Sebastian Kurz: „Wir müssen die Gräben zuschütten“

Im Sommergespräch mit dem Weekend Magazin spricht Bundeskanzler Sebastian Kurz über seine persönliche Stressbewältigung, die Angriffe der Opposition, zu überwindende Gräben in der Bevölkerung und sein persönliches Babyglück.
Autor: Robert Eichenauer, 18.08.2021 um 10:32 Uhr

weekend: Jüngster Minister der Zweiten Republik, jüngster österreichischer Bundeskanzler aller Zeiten und ab Dezember der erste Bundeskanzler, der Vater wird. Herr Bundeskanzler, sind Sie auf Rekordjagd?
Sebastian Kurz: Diese Statistik kannte ich noch gar nicht. Ich gebe zu, dass wir uns sehr auf das Baby freuen und auch auf die ganz neue Verantwortung.

weekend: Haben Sie überhaupt schon Zeit gefunden, sich mit der Vaterrolle auseinanderzusetzen?
Sebastian Kurz: Ja, sicher. Ich habe immer gesagt, dass ich Familie und Kinder haben möchte. Insofern ist es keine große Überraschung. Mit 35 Jahren fühle ich mich auf jeden Fall bereit dafür.

weekend: Naturgemäß tauchen jetzt auch wieder Gerüchte um eine mögliche Hochzeit auf ...
Sebastian Kurz: (schmunzelt)Auch wenn ich ihr Magazin sehr schätze, werde ich dieses Thema privat lassen. Ich bitte um Verständnis, dass wir das nur zu Hause besprechen.

weekend: Nicht nur die Vaterrolle kann Stress verursachen, sondern auch der Job des Bundeskanzlers. Wie gehen Sie damit um?
Sebastian Kurz: Es ist sehr intensiv, das lässt sich nicht leugnen, aber auch nicht ändern. Aber: So intensiv es auch ist, so schön ist es, dem Land dienen zu dürfen. Solange ich das Gefühl habe, etwas Gutes tun zu können, ist es kein Problem, so viel zu arbeiten. In den letzten zehn Jahren habe ich zudem gelernt, mich stundenweise oder sogar mal einen halben Tag „rauszunehmen“ und durchzuschnaufen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

weekend: Was hat Sie mehr gefordert, die Coronakrise oder die Angriffe der Opposition?
Sebastian Kurz: Die Coronakrise war natürlich besonders herausfordernd. Es ist eine große Last und Verantwortung, Entscheidungen zu treffen, die das ganze Land betreffen und große Auswirkungen für viele Menschen haben. Man muss ständig zwischen dem Schutz der Gesundheit auf der einen Seite und den Grund- und Freiheitsrechten auf der anderen Seite abwägen.

Ich bin jemand, derTag und Nacht alles hinterfragt, jeden Beschluss, den wir fassen.– Sebastian Kurz über Selbstkritik

weekend: Nichtsdestotrotz mussten Sie in letzter Zeit viel Kritik einstecken, Stichwort Chatprotokolle. Auch eine mögliche Anklage steht im Raum. Sind diese Vorwürfe alle ungerechtfertigt oder müssen Sie da und dort selbstkritisch sein?
Sebastian Kurz: Natürlich. Ich bin jemand, der Tag und Nacht alles hinterfragt, jeden Beschluss, den wir fassen – immer wieder und tagtäglich. Es gehört aber auch dazu, dass man, wenn man so viele Entscheidungen trifft, nicht alles richtig machen kann. Andererseits kenne ich das politische Geschäft gut genug, um zu wissen, dass all diese Vorwürfe und die Vehemenz der Kritik auch das Ziel haben, die Mehrheitsverhältnisse zu verändern. Es kann halt keine Erbpacht der Sozialdemokratie auf den Bundeskanzler geben.

weekend: Haben Sie den Eindruck, dass das Klima im politischen Alltag in den letzten 10 Jahren noch rauer, noch gehässiger geworden ist?
Sebastian Kurz: Dass sich durch die sozialen Medien und andere Faktoren einiges verschoben hat – und zwar nicht zum Positiven –, spüren wir alle. Ich habe Grundwerte wie Leistung, Eigenverantwortung und Freiheit, für die ich brenne und bei denen ich auch eine harte inhaltliche Konfrontation nicht scheue. Auch die klare Positionierung in der Migrationsfrage gefällt einigen nicht. Aber ich versuche, nie jemanden persönlich anzugreifen.

weekend: Wie sehr trifft es Sie, der Lüge bezichtigt zu werden?
Sebastian Kurz: Sicher, das ist schon eine neue Dimension. Aber ich habe einige Jahre Zeit gehabt, mich auf schwierige Situationen vorzubereiten. Ich werde, seit ich Staatssekretär geworden bin, regelmäßig angezeigt. Als Bundeskanzler hat das freilich enorm zugenommen. Ich weiß die dutzenden Anzeigen, Verleumdungen und falschen Unterstellungen daher gut einzuordnen. Das Protokoll des Untersuchungsausschusses habe ich mittlerweile hunderte Male gelesen und immer noch nicht herausgefunden, was an meinen Aussagen falsch sein soll.

Die Weekend-Chefredakteure Robert Eichenauer und  Hans Huber im Gespräch mit Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Man muss ständig zwischen dem Schutz der Gesundheit einerseits und den Grund- und Freiheitsrechten andererseits abwägen. – Sebastian Kurz über die Herausforderungen in der Krise

weekend: Auch in der Bevölkerung werden die Auseinandersetzungen härter. Eine Imas-Studie besagt, dass die Österreicher durch Corona noch mehr gespalten sind als nach der Migrationskrise. Ist das ein Spiegelbild der politischen Kultur im Land?
Sebastian Kurz: Wir müssen die Gräben, die durch Corona entstanden sind, zuschütten. Es wäre fatal, wenn es uns zwar gelingt, die Pandemie zu besiegen und die Weltwirtschaftskrise zu überwinden, aber die Spaltung in der Bevölkerung würde bestehen bleiben.

weekend: Was ist dafür notwendig?
Sebastian Kurz: Jeder kann dazu einen Beitrag leisten. Wir sollten zunächst damit aufhören, jeden, der die Krankheit auf die leichte Schulter nimmt, als Coronaleugner zu bezeichnen. Umgekehrt ist nicht jeder, der sich um seine Gesundheit sorgt, paranoid oder überängstlich.

weekend: Die Agenda Austria hat errechnet, dass Corona einen Wohlstandsverlust von 140 Milliarden Euro verursacht hat. Wie wollen Sie diese Lücke wieder schließen?
Sebastian Kurz: Gott sei Dank zählen wir zu den Ländern, die relativ gut durch die Krise gekommen sind. Besser als viele andere. Ziel muss es jetzt sein, dass unsere Wirtschaft in den nächsten Jahren stark wächst und wir so unseren Schuldenstand verringern können. Für heuer sind ja 4 Prozent Wachstum zu erwarten, in den nächsten Jahren vielleicht sogar noch mehr.
 

Am meisten haben mich aber die Reaktionen auf die Tat schockiert. – Sebastian Kurz über den Mord an der 13-jährigen Leonie

weekend: Neben Corona hat in den letzten Wochen vor allem der Mord an der 13-jährigen Leonie für Entsetzen gesorgt. Sie haben eine harte Bestrafung gefordert. Reichen unsere Gesetze Ihrer Ansicht nach für solche Fälle nicht aus?
Sebastian Kurz: Es wird durch die illegale Migration nach Europa und nach Österreich leider auch ein bestimmtes Gedankengut und Gewalt importiert. Das hat in unserem Land keinen Platz. Am meisten haben mich aber die Reaktionen auf die Tat schockiert. Nämlich sofort zu hinterfragen, ob die Gesellschaft etwas falsch gemacht hat, weil die Migranten traumatisiert sind und sie daher nicht anders können, als solche Verbrechen zu begehen. Das hat mich sehr empört. Es muss klar angesprochen werden, dass es nicht nur viele Menschen gibt, die sich gut integrieren, sondern auch sehr viele, die ein bestimmtes Gedankengut und eine Brutalität nach Österreich bringen, die wir nicht tolerieren dürfen.

weekend: Diese Haltung führt auch immer wieder zu Differenzen mit den Grünen. Lassen Sie Ihrem Koalitionspartner genug Luft zum Atmen?
Sebastian Kurz: Selbstverständlich.

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