flottem Pinselstrich malen, oder den "Das kann ich auch"-Reflex auslösen. Bedenkt man, dass so manches Gemälde kaum größer, wenn nicht sogar kleiner als ein Blatt im DIN A4-Format ist ("Mona Lisa" etwa), noch mehr.

Aus Sicht von Investoren und Kunsthändler ist der tatsächliche Wert eines Kunstwerks jedoch nicht immer so willkürlich festgesetzt, wie es auf den ersten Blick scheint. Das zeigt das Beispiel "Salvator Mundi" eindrucksvoll.

Echtheitszertifikat

Ursprünglich wurde "Salvator Mundi" 1958 für läppische 45 Pfund versteigert, weil man aufgrund des damaligen Standes der Technik noch nicht eindeutig belegen konnte, dass das Kunstwerk tatsächlich aus Leonardos Pinsel stammte. Dass das Kunstwerk von einem anerkannten Meister seiner Zeit stammt (oder man das zumindest nicht ohne Grund annahm), hob im Lauf der Zeit den Preis ordentlich an. Die mittlerweile erfolgte Authentisierung des Bildes in Form eines Echtheitszertifikats führte am Ende zu seiner massiven Wertsteigerung.

Limitiertes Gesamtwerk

Allein, dass Leonardo, dessen sterblichen Überreste schon seit Jahrhunderten in Frankreich nahe dem Schloss Clos Lucé ruhen, naturgemäß keine neuen Bilder mehr malen kann - die Zahl seiner Werke also limitiert ist - macht ihn unter Sammlern und Kunstkennern noch begehrenswerter. Ein zusätzlicher "Preistreiber, wodurch seine Bilder in einer Liga mit raren Edelsteinen spielen.

Kunstwerke von Marc Chagall in einer Ausstellung | Credit: CHRISTOPHE ARCHAMBAULT / AFP / picturedesk.com

Bedeutung des Künstlers

Ein weiterer Grund, warum gewisse Kunstwerke teurer als andere verkauft werden, ist der historischen Bedeutung der Künstlerin oder des Künstlers geschuldet. Leonardo war nicht nur Maler, sondern galt als Universalgenie und Visionär, der seiner Zeit weit voraus war.

Nachfrage

Der Wert eines Gemäldes ist auch immer davon abhängig, wie viel Menschen dafür zu bezahlen bereit sind. Angenommen, Leonardos Werke wären nie gefunden worden und seine Aufzeichnungen irgendwo in der Weltgeschichte verloren gegangen: Selbst, wenn eines seiner Bilder auftauchen würde, wäre vermutlich mangels Kenntnis über seine Person und die Ära, die er geprägt hat, niemand bereit, derartig hohe Summe dafür auszugeben.

Auktionärin Victoire Gineste von Christie's versteigert eine erst kürzlich entdeckte Zeichnung von Michelangelo um 20 Millionen Euro | Credit: EMMANUEL DUNAND / AFP / picturedesk.com

Kunst als Investition

Gerade in der Gegenwartskunst beeinflusst die zu erwartende Bedeutung Kunstschaffender wesentlich die Preisentwicklung ihrer Bilder. Die Frühwerke von Frauen und Männern, denen entsprechende Aussichten auf eine glänzende Zukunft bescheinigt werden, legen Galeristen ihren Kunden gezielt nahe. Das Angebot ist zu verlockend: Wer sich bereits jetzt Bilder sichert, solange sie noch zu erschwinglichen Preisen zu haben sind, darf in einigen Jahren auf eine enorme Wertsteigerung bauen, die im Fall eines Weiterverkaufs hohe Summen garantieren.

Nicht zuletzt deshalb haben sich Kunstwerke der Gegenwart als beliebte Spekulationsobjekte etabliert – nicht nur unter Millionären, sondern vielmehr noch unter jenen, die es einmal werden wollen.

Zur Autorin

In der Malerei hat die aus Oberösterreich stammende Künstlerin Lena Stöllinger ihre Bestimmung gefunden. Wenn sie nicht gerade unter ihrem Künstlernamen Stella Löninger an einem neuen Bild malt, studiert die Wahl-Salzburgerin Soziologie. Auf www.weekend.at gibt sie Einblicke in die wunderbare Welt der bildenden Kunst.