Der Fall Britney Spears: Welche Verantwortung haben wir?

Britney Spears: Anfang der 2000er-Jahre war sie umjubelter Popstar und Vorbild Tausender Mädchen. Und heute? Nach 13 Jahren Vormundschaft von ihrem Vater Jamie Spears endlich wieder (beinahe) frei. „Unhaltbar“ nannte die Richterin bei der Verhandlung am 29. September die Vormundschaft und urteilte, dass Jamie Spears die Vormundschaft die Vermögenswerte betreffend unverzüglich ablegen müsse. Ganz frei ist Britney aber noch nicht: Erst in einem späteren Verfahren soll über die vollständige Aufhebung aller Auflagen entschieden werden. Dann hat Jamie Spears auch keine Wirkmacht mehr, was Britneys gesundheitliche Therapien und Medikationen betrifft.

Free Britney

Der Weg zu dieser Gerichtsentscheidung war kein leichter. Denn es brauchte erst das Einverständnis des Gerichts, dass Britney sich überhaupt einen eigenen Anwalt, Mathew Rosengart, nehmen durfte, der ihre Interessen vertritt. Rückhalt bekam Britney bei diesem schweren Schritt neben der Bürgerrechtsorganisation ACLU auch von ihrem Verlobten Sam Asghari und der Bewegung #FreeBritney. Tausende Fans machten sich für ihr Idol stark und in den sozialen Medien und auf der Straße Stimmung. Mit Erfolg.

Ein Leben für die Show?

Britney Spears startete ihre Karriere vor über 20 Jahren. „Baby One More Time“ geistert wohl noch heute in den Köpfen der meisten herum – unabhängig davon, ob der Song einem gefällt oder nicht, eroberte er die Jugendzimmer der Welt. Britney Spears, ein Vorbild für Teenies, der Liebling der Mütter, ein Hingucker für die Männer. Denn Management entschied: alles für die Show. Und aus dem Kind, das im Micky Mouse Club tanzte, wurde in Windeseile eine Pop-Lolita. Es folgten wahre Paparazzi-Meuten, die Britney auf Schritt und Tritt verfolgten. Ihr keine Ruhe und kein bisschen Privatsphäre mehr gönnten. Britneys Leben wurde mehr als ein Leben für die Show. Es wurde ein Leben für die Öffentlichkeit.

Die Jagd nach der perfekten Schlagzeile

Britney im Club, Britney verheiratet, Britney schwanger, Britney geschieden, Britney mit Glatze, Britney schlägt mit einem Schirm auf das Auto eines Paparazzos ein – die Zeitungen liebten die Sängerin und weideten sich an ihr. Die Auflage gab ihnen recht. Dabei verkündete Britney Spears in Interviews stets, dass sie sich im Grunde nur eine Familie und ein normales Leben wünsche. Natürlich kann man jetzt einwenden, dass, wer den Schritt auf die großen Bühnen der Welt wagt, damit rechnen müsse, dass er von nun an im Rampenlicht stehen werde. Ja. Doch muss deswegen gleich das ganze Privatleben offengelegt werden? Dass dies bei Britney der Fall war und unmittelbar mit dem Zusammenbruch der Sängerin im Jahr 2007 steht, wodurch sie mehrmals hintereinander ins Spital eingeliefert werden musste, und ihr Vater Jamie Spears, der bis dahin wenig Kontakt mit seiner Tochter pflegte, infolgedessen ganz überraschend die Vormundschaft beantragte, zeigt die Doku „Framing Britney Spears“ von der New York Times sehr eindringlich.

Wie weit dürfen Medien gehen?

Jeder, der sich durch die Aufhebung der finanziellen Vormundschaft vor Augen führen möchten, wie Britney Spears zu dem wurde, was sie ist, ist mit dieser Doku mehr als nur gut beraten. In chronologischer und stringenter Erzählweise wird die Geschichte von Britney Spears anhand von Zeitungsberichten und alten Interviews der Sängerin nachgezeichnet. Für die Doku wurden zudem Freunde, Weggefährten, Richter sowie Anhänger der Bewegung #FreeBritney interviewt. Auch wer ihr skeptisch gegenübersteht, wird nach dieser Dokumentation nicht um die Frage herumkommen, wie weit Management und Medien einen Menschen ausbeuten dürfen, nur um hohe Quoten und Verkaufszahlen zu erzielen.

„Framing Britney Spears“ ist eine Dokumentation, bei der neben Britney die Verantwortung der Öffentlichkeit einem Menschen gegenüber die Hauptrolle spielt. Beim Schauen der Doku stellt sich unweigerlich die Frage, inwieweit es uns überhaupt zusteht, uns am Privatleben eines Menschen zu ergötzen – unabhängig davon, wie berühmt diese Person ist. Die Doku ist somit auch für dezidierte Nicht-Britney-Fans sehenswert und kann als Appell an Medien, Paparazzi und Zuseher verstanden werden, über das Recht auf Privatsphäre nachzudenken und dieses als schützenswert zu begreifen. Es als ein Recht zu verstehen, das – wenigstens bis zu einem gewissen Rahmen – allen Menschen gleichermaßen zusteht.

Nacktbilder

Über die Nacktbilder, die Britney Spears – nur wenige Tage nach dem Urteil die Vormundschaft betreffend – von sich auf Instagram gepostet hat, kann jeder denken was er will. Aber das geht auch im Stillen.

Zur Person

Die aus Südtirol stammende Schriftstellerin Isabel Folie ist Mitglied des intermedialen Kunstkollektiv Grauer Greif. Im Herbst 2021 ist ihr erster lyrischer Kurzprosa-Band "In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind" erschienen. Als "Passion Author" für www.weekend.at schreibt sie regelmäßig über Frauen in der heutigen Gesellschaft.

Autor: Isabel Folie, 06.10.2021